Von Matthias Pfannmüller
24. Januar 2006 Mit mehr als 3000 verkauften Exemplaren ist der Gallardo das bisher erfolgreichste Modell in der Markengeschichte des italienischen Sportwagenherstellers Lamborghini. Eine offene Version ist seit längerem angekündigt; im April kommt der Gallardo Spyder nun zum Preis von 167.620 Euro auf den deutschen Markt.
Erstmals bei Lamborghini wird im Spyder ein elektrisch geführtes, voll versenkbares Stoffdach eingesetzt. Um die Kapuze aufnehmen zu können, wurde die gesamte Heckpartie höher gestaltet, ohne dabei die Proportionen zu stören. Der Spyder wirkt harmonisch und zelebriert die Kante ebenso gekonnt wie die geschlossene Ausführung. Das knapp geschnittene Top mit separat versenkbarer Glasheckscheibe und aufwendiger Gestänge-Kinematik stammt vom deutschen Systemlieferanten Edscha und faltet sich vollautomatisch innerhalb von 20 Sekunden unter die zerklüftete Motorhaube. Die ist einteilig und besteht aus Gewichtsgründen aus Karbon. Dank seiner zusätzlichen Karosserieverstärkungen ist der Alu-Sypder zwar sehr steif, mit einem Gesamtgewicht 1570 Kilogramm aber auch 130 Kilo schwerer als das Coupe.
Eines der schnellsten Kabrioletts der Welt
In der Fahrpraxis ist das freilich kaum spürbar. Das Softtop-Modell wird von der Antriebseinheit des Gallardo SE angetrieben, die 382 kW (520 PS) bei 8000 Umdrehungen in der Minute sowie ein maximales Drehmoment von 510 Newtonmeter bei 4250 Touren zur Verfügung stellt. Die Leistung des V-Zehnzylinders kann sich nicht nur sehen, sondern auch hören lassen: Drosselklappen in den Auspuffrohren sorgen bei gezügelter Fahrt noch für die Erfüllung der DIN-Norm.
Tritt man das Gaspedal jedoch entschlossen durch, brüllt der Fünfliter-Mittelmotor bei 2800/min auf, daß sich der Besatzung die Nackenhaare aufstellen, und der Spyder wird brachial nach vorne geschoben. Aus dem Stand vergehen bei vollem Leistungseinsatz nur 4,3 Sekunden bis Tempo 100 km/h. Mit Mütze auf dem Kopf ist der Gallardo nach Werksangaben maximal 314 km/h schnell, ohne Dach müssen 307 km/h genügen. Denoch gehört der Spyder zu den schnellsten Kabrioletts der Welt.
Exakt dosierte Gasstöße
Der permanente Allradantrieb, die Traktionskontrolle und vorzügliche Bremsen sorgen für relativ entspanntes Fahren. In engen Kurven verhält sich der Wagen lange spurstabil, bevor sanftes Untersteuern die Haftungsgrenze ankündigt. Schaltet man das grundsätzlich eingebaute ESP ab, sind gute Reflexe gefragt. Serienmäßig werden die sechs Gänge mit einem nach wie vor etwas knöchernen Schaltgetriebe sortiert. Das optionale, schnell agierende E-Gear-System mit Lenkradwippen ist zu bevorzugen - schon allein wegen der exakt dosierten Gasstöße beim Runterschalten.
Das eng geschnittene Cockpit ist mit feinem Leder ausgeschlagen; handwerklich perfekte Karbonblenden oder Bildschirmnavigation mit Speicherkartenanschluß kommen gegen Aufpreis dazu. Die Verarbeitung des Autos ist der Konkurrenz aus Maranello mindestens ebenbürtig. Hinter dem Lenkrad lassen sich die Proportionen des Fahrzeugs nur erahnen; optional gibt es eine Rückfahrkamera, die bei offenem Dach allerdings nicht viel bringt, weil der Bildschirm zu stark reflektiert. Rangieren gehört zu den weniger lustvollen Übungen im Spyder. Immerhin werden Spoiler-Schäden von einem Liftsystem an der Vorderachse vermieden, das dem Zweisitzer mittels Knopfdruck über grobe Bordsteinrinnen am Rande der Straße hinweghilft. Die erste Jahresproduktion (800 Einheiten) des neuen Lamborghini ist schon ausverkauft. Das wird Mutter Audi und Übermutter VW freuen.
Text: F.A.Z., 24.01.2006, Nr. 20 / Seite T3
Bildmaterial: Hersteller