Von Georg Weindl

Obwohl die kantigen Formen bis heute nicht jedem gefallen, ist der SL der Baureihe R 107 (1971 bis 1989) inzwischen ein gefragter Klassiker
30. Juli 2004 Achtzehn Jahre sind ein langes Autoleben. Gewöhnlich ereilt die Modelle nach spätestens sechs oder sieben Jahren das Schicksal des Modellwechsels. Neue Technik und veränderte Designvorstellungen sorgen für termingerechtes Ableben. Wesentlich längere Laufzeiten schaffen nur Klassiker wie der VW Käfer, der erste Mini oder der Porsche 911, bei letzterem lassen wir größere und kleine Modellpflegen mal außer acht. Andere Dauerbrenner sind der Land Rover (alleine die aktuelle, vierte Serie läuft schon 21 Jahre), der 240er-Volvo (1974 bis 1992), der erste Range Rover (1970 bis 1996) und natürlich auch der Mercedes-Benz SL der Baureihe R 107. Vom Debüt im April 1971 als 350 SL als Nachfolger des als Pagode bekannten 280 SL bis zum Produktionsende vergingen stolze 18 Jahre. Kein anderes Modell aus dem Hause Mercedes-Benz wurde länger gebaut. Und trotzdem blieb dem schwäbischen Luxuscabrio die große Liebe lange Zeit versagt. Dabei setzte der 350 SL zunächst eindrucksvolle technische Maßstäbe. Mit seinem 3,5-Liter-V8-Motor mit 200 PS distanzierte er den Vorgänger deutlich. Zahlreiche Verbesserungen in der Bodengruppe und im Rahmenbereich sowie eine deutlich verstärkte A-Säule brachten ein hohes Sicherheitsniveau, das angesichts der damaligen Diskussionen in Amerika um die Sicherheit von Cabrios auch erforderlich war. Das technische Konzept überzeugte, der Status als Luxuscabrio für Betuchte war unumstritten. Äußerlich blieb der R 107 über die 18 Jahre fast unverändert. Das Innenleben erfuhr neue stärkere Motoren wie in dem 450 SL (schon ab Oktober 1971) und dem späteren 500 SL, mit 240 PS die stärkste Variante. Nach unten rundeten der 280 SL (ab 1974) und später der 300 SL (seit 1985 statt dem 280er) mit Sechszylindermotoren die Palette ab. Der Basispreis stieg von 30000 Mark 1971 bis auf 75200 im letzten Produktionsjahr für den 300 SL.
Mehr als 237 000 Fahrzeuge des R 107 wurden gebaut. Eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Dennoch blieben dem SL die große Leidenschaft und der Status eines Kultautos lange verwehrt, was teils am vergleichsweise barocken Design gelegen haben dürfte. Nicht ganz unschuldig daran war auch die Popularität des SL im Rotlichtmilieu, wo man die teuren Zweisitzer gerne mit monströsen An- und Umbauten von Tunern wie König oder MAE individualisierte und sie dann wie straßenzugelassene Batmobile die Bahnhofsviertel bereicherten.
Mittlerweile kommen die frühen SL mit dem Alter von 30 Jahren und mehr in den Genuß des Oldtimerstatus (günstige Jahressteuer 192 Euro). Das geschah fast unbemerkt, denn bis vor kurzem fand der schwäbische Roadster nur bescheidenes öffentliches Interesse. Doch das hat sich in den vergangenen beiden Jahren schlagartig geändert, und der barocke SL steht vor einer eindrucksvollen Renaissance. Gut erhaltene Cabrios waren bis vor kurzem noch für 10000 Euro zu kaufen. Doch die Preise steigen rasant. "In den vergangenen zwei bis drei Jahren haben sie gut um 30 Prozent zugelegt", kalkuliert Rainer Böhringer, Inhaber eines Restaurationsbetriebes im schwäbischen Plüderhausen. "Die Leute verstehen langsam, daß der alte SL ein zuverlässiges und bequemes Auto ist, das man für relativ wenig Geld noch bekommt." Auch Jürgen Kreuer vom R/C 107 SL Club, in dem knapp 3000 Besitzer des SL und seines Coupe-Ablegers SLC organisiert sind, sieht eine deutliche Preissteigerung. Für einen SL im Zustand 2 zahlt man mittlerweile zwischen 13000 Euro für einen 350 SL und 23000 Euro für einen 500 SL mit Katalysator. Besonders gefragt und entsprechend teuer sind nicht die alten Modelle, sondern die der letzten Baujahre, vor allem wenn sie mit Abgastechnik ausgerüstet sind. Daß die günstigeren Sechszylinder-Varianten nur unwesentlich unter den dicken Achtzylindern liegen, das hat ganz pragmatische Gründe. Im Unterhalt sind sie deutlich günstiger vor allem wegen des geringeren Verbrauchs, wegen des niedrigeren Gewichts sind sie dabei kaum langsamer. Ein Aspekt freilich, der bei vielen SL-Besitzern nur eine untergeordnete Rolle spielen dürfte, da hier eher das gediegene Rollen als ein dynamischer Fahrstil gefragt ist. Frühe Modelle leiden unter dem Makel einer fehlenden Hohlraumversiegelung, das erklärt auch die signifikante Preisdifferenz. Richtig teuer wird der R 107 mittlerweile schon, wenn es sich um wenig gebrauchte Exemplare vom Ende der achtziger Jahre - idealerweise noch aus Erstbesitz - handelt. 25000 bis 30000 Euro sind für gepflegte Zweitwagen üblich. Und damit erreicht der alte SL bereits die Preisregionen des Nachfolgemodells.
Von diesem Nachfrageschub fast unberührt bleibt das Schwestermodell SLC. Das viersitzige Coupe wurde allerdings auch nur von 1971 bis 1981 produziert. Das eher biedere Image versuchte man mit diversen Rallyeeinsätzen des Sportmodells 450 SLC 5,0 und dem späteren 500 SLC aufzupeppen. Gut erhaltene SLC sind für weniger als 10000 Euro zu bekommen. Das liegt daran, daß Coupes als Klassiker üblicherweise billiger als die Cabriovarianten gehandelt werden. Außerdem gilt der SLC im Vergleich zum SL als Gebrauchsfahrzeug. "Der SLC wurde mehr beansprucht als der SL, der ja meistens ein Schönwetterauto war und dabei noch wegen des fehlenden festen Dachs stabiler gebaut war", sagt Jürgen Kreuer vom R/C 107 SL-Club. Rechnet man SLC und SL zusammen, entstanden genau 300175 Autos dieser Baureihe. Am häufigsten produziert wurde der 450 SL (1971 bis 1980), nämlich 66298mal. Der 420 SL (1985 bis 1989) ist mit 2148 Einheiten der seltenste.
Daß die Nachfrage und die Preise für den SL weiter steigen werden, das ist für Christian Treiber keine Frage. Der Leiter des Mercedes-Benz Classic Centers in Fellbach bei Stuttgart ist überzeugt, daß man erst am Anfang stehe. "Die Pagode als Vorgängermodell ist in der jüngsten Vergangenheit deutlich teurer geworden und für viele nicht mehr erschwinglich, und außerdem profitiert der R 107 vom allgemeinen Youngtimer-Boom." Das Interesse an den Autos aus den siebziger Jahren ist unübersehbar gewachsen. Schuld daran sind vermutlich viele Autoliebhaber, die ihre Kindheitsträume der damaligen Zeit heute erfüllen wollen und nun auch können. Wer sich vor 30 Jahren an der Scheibe eines 350 SL die Nase platt drückte und dieses unerschwingliche Luxusgefährt bewunderte, der sitzt heute selbst am Steuer und genießt nostalgische Wochenendausflüge.
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 31. Juli 2004
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