Von Hermann J. Müller
08. September 2004 GranSport heißt der neue Maserati in Anlehnung an einen Vorgänger gleichen Namens aus den 50er Jahren, und er ähnelt bis auf ein paar kleine Modifikationen an der Karosse dem eher zurückhaltend gestylten Maserati Coupé. Nur Kenner dürften die modifizierte Frontschürze mit vergrößertem Lufteinlaß, die neu gestalteten 19-Zoll-Räder und die ausgeprägten Seitenschweller registrieren, auch am Heck gibt sich der Neue dezent: Lediglich eine verschämte Abrißkante auf dem Kofferraumdeckel und die verchromte Maschendraht-Blende in der Heckschürze künden von der speziellen Mission des GranSport.
Maserati besinnt sich auf seine glorreiche Vergangenheit: Gleichzeitig mit der Rennpremiere des neuen Sportwagens MC12 sollen auch die Kunden des Hauses wieder die Möglichkeit zur sportiven Fortbewegung erhalten. Ihnen ist der GranSport gewidmet, und Maserati-Maestro Martin Leach rechnet damit, daß sich etwa 40 Prozent der Coupé-Käufer für die sportliche Variante entscheiden werden.
Ob die Modifikationen ausreichen, um deren sportliche Ambitionen zu befriedigen, muß sich noch zeigen. Denn auch unter der Haube hat sich nicht allzuviel getan. Hier residiert nach wie vor der bildschöne Ferrari-Achtzylinder, dem ein optimierter Ansaugtrakt und eine zweiflutige Auspuffanlage zu einem Kraftzuwachs in homöopathischer Dosis verhelfen: Die Leistung steigt von 287 auf 294 kW (390 auf 400 PS), das maximale Drehmoment um ein Newtonmeter auf 453. Ähnlich marginal fallen die Unterschiede in den Fahrleistungen aus: Während die Höchstgeschwindigkeit dank eines länger gestuften 6. Gangs immerhin um 5 auf 290 km/h steigt, ist der Fortschritt bei der Beschleunigung von noch akademischerem Wert: Der GranSport benötigt laut Werksangabe für den Standardsprint von 0 auf 100 km/h eine halbe Zehntelsekunde weniger (!) als das normale Coupé (4,9 Sekunden).
Fühlbarer wird die neue Sportlichkeit beim Fahrwerk. Härtere Federn, welche die Karosserie um zehn Millimeter tiefer auf dem Asphalt kauern lassen, und Pirelli-Pneus vom Typ P Zero Rosso Asimmetrico sorgen für kernigen, aber noch nennenswerten Komfort und ein deutlich verbessertes Einlenkverhalten.
Stark verändert hat sich nur der Innenraum. Er wird dominiert von ausladend geformten und elektrisch verstellbaren Sportsitzen in Rennoptik, die neben perfektem Seitenhalt überraschend viel Bequemlichkeit bieten. Modische Kohlefaser-Applikationen zieren Lenkrad und Mitteltunnel, ein zweilagiger High-Tech-Stoff umhüllt den Armaturenträger, und martialisch gelochte und geriffelte Pedale krönen den Fußraum. Da darf die höchste Weihe zeitgemäßer Sportwagen nicht fehlen: zwei serienmäßige Paddel hinter dem Lenkrad, über die sich die sechs Vorwärtsgänge anwählen lassen. Wenn dann die Steuerungselektronik des Cambiocorsa-Getriebes beim Runterschalten für energische Zwischengas-Stöße sorgt und der Achtzylinder im Schiebebetrieb in ein laszives Blubbern verfällt, wird es der geneigte Maserati-Kunde hoffentlich verschmerzen, für die Erfüllung seiner sportiven Anwandlungen 103 600 Euro bezahlt zu haben.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.09.2004, Nr. 208 / Seite T4
Bildmaterial: