Audi RS6 Avant

Sportwagen als Lastesel getarnt

Von Gerd Gregor Feth

14. Februar 2008 Wenn ein Auto schneller ist, als es aussieht, kann es nur ein Audi Avant mit dem unauffälligem Kürzel „RS“ an Front und Heck sein. Der neue RS6 ist der jüngste Spross der optischen Zurückhaltung.

Dass ein gut zwei Tonnen schwerer Kombi in nur 4,6 Sekunden von null auf 100 km/h sprinten und - bei entsprechend freier Strecke - im Nu 250 km/h erreichen kann (optional wird erst bei 280 km/h abgeregelt), lässt auf eine kleine Revolution im Motorraum schließen. Denn der Neue ist nochmals deutlich leistungsfähiger und stärker ausgefallen als sein keinesfalls schmächtiger Vorgänger von 2002.

„Wir könnten noch mehr“

Das Geheimnis heißt V10. Zwei Zylinder mehr als vorher, jetzt fünf Liter Hubraum samt der bekannten Direkteinspritzung (FSI) und kontinuierlicher Nockenwellenverstellung. Diese Neukonstruktion im RS6 kann von den beiden Turboladern so intensiv beatmet werden, dass eine Höchstleistung von 426 kW (580 PS) entsteht und ein maximales Drehmoment von gewaltigen 650 Newtonmeter in einem weiten Drehzahlband von 1500 bis 6250/min anliegt.

„Wir könnten noch mehr“, sagt Audis Motorenchef Axel Eiser stolz, aber das sechsstufige Wandlergetriebe von ZF (6HP28 A61) sei wieder einmal der limitierende Faktor. Vielleicht hat er bereits ein künftiges starkes Doppelkupplungsgetriebe (DSG) im Blick? Sicher ist, dass dieser neue V10-Grundmotor später einmal als hochdrehender Sauger auch den Lamborghini Gallardo und den Audi R8 antreiben wird.

Comfort-Stellung macht das Sportgeschoß alltagstauglich

Die in zehn aufgeladenen Töpfen erzeugte Kraft, die über alle vier Räder sicher auf die Straße geleitet wird, ist immens. Seit einiger Zeit geschieht das eher heckbetont: 60 Prozent des Moments auf die Hinterachse, 40 Prozent nach vorn. Die Neigung in schnellen Kurven zum unangenehmen Wanken oder beim Lastwechsel zum Nicken verhindert das serienmäßige Dynamic Ride Control (DRC); auf Wunsch können die Dämpfer in drei Stufen verstellt werden: „Sport“ für die Rennstrecke, „Dynamic“ für die ambitionierte Fahrt über die Autobahn und „Comfort“ für den Alltag.

Vor allem diese bei Sportfahrern wenig beachtete Comfort-Stellung verhilft dem Kraftpaket zu einer überlegenen Alltagstauglichkeit, wie erste Fahreindrücke ergeben haben. Denn sie macht das Fahrwerk keineswegs schwammig, sondern sorgt dafür, dass lange wie kurze Wellen auf der Fahrbahn zuverlässig weggebügelt werden; die Lenkung bleibt präzise.

Dass der Motor im Normalfall kaum wahrnehmbar zu Werke geht und das allgemeine Drehzahlniveau bei etwa 2200/min bleiben kann, ist der Turbotechnik zu verdanken. Denn beim RS6 hat Audi - im Gegensatz zu RS4, S8 und R8 - kein Hochdrehzahlkonzept umgesetzt. Aber bei Bedarf verwandelt ein beherzter Tritt aufs Gaspedal einen grummelnden RS6 nach einem winzigen Augenblick in ein fauchendes, deutlich hörbares Wildtier.

Bei der Frontschürze wird Nostalgie gezeigt

Ab Werk erhält der Wagen 19 Zoll große Räder, vorn mit einer Stahlbremsscheibe von 390 Millimeter Durchmesser, die von einem Sechskolbenfestsattel in die Zange genommen wird; hinten sind es 356 Millimeter mit einem Einkolben-Schwimmsattel. In Verbindung mit den optionalen 20-Zöllern wird eine Keramikbremsanlage verbaut, die für eine Laufleistung von 300.000 Kilometern gut sein soll.

Immerhin ist das fünfsitzige Gefährt für eine rollende Masse von 2655 Kilogramm zugelassen, die aus - optional - 280 km/h heruntergebremst werden muss. Als Normverbrauch gibt Audi 14 Liter Super (CO2: 333 g/km) auf 100 Kilometer an; bei Driftversuchen auf einer Rennstrecke können es schnell über 40 Liter werden.

An der Karosserie ist der hochpotente RS6 kaum zu erkennen, denn er sieht im Wesentlichen aus wie ein A6 Avant mit extra großen Rädern und einer tief heruntergezogenen Frontschürze mit großen Lufteinlässen. Nur ein Detail verrät ihn: Die ausgestellten vorderen Radkästen zitieren den Ur-Quattro aus dem Jahr 1980, der Audi zum sportlichen Image verhalf. Der RS6 ist seit kurzem für 106.900 Euro zu kaufen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Abdruck fuer Pressezwecke honora

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