
Mehr als 60 Stunden im Jahr stehen deutsche Autofahrer im Stau. Ein nicht unerheblicher volkswirtschaftlicher Verlust. Was wäre, wenn man sich diese jährliche Stauzeit einfach nehmen könnte wie den klassischen Jahresurlaub, nämlich am Stück? Dann könnte man doch einfach einmal im Jahr eine ausgewählte Autobahn für ein sehr verlängertes Wochenende in beide Richtungen sperren, und alle arbeiten gemeinsam auf einmal ihr Staukonto ab. An den anderen Tagen im Jahr wäre logischerweise freie Fahrt. Schon merkwürdig, dass noch niemand auf diese so bestechend einfache wie elegante Lösung gestoßen ist. Dabei spräche einiges dafür: Man könnte beispielsweise das größte Open-Air-Event der Republik gestalten, mit Partys, Public Viewing, Blogs und Tweets vom kollektiven Stillstand, Buden mit Fanartikeln des Bundesverkehrsministeriums und den üblichen Live-Schaltungen aller TV-Sender. Das wär doch mal was. Es entstünden durch den großen Feierstau womöglich Freundschaften fürs Leben, ach was, Bünde fürs Leben.
Aber nein. Der Stau, dieses mittlerweile intensiv beforschte Phänomen, entzieht sich dieser Vision. Und der mobile Mensch sowieso. Der amerikanische Journalist Tom Vanderbilt untersucht in seinem spannenden Buch „Traffic” (das auf Deutsch unter dem Titel „Auto” erschienen ist) die ganze wunderbare Welt des Verkehrswesens. In einem ist sich die Runde seiner internationalen Experten einig: Vorausschauende Verkehrsplanung kann nur dann funktionieren, wenn man den Faktor Mensch mit seinen nicht immer von der Vernunft gesteuerten Imponderabilien einbezieht. Andere Lebewesen, die ebenfalls in großer Zahl unterwegs sind, haben dagegen ein eingeschriebenes Muster der massenhaften Fortbewegung, das von geradezu synchroner und ökonomischer Schönheit geprägt ist. Heringe und Ameisen müssen sich nicht mit Auffahrunfällen aufhalten.
Man kann auch sagen, man gerät in einen Stau
Aber der Mensch kommt in den Stau. Man kann auch sagen, man gerät in einen Stau. Das klingt mehr nach Unwetter und höherer Gewalt. Jedenfalls ist es spätestens dann aus mit des Menschen Herrlichkeit. Entweder der Verkehr kommt komplett zum Erliegen, oder - was noch frustrierender ist - er robbt unentschlossen dahin wie eine riesige Raupe. Warum erlebt man eigentlich eher in einem Stau den Eindruck vergeudeter Lebenszeit? Vielleicht weil er in den meisten Fällen genau das ist: höhere Gewalt. Eine Verquickung von Umständen, auf die man keinen Einfluss nehmen kann. Der Fischschwarm als Ganzes wirkt gleichmütig, der Menschenschwarm in seinen einzelnen Blechkisten ist es nicht. Die Monotonie des Stop-and-go macht es einem schon schwer, schicksalsergeben Teil eines Flusses zu sein. Aber was bleibt einem anderes übrig? Der Stau ist halt die Fratze im Spiegel der Mobilität. Ein Skandalon. Spätestens im Stau erkennen aber auch wir, dass wir gerade dabei sind, ein konkretes Massenphänomen zu bilden, das es vielleicht sogar bis in die Abendnachrichten bringt oder vor dem zumindest im Verkehrsfunk gewarnt wird. Das eigentliche Problem aber ist das Paradox: Man befindet sich in einer langen, anonymen Reihe von Autos, die kaum vom Fleck kommen, und kommt doch den anderen Verkehrsteilnehmern wie sonst nie ungewohnt nah. Hilflos eingekeilt von den anderen, Blech- und Blickkontakt meidend, der Langeweile des Immergleichen ausgesetzt.
Besser, man entwickelt beizeiten Strategien gegen den Staufrust, denn die abgebremste Mobilität, die früher zu festgeschriebenen Urlaubszeiten (Werksferien) oder Arbeitszeiten entstand, hat sich wie eine Krake ausgebreitet. Nicht erst seit in diesem Sommer das Konjunkturpaket II Innenstädte, Bundesstraßen und Autobahnen mit Maßnahmen aller Art in Slalomstrecken verwandelt hat, häufen sich die Staus. Sie gehören zum Alltag wie Schnupfen, die jährliche Steuererklärung und kleinere Sinnkrisen. Was also tun, wenn man in einen Stau gerät und die Zeit bis zur zügigen Weiterfahrt sinnvoll nutzen möchte? Phantasien aller Art setzen eine gewisse Dauer voraus, hingegen ist eine Grundeigenschaft des Staus, dass er sich genau dann auflöst, wenn man es am wenigsten erwartet (oder wünscht). Damit entfallen eigentlich auch alle Versuche, für sich einmal in aller Ruhe eine Fibonacci-Reihe zu entwickeln, alle Maler des Quattrocento Revue passieren zu lassen, die Hauptschlachten der napoleonischen Kriege zu repetieren.
Oft ist man natürlich auch einfach mit sich und dem Stau allein
Man kann sich natürlich auch überlegen, was man in den 60 Stunden Staubundesdurchschnitt alles anstellen könnte. Okay, wie wäre es mit einer Aufzählung aller Bundesländer und ihrer Hauptstädte? Einkaufslisten im Kopf schreiben, Partnerschaftliches durchdeklinieren? Früher hätte man mit den vorhandenen Auto-Insassen „Stadt, Land, Fluss” gespielt, um sich abzulenken, oder Autokennzeichen geraten. Aber die nachwachsenden Rohstoffe in der zweiten Reihe haben heute Computerspiele (die sie übrigens, wie man hört, auch vom Quengeln abhalten) und die mitfahrenden anderen ein internetfähiges Handy, das sie in Anspruch nimmt.
Oft ist man natürlich auch einfach mit sich und dem Stau allein. Das eigentlich Anstrengende am Stau ist doch, dass nichts passiert, aber man trotzdem immer höllisch aufpassen muss. So ließe sich auch die Tätigkeit des Meditierens definieren. Ist das vielleicht die Antwort auf den Ennui der Gestauten? Den gedanklichen Lotus-Sitz hinterm Steuer einzunehmen, den Atem fließen zu lassen und die Gedanken beim Kommen und Gehen zu betrachten? Loslassen? Entspannen? Es wäre vielleicht eine Strategie, diese anschwellende Wut zu kanalisieren, die darin besteht, dass man schon wieder in der langsameren Reihe unterwegs ist oder der Schleichweg um eine Baustelle offenbar längst allen anderen bekannt ist. Es entstünde buddha-gleiches Mitgefühl für den reizenden Mitmenschen da vorne, der immer noch nicht begriffen hat, wie das Reißverschlussprinzip funktioniert. Oder für den netten, Nähe suchenden Zeitgenossen hinter einem, der die Zahl 30 auf einem runden Schild nicht zu deuten vermag.
F.A.S.
Alexandra Felts