Ferrari Scaglietti

Endlich wieder Tempo 300!

Von Wolfgang Peters

Scaglietti: Ein Mütterchen von einem Ferrari

Scaglietti: Ein Mütterchen von einem Ferrari

16. Dezember 2006 Die Russen kommen! Dieser Ausruf war früher eine Botschaft des Schreckens. Das ist heute anders: Die Jungfrauen des kleinen schwäbischen Ortes knöpfen ihr Mieder lockerer, die Gastwirtin feuert die Köche an, und der Juwelier um die Ecke füllt das Gold in seinem Schaufenster nach und wechselt die güldenen Ringe aus. Die Buben in den kurzen Hosen laufen zusammen, denken überhaupt nicht an die Russen, und sie finden ihre Erwartungen bestätigt: Wir haben auf dem Marktplatz nur den Ferrari Scaglietti gestartet.

Wie es sich gehört, mit dem kurzen Meckern des Anlassers und mit zwei kleinen Gasstößen im Leerlauf. Am Rathaus klirren die Scheiben, in der Kirche flackern die Kerzen. Im Weihwasser bilden sich kleine Kreise, als ob die Tränen eines Engels hineintropften, der ohne Ferarri leben muß (schluchz!). Insgesamt ein Ereignis, das Vergangenheit und Zukunft zusammenführt und in der Gegenwart zu ausgiebigen Lobpreisungen der Lust am Leben führen kann. Oder zu jenen Schmerzen, die dem Fahrer seine eigene Unvollkommenheit bewußt werden lassen. Aber besser der Reihe nach.

In einem Ferrari fährt man nie allein

Ferrari Scaglietti: Mit ihm fährt man nie allein

Ferrari Scaglietti: Mit ihm fährt man nie allein

Man hatte uns den Scaglietti übergeben, so wie man jemandem die Tür zu einem Kellergewölbe, aus dem noch niemand entkommen war, mit einem unsichtbaren Lächeln öffnet. Unser Schicksal schien besiegelt, es war begleitet von erlesenen Zutaten, und es sollte seinen (schnellen) Lauf nehmen. Denn in einem Ferrari – ob es nun der Scaglietti oder der viel spitzere F40 ist – fährt man nie allein. Und das liegt nicht nur an dieser Beifahrerin mit ihren Beinen bis zu den Ohren und einem Flaum im Nacken, der weich ist wie der Samt am Revers einer Königin. Das liegt auch daran, daß diese unglaubliche Gemengelage rund um die Marke schon bei ihrer Nennung, später beim Anblick, dann beim Einsteigen, schließlich beim Starten und dann beim Fahren und wiederum beim Auslaufen eine Verdichtung erreicht, die höchstens noch bei zwei anderen Automarken vorstellbar scheint. Bei Ferrari ist sie am heißesten, und sie trägt die meisten Widersprüche heran. Aber auch das macht ihren Reiz aus.

Wer zu oberflächlicher Betrachtung neigt, könnte annehmen, ein Ferrari sei für den Freund des Automobils die höchste Stufe der Verlockung. Dem ist nicht so. Es ist die allerhöchste. Das freilich ist nur den wenigsten Menschen bewußt, einfach deshalb, weil sie es nicht wagen, sich auf dieses Feld der unbekannten, weil unbeherrschbaren Gefühle zu begeben. Der Grund: Sie haben Angst vor sich selbst.

Scaglietti kostet 218.000 Euro

In der Tat kann man vor diesem Scaglietti den Boden unter den finanztechnisch von Bausparverträgen geprägten Arbeitnehmerfüßen verlieren. Es überzieht den Betrachter ein Schwindelgefühl, nicht unähnlich jenem, als er auf der Universität zum erstenmal den Autopsieraum betrat und schon allein bei den Gedanken an das hier Verborgene drohte, nicht ganz, aber doch teilweise, entseelt umzusinken. 218.000 Euro sind nötig für den Scaglietti, weil er die Formel-1-Schaltung mit dieser Lächerlichkeit eines Hebelchens auf der Mittelkonsole hat. Damit sagt man dem Auto eigentlich nur, ob es vorwärts oder rückwärts fahren soll, und dann hämmert man sich mit den großen, wie fleischige Ohren eines verborgenen Tieres wirkenden und an der Lenksäule montierten Schalthebeln durch die Gänge und denkt eher an sein Gehör und überhaupt nicht mehr ans Geld. Und für den, der den Kern dieses Autos versteht, ist jeder Cent davon gut angelegt.

Endlich wieder 300. Tempo 300. Was für eine Beruhigung des Strebens nach Flucht. Ach, wie haben wir das vermißt, wie kann man leben ohne dieses feine Zittern des Zeigers, der rot ist und erst jenseits von 280 ein bißchen müde wird und glüht vor den ultimativen Ziffern. Wie kann man sich ein Leben vorstellen, das auskommt ohne jenen Bereich der Geschwindigkeitsanzeige, der zwischen 290 und 340 liegt und dessen Zahlen grün gefärbt sind und einfach gestaltet und erst ihre Bedeutung erhalten durch den Drehzahlmesser, direkt daneben, dessen roter Bereich bei 7500/min beginnt und in den man mit dem Siegesruf des brünstigen Elefantenbullen hineinstößt wie in eine andere Dimension? Wie arm ist eine Existenz ohne diesen Krampf im Nacken, ohne die Verhärtung einer Muskulatur, deren Existenz man zuvor kaum erahnte, ohne das Wissen um Bremsen, die sind wie kleine Anker. Endlich wieder 300. Knapp 320 lief laut Stoppuhr der von uns bewegte Scaglietti, aber unter uns Seelchen: ein Tempo für den Stammtisch, für das Geblubbere im Hafen von Saint-Tropez und nicht für deutsche Autobahnen. Da steht nämlich auch ein Scaglietti häufig nur dumm rum.

Unter der Haube eine Schatzkammer

Die Entdeckung des Reizes der Langsamkeit hebt diesen Scaglietti heraus aus der Menge anderer schneller Autos. Er ist immer ein Ferrari. Aber was für einer. Er ist ein Mütterchen von einem Ferrari, eine Art von doppelgesichtigem Auto: auf der einen Seite mit dem Charakter dieser ukrainischen Boxer, die aussehen, als ob sie sich von rohem Fleisch ernährten, und in Wirklichkeit im Fernsehen unseren Kindern die Milchschnitten wegessen.

Der Scaglietti hat eine Formel-1-Schaltung

Der Scaglietti hat eine Formel-1-Schaltung

Unter einer Haube, die vor dem Fahrer von Modena bis Brescia reichen kann, da tut sich eine Schatzkammer auf. Da liegen Himmel und Hölle eng beieinander. 5,8 Liter Hubraum, verteilt auf zwölf Töpfe, in Verbindung mit dieser Leistung und einem Drehmoment, das gierig schäumt und generös schiebt, das sind keine guten Voraussetzungen für eine Sparfahrt. Weil Papier geduldig ist (sic!), liegt die offizielle Angabe bei 20,7 Liter Super Plus für 100 Kilometer. Das wird nur erreicht, wenn man den Ferrari fährt wie einen Omnibus in der Ebene des Po. Aber wer tut das schon. Bereits zwei Gasstöße im Leerlauf entnehmen dem Tank teuren Sprit im Gegenwert eines Glases wunderbaren Barolos. Ferrari fährt man nur, wenn man sich beides leisten kann, maulen die Beine vom Beifahrersitz. Der Fahrer geht wieder auf 320.

Auto ist hungriger als der Fahrer

Wir beschleunigen den Scaglietti nur ganz sanft aus dem schwäbischen Ort hinaus. Das Auto soll als höflich und heimelig in Erinnerung bleiben. Die guten Manieren werden erst jenseits des Ortsschildes abgelegt. Der Fahrer merkt: Das Auto ist hungriger als er selbst (zum Mittagstisch gab es: schwäbischen Zwiebelrostbraten, Spätzle, geröstete Zwiebeln, sämige Soße, ein winziges Glas Trollinger), daneben der Bauch an den Beinen wurde wacker gefüllt, nach der ersten Kurvenkombination, die der Ferrari mit ruhigem Brüllen nimmt, wird auf dem Beifahrersitz gerülpst. Dieses Auto erzieht zur Mäßigung.

Tempo 300 kann mit diesem Flitzer locker erreicht werden

Tempo 300 kann mit diesem Flitzer locker erreicht werden

Aber in der Kurve wird dann endlich Gas gemacht, der Ferrari kommt ganz leicht über die Hinterräder nach außen, das CST-System sieht noch keinen Grund zum Eingreifen, gut so, denn nur so kann der Eindruck einer gewissen Unhandlichkeit überspielt werden. Dann die Gerade, bitte ohne Radarkontrolle, ach, man ist noch unter 100, der zweite Gang knackt sich vom dritten herunter hinein, die Motordrehzahl geht im Schiebebetrieb hoch, die Bremsen pressen ihre Backen zusammen wie der Fahrer, die Kurve wird enger als gedacht, doch das Auto schreit nach Leistung, und es befreit sich unter Gas selbst aus der Lage zwischen Hängen und Würgen, dann gewinnt man schon den dritten Gang. Auf Zug und unter Druck, so fährt sich der Ferrari Scaglietti am sichersten und beinahe frei wie das Spiel der Gedanken.

Text: wp/F.A.Z.
Bildmaterial: Hersteller

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