19. März 2008 Die Annäherung an den neuen Nissan GT-R ist anstrengend, aber lohnend. Man durchläuft nämlich mehrere Phasen der Erkenntnis, die allerdings ein gewisses Durchhaltevermögen voraussetzen: Das Auto fordert viel mehr als nur einen einzigen Blick. Denn dieser würde womöglich zu einer Fehleinschätzung führen: Seit 1998 ist uns kein Sportwagen (mit einer Ausnahme) begegnet, der einerseits von ähnlicher Hässlichkeit und andererseits von vergleichbarem Reiz geprägt worden wäre.
Der auf zwei Sitz- und zwei Notplätze ausgelegte Sportwagen misst in der Länge immerhin 4,67 Meter, da kann ein Zeichenstift auch in schönes Gleiten kommen. Aber der GT-R führt ein Design heran, das man wohlwollend mit einer Verwirrung der Begriffe erklären könnte. Denn Nissan spricht von einer bewussten Abgrenzung“ gegenüber europäischen oder amerikanischen Sportwagen und von maskulinen Elementen“, die Funktionalität und Leistungskraft“ betonen sollen. Nach unserem Verständnis muss maskulin nicht zur Klobigkeit tendieren, müssen Radhäuser nicht aussehen wie aufgeplatzte Sofaecken, sollte der Bug eines Autos von diesem Schlage nicht so unerwartet weich wirken, und ein männlicher Sportwagen muss auch nicht zwischen Wahn und Wirklichkeit die Kanten und Keile und Konturen durcheinanderwirbeln. Nirgendwo kommt beim GT-R eine Linie dort an, wo sie der Kunde erwartet.
Veranstaltungen von hoher Banalität
Gleichzeitig sind die Rundungen der Radhäuser oder die gesamte Fläche des Hecks Veranstaltungen von hoher Banalität. Der Spoiler auf dem Heck erfüllt vor allem die Träume der ländlichen Jugend, und Front- und Heckpartie wirken, als hätte jeweils eine Designabteilung daran gearbeitet, die von der Tätigkeit der anderen nichts wusste. Das war früher bei den einstigen Samurai-Schwertern auf vier Rädern anders. Der Toyota Supra war der erfolgreichste Japan-Versuch, in die Domäne der Alfa, Porsche, Ferrari, Jaguar, BMW, Mercedes-Benz und Maserati einzubrechen. Vom Supra gab es zwei Generationen, die zweite wurde bis 1997 in Europa verkauft und kostete zum Schluss rund 106.000 D-Mark. Das war viel Geld für ein japanisches Auto, aber man bekam dafür einen Doppelturbo-V6 mit 330 PS und eine Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h.
Bis zum Jahr 2005 hielt Honda mit seinem technisch und formal futuristischen NS-X die japanische Pole Position: Der Leichtmetall-Renner kam in seiner schärfsten Version auf knapp 300 PS bei einem Leergewicht von weniger als 1,5 Tonnen, aus dem Stand wurden 100 km/h in nicht einmal sechs Sekunden erreicht, und 270 km/h waren keine leere Versprechung. Rund 95.000 Euro kostete der NS-X, und er ist heute ein gesuchter Youngtimer.
Nicht weit von der Agilität einer Turbine entfernt
Wenn man beim Nissan GT-R in seinen Innenraum aus Raffinesse, Tradition, Zukunft und archaischer Gestaltung und dann in die Tiefen der Technik taucht, dann wird sein Klotz-Design verständlicher. Denn das Kleid ist Comic und Kalkül, und darunter steckt Hightech: Dem Nissan GT-R (das Kürzel hat bei der Marke schon eine gewisse Tradition seit 1964, zum Beispiel Skyline GT-R) werden mehr als 300 km/h als Spitze zugeschrieben. Dafür sorgt ein relativ kleiner V6 mit 3,8 Liter Hubraum, der von zwei IHI-Turboladern unter Druck gesetzt und auf eine Leistung von 383 kW (480 PS) gebracht wird. Für Kenner, die gerne das kalte Rieseln auf dem Rücken spüren: Von 3200 bis 5200/min gibt es durchgehend 588 Nm Drehmoment, und die Maschine dreht mit einem heiseren Bellen über bösartiges Kreischen bis zu einem furiosen Schrei jenseits von 7000/min spontan und verzögerungsfrei hoch, und trotzdem gilt: Das Abgas ist nach der Norm für ein Ultra Low Emission Vehicle“ eingestuft.
Euro 4 wird natürlich erfüllt, im Tank halten sich 71 Liter Super Plus auf, und laut Norm genügen 8,2 Liter auf 100 Kilometer. (Das haut jeden Sumoringer vor Lachen von der Platte.) Der Motor reagiert auf Gaspedalbewegungen, als hänge das Leben des Fahrers und seiner Kinder davon ab, und er ist mit seinen feinnervigen Äußerungen der Lebendigkeit nicht weit von der Agilität einer Turbine entfernt.
Der Hang zum schnelleren Leben
Munter waren die einstigen Japan-Renner schon vor zehn, fünfzehn Jahren: Neben Toyota und Honda verspürten auch Subaru und Mitsubishi und natürlich schon damals auch Nissan den Hang zum schnelleren Leben. Der Skyline GT-R bot zwei Garrett-Turbolader mit Intercooler auf, der 2,6-Liter-Reihen(!)motor kam auf 280 PS und schubste das knapp 1,5 Tonnen wiegende, unscheinbare Coupé in sechs Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h, über 250 km/h wurden geliefert.
Ein mächtiges Muskeltier war der Mitsubishi 3000 GT mit TwinTurbo und 286 PS aus drei Liter Hubraum. Allradantrieb setzte 407 Newtonmeter Drehmoment um in Traktion, und aus dem Stand wurden 100 km/h in etwa sechs Sekunden erreicht, 250 km/h waren eine angenehme Reisegeschwindigkeit zwischen den (keineswegs seltenen) Tankaufenthalten.
Der stärkste Nissan aller Zeiten
Der Nissan GT-R des Jahres 2008 soll eine reinrassige Fahrmaschine“ sein. Das sagt Michael Bierdümpfl, Sprecher der Marke Nissan in Deutschland, und der PR-Mann ballt dabei die Hände zu Fäusten und wirkt so entschlossen, als schnalze er eben mal bei 210 km/h vom sechsten in den fünften Gang, um sich eines vorwitzigen Dränglers zu entledigen. In Japan wird der GT-R schon verkauft – mit Erfolg, der überraschend kommt. Denn das Auto ist politisch sehr unkorrekt, und schon beim Ausfahren des zweiten Ganges droht dem Fahrer dort schwerer Kerker. Entweder liebt der Japaner schwere Strafen oder kasteit sich ununterbrochen oder holt den GT-R nur für die stundenweise gemietete Rennstrecke aus seinem Verlies.
In Deutschland wird der stärkste Nissan aller Zeiten“ für das dritte Quartal 2009 erwartet, schon heute weiß man, was er kosten soll: 74.990 Euro klingen wie ein Sonderangebot, wenn man auf den Preis des Porsche Turbo blickt. Für exakt die gleiche Leistung (!) von 353 kW (480 PS) aus 3,6 Liter Hubraum sind mindestens 140 152 Euro fällig. Die einzige (und ausreichende) Rechtfertigung dafür: Es ist ein Porsche.
Neben dem Nissan 300 ZX aus dem Jahr 1989 gehört zur Riege der japanischen Jagdgesellschaft noch der Subaru SVX. Dieser war vergleichsweise kommod, auch eher ein Coupé als ein Sportgerät, immerhin kam sein Boxertriebwerk auf freundliche 220 PS. Der Nissan GT-R ist ein Gefährt der Extreme. Ob er gut für die Extremitäten ist, das klären wir noch in diesem Herbst, der ein heißer wird.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Hersteller