Mercedes-Benz 450 SL

Das Kap der guten Autos

Von Stefan Diehl

24. August 2009 Mehr als 250.000 Deutsche können nicht irren. Schwalbengleich zog es allein 2007 so viele Germanen nach Südafrika. Gerade jetzt im kommenden Herbst lockt die Kapregion mit ihren phasenverschobenen Jahreszeiten europäische Touristen magisch an, weil im südlichen Afrika dann der Frühling beginnt. Um die Region zu erkunden, lässt sich ein durchaus praktischer Leihwagen vom Schlage eines Honda Jazz bei Hertz, Avis und Co. anmieten. Für Liebhaber und Kenner alten Blechs bieten sich in Kapstadt jedoch interessante automobile Alternativen. Südafrikaner lieben Oldtimer, und das warme Klima sorgt dafür, dass sie oft auch gut erhalten bleiben. Die meisten Autoverleiher führen als preiswerten Einstieg den Citi Golf (ab etwa 30 Euro pro Tag) im Angebot.

Der im afrikanischen Linksverkehr stets rechtsgelenkte Volkswagen ist quasi schon neu ein Oldtimer. Die Basis bildet der bei uns bis 1983 produzierte VW Golf I. Ohne ABS oder Servolenkung, stets nur moderat aktualisiert, ist der Citi bei Studenten ungemein populär.

Mercedes-Benz SL über afrikanischer Bucht und unter dem Gewicht der Sonne
Mercedes-Benz SL über afrikanischer Bucht und unter dem Gewicht der Sonne

Wer der Wasserkühlung nicht traut und es noch historischer mag, mietet sich einen alten Käfer beispielsweise bei Best Beetle. Die luftgekühlten Krabbeltiere sehen zwar teilweise reichlich ramponiert aus, erfreuen sich jedoch als unkonventionelle und robuste Leihwagen großer Beliebtheit am Kap (23 Euro pro Tag).

Die meisten Oldies sind Cabriolets

Die besondere automobile Wahl bieten Ullrich Walter und sein Team von Motor Classic Car in Kapstadt an. Seit gut vier Jahren vermietet der 44 Jahre alte Deutsche ausgesprochen gepflegte Oldtimer: vom 75er Alfa Spider (rund 100 Euro pro Tag inklusive 100 Kilometer) über den Austin Healey MK, Baujahr 1961, bis zum Morgan Plus 8 aus dem Jahre 1971 oder einem Jaguar E-Type von 1970. Die meisten Oldies sind Cabriolets, was bei durchschnittlich 300 Sonnentagen pro Jahr auch sinnvoll erscheint. Aber auch Limousinen wie ein Jaguar 420 (1968) oder Coupés wie ein Volvo 1800 S sind in der Auswahl. Und wer lieber gefahren werden möchte, wählt den Rolls-Royce Silvercloud von 1958, stilecht mit livriertem Chauffeur, der die Kunden auf Wunsch auch vom Flughafen abholt.

Mehr als 40 historische Automobile stehen penibel gewartet unter der Leitung des 71 Jahre alten deutschen Mechanikers Kurt bereit. Bei so einer großen Flotte an Traumwagen fällt die Wahl schwer. Der Düsseldorfer Walter kennt das schon: "Wir handeln schließlich nicht mit Produkten, sondern Träumen. Unsere Klientel mietet bei uns oft einfach den Wagen, den sie zu Hause in der Garage hat." Gute Idee, so entscheiden wir uns für den Mercedes-Benz 450 SL aus dem Baujahr 1978 in Brillantrotmetallic, da ein solches Modell gleicher Farbe seit Jahren unser zuverlässiger Begleiter durch den kurzen heimischen Sommer ist. Und weil der Entspannung suchende Urlauber nach dem gewohnten Einstieg auf der linken Seite nicht ständig ins Leere greifen mag, wählen wir ein europäisches Modell mit Lenkrad auf der "richtigen" Seite. Sofort fühlt sich der Besucher auch gut 9400 Kilometer vom Schwäbischen entfernt heimisch. Der vertraut klingende V8 des SL der Baureihe R 107 (Bauzeit 1971-1989) räuspert sich diskret kraftvoll wie Bariton Dietrich Fischer-Dieskau vor dem Auftritt. Entspannt gleiten wir mit geöffnetem Verdeck durch das Zentrum von Kapstadt. Entlang der bei Touristen beliebten Long Street zum Hotel Grand Daddy. Die cleveren Macher der angesagten Herberge haben auf das Flachdach des Hotels sieben aluglänzende Airstream-Wohnwagen gehievt und bieten diese Frischverliebten als unkonventionelle Hotelzimmer an. Neben dem luftigen Trailerpark lockt eine kleine Bar mit erfrischenden Drinks und toller Aussicht die Besucher an.

Noch schnell ein Blick auf die Baustelle des Stadions

Weiter entlang der Long Street führt der Weg zur bei jungen Kapstädtern wegen der vielen Restaurants beliebten Kloof Street und dann Richtung Tafelberg. An dessen unterer Seilbahnstation vorbei geht es wieder bergab. Noch schnell ein Blick auf die Baustelle des Stadions der Fußball-Weltmeisterschaft kommenden Jahres, bevor wir den röhrenden Benz-Hirschen nach Camps Bay dirigieren. Hier ist das ideale Revier zum Show-off. Weil dort sowieso alle genüsslich im Stop-and-go-Verkehr stecken, bleibt Zeit für diesen atemberaubenden Blick aufs Meer zur Rechten und für die anderen Schönheiten des Landes in den Cafés zur Linken. An der Atlantik-Küstenstraße entlang Richtung Hout Bay führt uns der Weg zum Chapman's Peak Drive, neben dem kalifornischen Highway No. 1 sicher eine der spektakulärsten Strecken der Welt. Ein kurzer Abstecher nach Boulders Beach in der Nähe von Simon's Town zur Pinguin-Kolonie rundet diesen erlebnisreichen Tag ab. Eine Tasse Kaffee später im Strandhaus daneben gleiten wir wieder zurück nach Kapstadt in den Stadtteil Vredehoek.

Dort müssen wir den roten Mercdes-Benz leider wieder abgeben. Doch das macht fast gar nichts, unser eigener SL wartet zu Hause in der wohltemperierten Garage auf letzte sommerliche Ausfahrten. Der deutsche Herbst kommt bald, und in Südafrika ist dann schon wieder Frühling.

Alle stehen und der Blick schweift in die Ferne
Alle stehen und der Blick schweift in die Ferne

Text: F.A.S.
Bildmaterial: Diehl

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