Porsche im Comic

Die Sportwagen aus Tusche und Leidenschaft

Von Peter Thomas

01. Juli 2008 Hoffen wir, dass Ric Hochet all seine einstigen Dienstwagen in einer klimatisierten Garage abgestellt hat. Schließlich müsste der Comic-Detektiv, den Tibet (Zeichnungen) und André-Paul Duchâteau (Text) geschaffen haben, mittlerweile eine beneidenswerte Sammlung Zuffenhausener Sportautomobile besitzen. Der Amateurdetektiv und Journalist, der in deutscher Übersetzung Rick Master heißt, fährt seit seinen frühen Abenteuern gelb lackierte Porsche 911.

Porsche und die Comics, das ist eine Liebesgeschichte mit glanzvollen Höhepunkten und bissigen Satiren. Auf der einen Seite zelebrieren Serien wie „Michel Vaillant“ (F.A.Z. vom 7. Oktober 2007) die Rennerfolge der Marke. Andererseits fahren satirisch überzeichnete Unsympathen Porsche - so wie jener namenlose Schnösel aus dem „Spirou“-Album „Du glucose pour Noémie“ („Zucker im Tank“, 1976). Der Herr mit der Sonnenbrille kann es nicht verwinden, dass sein 911er von einem Duesenberg überholt wird, und traktiert das Porsche-Coupé mit Fußtritten. Vom innovativen Pilzgas-Motor unter der Haube des amerikanischen Roadsters kann der pomadisierte Choleriker ja nichts ahnen.

Von „Tintin“ bis „Franka“

Sportwagen von Porsche vermögen es zu polarisieren - auch wenn sie nur in Tusche und Farbe daherkommen. Die Präsenz des 911 und seiner Kollegen ist dabei kein Massenphänomen in der Neunten Kunst, wie das Genre Comic im französischen Sprachraum genannt wird: Die Bildgeschichten gäben viel leichter eine komplette Enzyklopädie der französischen Automobilmarken ab, und die Geschichte der Marke Mercedes-Benz lässt sich von „Tintin“ bis „Franka“ problemlos in allen Details erzählen. Porsche tritt da im Vergleich seltener auf.

Doch dafür ist es umso spannender, wenn Zeichner und Autoren einen Wagen aus Zuffenhausen bewusst als vierrädrigen Charakterdarsteller ins Bild rollen lassen. Dann wird auch deutlich, dass gerade der 911 ein im doppelten Sinne ikonisches Auto ist: Er steht für ein Lebensgefühl, für eine Ästhetik automobiler Kraft und Eleganz. Auch wörtlich ist der Porsche 911 eine Ikone: Kaum ein anderer Wagen lässt sich über Modellgenerationen hinweg so eindeutig durch die Linienführung seiner Karosserie - die das Comic in der Silhouette zelebriert - erkennen.

„Wer bremst, hat Angst!“

Aber es geht nicht immer um Eleganz und Leistung, wenn ein 911 durch die Panels der Bildergeschichten driftet. Zur Legende für deutsche Comic-Leser wurde im Gegenteil ein chronisch reparaturbedürftiger Porsche, dessen luftgekühlter Boxer erstmals 1985 brüllte. Kneipenwirt Holger montiert und justiert in dem norddeutschen Knollennasen-Epos „Werner“ (gezeichnet von Brösel) scheinbar auf ewig an seinem roten 911er. Das große Rennen gegen den gewagten Motorrad-Eigenbau des Anarcho-Schraubers Werner (angetrieben von vier hintereinander geschalteten Horex-Motoren) geht zwar unentschieden aus. Aber Holgers kapitaler Motorschaden in dem Band „Eiskalt!“ dürfte viel Werkstattarbeit verlangt haben, bis der Wagen in der Geschichte „Wer bremst, hat Angst!“ Jahre später in Richtung Hamburg fährt.

Von der Banalität solcher Hinterhofwerkstätten ist Larry B. Max viele amerikanische Meilen weit entfernt. Der kühle Hauptdarsteller der Serie „I.R.$.“ von Zeichner Bernard Vrancken und Texter Stephen Desberg tritt auf wie James Bond: hart, elegant, einsam, unbestechlich. Larrys Dienstherr ist allerdings nicht der britische Geheimdienst, sondern die amerikanische Finanzbehörde. Und statt eines Aston Martin steuert der Mann im Maßanzug schon in den beiden ersten Bänden „La voie fiscale“ (“Steuerprüfung“, 1999) und „La stratégie Hagen“ (“Die Hagen-Strategie“, 2000) einen Porsche Boxster. Für diesen modernen Ritter ist der Roadster die Rüstung im Alltagskampf gegen Drogenbosse und korrupte Industrielle. Eine Parallele zu James Bond gibt es auch bei den privaten Wagen des Amerikaners: Während 007 in seiner Freizeit vom DBS in seinen alten DB5 umsteigt, pilotierte Max nach Feierabend einst einen gepflegten 911 der ersten Baureihe mit den 1968 eingeführten fünfspeichigen Fuchs-Felgen. Der Porsche wurde jedoch bei einem Anschlag auf den Agenten zerstört, das beschreibt eine Rückblende im siebten Band „Corporate America“ (“Schwarzes Gold“, 2005).

Frankobelgische Comic-Tradition

I.R.$.-Zeichner Vrancken zeigt sich als Künstler ebenso vom Phänomen Porsche fasziniert wie sein Kollege Tibet (eigentlich Gilbert Gascard), verantwortlich für Ric Hochets Fuhrpark. Überhaupt hat die frankobelgische Comic-Tradition mit ihren abstrahierten Figuren und realistischen Szenerien eine Reihe beeindruckender Porsche-Porträts hervorgebracht. Zum Beispiel in „Tintin“ (“Tim und Struppi“), dessen Schöpfer Hergé selbst einen 356 fuhr und dieses Modell in seinem Album „Coke en stock“ (“Kohle an Bord“) festhielt.

François Walthéry hat einen weißen 911er sogar auf das Titelbild des „Rubine“-Albums „Cité modèle“ (die deutsche Übersetzung „Modellstadt“ bei Epsilon ist im Februar 2008 erschienen) gebracht - zusammen mit der rothaarigen Heldin. Und in der Serie „Natacha“ (Szenario von Mittéi) zeigt Walthéry neben den klassischen 911-Typen auch mehrere Porsche 914 im Einsatz als Streifenwagen der deutschen Polizei. „Yoko Tsuno“ von Roger Leloup und „Franka“ von Henk Kuijpers bieten dem 914er ebenfalls eine Bühne.

Aus temporeicher Perspektive zeigt unter anderem der von Marc Wasterlain gezeichnete Band „Quatre × quatre“ (“Paris-Dakar“, 1986) aus der Reihe „Jeannette Pointu“ (“Monika Morell“) Porsches Rolle im Motorsport. Der prominent ins Bild gerückte 959 Paris-Dakar holte 1986 bei der gleichnamigen Rallye einen Doppelsieg. Besonders umfangreich nähert sich „Michel Vaillant“ von Jean und Philippe Graton den Porsche-Sportlern. Den Anfang macht der Band „Le Circuit de la Peur“ (“Den Tod vor Augen“, 1961): Hier pilotiert der deutsche Rennfahrer von Richter Porsche RSK und Porsche 356 Carrera. In den folgenden Jahren messen sich unter anderem die Typen 959, 962, 962 C und 911 GT3 auf Rundkursen mit den jeweils aktuellen Vaillantes.

Das erste Comic-Album der Serie erschien 1963

Doch Maßstäbe hat für die Wahrnehmung von Porsche in der Comic-Welt wohl vor allem Ric Hochet gesetzt. Auf seine Wagen nehmen mit Augenzwinkern verschiedene andere Serien Bezug, indem sie ebenfalls gelb lackierte 911-Typen zeigen: So zum Beispiel „Cubitus“ von Dupa (“L'ami ne fait pas le moine“ / „Ein Hund geht fremd“, 1984), „Valerian“ von Jean-Claude Mézières und Pierre Christin (“Brooklyn station, terminus cosmos“ / „Endstation Brooklyn“, 1981) und „Largo Winch“ von Philippe Franq und Jean van Hamme (“Largo Winch et Groupe W“ / „Gruppe W“, 1977).

Schon historisch passen die Biografien von Hochet und dem 911er gut zusammen: Das erste Comic-Album der Serie erschien 1963 - im selben Jahr stellte Porsche auf der IAA den späteren 911 vor. Der Detektiv ist dem Porsche-Modell denn auch in seinen vielen Varianten treu geblieben. Da gibt es zum Beispiel das klassische 911 Coupé mit Fuchs-Felgen und Hörnchen an der Stoßstange in „Alerte! Extra Terrestres“ (“Angriff der Außerirdischen“, 1976). Fünf Jahre zuvor in „Les spectres de la nuit“ (“Die Schrecken der Nacht“) steuerte der ewig junge Mann mit dem hellen Tweedsakko noch die Targa-Version. Später sind unter anderem die Typen 930 (Porsche 911 Turbo) und 996 dazugekommen. Es gibt aber auch eine Titelzeichnung der Comic-Zeitschrift „Tintin“ von 1980, die Hochet am Steuer eines Porsche 924 zeigt. Immerhin ist der Transaxle-Wagen genauso gelb lackiert wie die sonst üblichen 911.

Einen echten 911 Targa, der jenem aus dem Titelbild des 1973 erschienenen Albums „Requiem pour une idole“ (“Ein Star wird entführt“) gleicht, zeigte die Ausstellung „L'automobile et la bande dessinée“ 2004 im Rahmen des Mondial de l'auto in Paris. Und aus dem Studio von Michel Arou-tcheff kam erst im vergangenen Jahr eine 38 Zentimeter lange Skulptur des Fahrzeugs samt Ric Hochet am Steuer und Commissaire Sigismond Bourdon als Beifahrer. Wer keinen echten Porsche-Klassiker kaufen kann, greift vielleicht zu diesem gut 500 Euro teuren Stück Kunsthandwerk.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: Epsilon Verlag 1991 / Schreiber & Leser 1991, Epsilon-Verlag, Schreiber & Leser 2005

 
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