Rezension: Sachbuch

Das also war des Strudels Kern

17. Oktober 2000 Sie hatten den Weltkrieg überlebt. Sie hatten gesehen, wie Gewißheiten im Zeitraffer fadenscheinig wurden. Sie waren durch eine historische Verdichtung gegangen, in der ein Jahr Zukunft und Geschichte derart zusammenpreßt, daß sie so ineinander verschmolzen für Jahrzehnte nicht wieder erscheinen. Sie waren heimgekehrt, und insbesondere wer aus bildungsbürgerlichem Elternhaus stammte, nahm nun das Studium auf, ganz so, wie man es in anderen Zeiten auch getan hätte - aber nun mit einem Rückraum der Erfahrung, der die Gegenwart des beginnenden Kalten Krieges als Kulminationspunkt einer Abfolge welthistorischer Konflikte seit der Französischen Revolution erscheinen ließ. Sie hatten den Weltkrieg überlebt und sahen sich unversehens an der Front eines "Weltbürgerkriegs". Sie sahen sich genötigt, den Bestand der ideologischen Versatzstücke durchzuschauen - und zu durchschauen. Und sie durften annehmen, daß es in Zukunft auf sie ankomme, nicht einfach im biologischen unvermeidbaren Sinn der Generationenabfolge, sondern weil sie eine Wahl zu treffen hatten, weil sie etwas herauszufinden hatten, weil sie vom Kamm der Ereignisse zu den bewegenden Kräften im Untergrund vorstoßen mußten.

Für manche Angehörige dieser Generation kam es zum "Rendezvous mit dem Weltgeist", wie Nicolaus Sombart seine Erinnerungen an die Heidelberger Jahre von 1945 bis 1951 überschrieben hat. "Als Studenten in Heidelberg hatten wir das berauschende Gefühl, an einem Anfang zu stehen. Die Welt mußte neu gedacht, neu vermessen werden - wir waren dazu bereit." Und weiter: "Ausgerechnet Deutschland war der Brennpunkt einer weltgeschichtlichen Konfrontation geworden. Hier verlief die Grenze im Kampf zwischen zwei Hegemonien, der letzten Endes mit geistigen Mitteln ausgefochten werden mußte. In diesem Kampf hatten wir - davon waren wir überzeugt - ein Wort mitzureden." Knapper und treffender kann man es nicht sagen, und es ist Teil dieser besonderen Situation, die nicht immer frei von Komik ist, daß anstelle des Weltgeistes wahlweise auch der "Heidelberger Geist" gesetzt werden kann, in dem Sombart zufolge Universalgeschichte und Kulturkritik lebenspraktisch wurden in der Einheit von "Liberalismus, Liberalität und Libertinage". Da kam also einiges zusammen für einen, dem es mit Glück und Chuzpe gelungen war, sich aus dem "baltischen Kessel" abzusetzen, und der dann, zweiundzwanzig Jahre jung, nach einem Intermezzo in englischer Kriegsgefangenschaft, in Heidelberg zu studieren beginnt und insbesondere von Alfred Weber angezogen wird.

Auch wenn Sombart einige Male der Versuchung erliegt, mit dem Spiegel in der Hand zu schreiben, so geben seine Erinnerungen doch einen recht genauen Eindruck von der intellektuellen und moralischen Verfassung jenes studentischen Kreises. Sombart führt uns in die ungeheizten Hörsäle, wo Jaspers über "Kollektivschuld" spricht, wir treffen Jaspers auf der Straße, wo er uns mit weit ausholendem Hutlüften grüßt, wir besuchen Jaspers zu Hause, wo er im Rahmen eines kalkulierten Zeremoniells empfängt oder genauer: Distanz markiert. Wir lesen in Sombarts Mitschriften so weitsichtige Formulierungen (wiederum von Jaspers) wie: "Philosophieren, das bedeutet: wir arbeiten an den Voraussetzungen der Möglichkeit universeller Kommunikation." Dazu paßt, daß Sombart als ein Zentralerlebnis seiner Generation die Herstellung der "Einen Welt" bezeichnet, lange vor den Interkontinental-Raketen.

Dann ein Abstecher zu Benedetto Croce, und man muß gelesen haben, wie Sombart die Atmosphäre der Denkfabrik in Neapel schildert mit all den Skurrilitäten eines "chronometrisch geregelten Tagesablaufs". Sehr genau sind seine Bemerkungen zum Wandel von Tradierungsformen: "Der Umgang mit Greisen ist eine Form des Umgangs mit der Geschichte. Heute sucht keiner mehr nach einem Meister, es sei denn, um ihn zu erschlagen. Das Wissen überträgt sich nicht mehr durch das gesprochene Wort in der Gemeinschaft des Wortes." Die Theorien der Wissensgesellschaft übersehen in der Tat, daß Wissen sich aggregiert und manifestiert in einer persönlichen Haltung, die ihm erst Form und Würde verleiht. Daß Wissen mit Lebenserfahrung verbunden und jedenfalls nicht beliebig abrufbar ist, bestätigt auch Sombarts Schilderung von Alfred Andersch, der ihm bei einem Zeitschriftenprojekt vor die Nase gesetzt wurde und ihm sogleich offenbarte, daß man nicht mehr in den zwanziger Jahren lebte: "Die verlorene Generation" sei einfach ein anachronistischer und absurder Titel für eine Zeitschrift. Das war also Andersch - "eine kleine Begabung, aber ein eiserner Wille". Ebenso ungekünstelt wirken Sombarts Schilderungen der Leseabende mit Dolf Sternberger, die noch einmal vor Augen führen, mit welchem Ernst Brechts "Maßnahme" gelesen wurde.

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Rendevous mit dem Weltgeist
von Sombart, Nicolaus
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Eher humoristisch sind dagegen jene Passagen zu lesen, in denen der Autor das Dreigestirn Hanno Kesting, Nicolaus Sombart und Reinhart Koselleck beschreibt und für die Rollenzuteilung den "Faust" bemüht. Danach soll Kesting Mephistoteles gewesen sein, Sombart natürlich Faust, Koselleck aber ein pergamentverliebter Wagner (wenn auch jener aus dem Zweiten Teil). Hätte die Historikerzunft doch mehr solcher Wagners, die intellektuelle Brillanz und Genauigkeit mit bohemehafter Liberalität vereinen. Sei's drum, Sombart war eben der Größte und der Schönste. Und glücklicherweise sind seine Empfindungen für die geistig-politische Gegenwart der späten vierziger Jahre weitaus feiner und genauer als die eine oder andere Personenbeschreibung. So faßt er genau, wie sehr man auf seiten der Deutschen den verlorenen Krieg unter dem Gesichtspunkt der "deutschen Katastrophe" sah, wie peripher und fast unwirklich dagegen die Massenvernichtung, insbesondere der Judenmord, wirkte.

Es liegen heute eine Reihe von Studien über diese Generation vor, die für die politische Kultur der Bundesrepublik so wichtig wurden. Bevor alles zu Papier und Zweitpapier wird, kann der Leser hier noch einmal Anschauung gewinnen.

Nicolaus Sombart: "Rendezvous mit dem Weltgeist". Heidelberger Reminiszenzen 1945-1951. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2000. 316 S., geb., 44,- DM.

Rendevous mit dem Weltgeist



Buchtitel: Rendevous mit dem Weltgeist
Buchautor: Sombart, Nicolaus

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2000, Nr. 241 / Seite L43

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