Hubert Spiegel

Mein Lieblingsbuch: „Die Macht der Gewohnheit“

Ein Schrecken, den wir lieben: “Die Macht der Gewohnheit“

Ein Schrecken, den wir lieben: "Die Macht der Gewohnheit"

29. August 2004 So wie Schahrasad, die Nacht für Nacht um ihr Leben erzählte, hat auch Thomas Bernhard um sein Leben geschrieben. Zumindest war das die Pose, in der er sich gefiel.

Dem Tod, eingedenk dessen alles lächerlich ist, war für Bernhard nur mit der Kunst beizukommen, mit der Literatur, mit dem Theater, das naturgemäß auch vollkommen lächerlich war. Bernhard wollte das Paradox der menschlichen Existenz, daß alles nach Sinn schreit und allenfalls Abwechslung findet, auf die Spitze treiben, die Schlinge immer weiter zuziehen und dabei lauthals lachen. Ein Kunststück, zweifellos. In seinen Theaterstücken ist es ihm geglückt.

Geisteskappe überm Stumpfsinn

Man liest Bernhards Komödien und stößt lachend auf die tiefste Verzweiflung, auf Unglückliche, Krüppel, Wahnsinnige, Sadisten und ihre Opfer. Sie alle werden auf die Bühne geschickt, um dem Stumpfsinn die Geisteskappe aufzusetzen, wie es in "Minetti" heißt. Sie jagen uns Angst ein, und sie werden der Lächerlichkeit preisgegeben. Aber das eine hebt das andere nicht auf. Das ist eine der Einsichten, die uns Bernhards Dramen schenken.

Daß auch das Fürchterliche lächerlich sein kann, wissen wir seit Shakespeare. Daß der Lächerliche seiner Lächerlichkeit zum Trotz fürchterlich sein kann, zeigt uns Bernhard. Der Theatermacher, der Weltverbesserer, der alte Artist Karl: hassenswerte, rührende Ungeheuer. Was wir hassen, kann uns immer rühren, wenn wir es verstehen.

Wir haben keine Wahl

Glücklich macht uns das nicht. Aber haben wir eine Wahl? "Wir wollen das Leben nicht, aber es muß gelebt werden", ruft der Zirkusdirektor Caribaldi aus, "wir hassen das Forellenquintett, aber es muß gespielt werden." Was geht mich das an, ein misanthropischer Tyrann, der zweiundzwanzig Jahre lang seinen Lebensüberdruß mit den vergeblichen Proben für das Forellenquintett zugleich nährt und betäubt? Nichts. Aber ich werde ihn nie vergessen.

Warum haben wir alle so viele Lieblingsbücher und nicht nur eines, wie es diese Serie von uns verlangt hat? Thomas Bernhard antwortet darauf mit einem Schreckenssatz: "Wir erkennen uns in jedem Menschen, gleich, wer er ist, und sind zu jedem dieser Menschen verurteilt, solange wir existieren." Wo Bernhard von Menschen spricht, können wir von Büchern sprechen. Denn wir erkennen uns in unseren Lieblingsbüchern und sind zu ihnen verurteilt, oft genug ein Leben lang. Diesen Schrecken können wir lieben.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.08.2004, Nr. 201 / Seite 45
Bildmaterial: Suhrkamp

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