Von Andreas Platthaus
27. August 2006 Peter Parker ist Student und in den zahlreichen Stunden, die er außerhalb des Hörsaals verbringt, Spider-Man. Diese Beschäftigung als Superheld im steten Kampf um die Rettung der Welt hat natürlich Spuren hinterlassen - psychische Defizite und auch Wissenslücken. Als Parker in seiner Maske erstmals auf den Superschurken Electro trifft, der seit einem Blitzeinschlag in der Lage ist, Energie zu speichern und gezielt wieder abzugeben, da wirft der Held seinem Gegner einen Metallstuhl entgegen, um dessen Blitze abzulenken. Erstaunlicherweise funktioniert es, obwohl der Stuhl gar nicht geerdet war, und Spider-Man brüstet sich: Jeder, der auch nur ein bißchen was von Physik versteht, weiß, daß alle metallischen Gegenstände als Blitzableiter funktionieren können.
Das stimmt, allerdings müssen sie es nicht tun, und im konkreten Fall hätten sie es auch nicht getan. Solche törichten Phantastereien sind für die geistige Entwicklung der jungen Leser einfach Gift. In den Physikvorlesungen wird Peter Parker seinerzeit nicht Dauergast gewesen sein.
Aufmerksame Studenten
Heute ist er es, allerdings als Lehrmittel und nicht länger in New York, sondern an der Universität von Minnesota. Dort lehrt James Kakalios Physik und Astronomie, und er machte die erstaunliche Erfahrung, daß seine Studenten viel aufmerksamer zuhörten, wenn er physikalische Phänomene am Beispiel von Comics erläuterte. Also hat er diesen Teil seiner Vorlesungen ausgebaut, und nun ist ein ganzes Buch daraus geworden: Physik der Superhelden.
Geschrieben ist es, so hebt Kakalios an, für den interessierten Laien, der einen relativ schmerzlosen Weg sucht, sich mit den physikalischen Gesetzmäßigkeiten vertraut zu machen. Schmerzlos ist gut, denn hätten wir Spider-Man selbst geglaubt, hätte es im Ernstfall ziemlich schmerzhaft werden können. Das Buch richtet sich aber auch an eingefleischte Comicfans. Der Rezensent ist also ideal geeignet, die Probe aufs Exempel zu machen: Physik war in der Schule sein schlechtestes Fach, aber Comics kennt er viele.
Der Blitz fährt in den Stuhl
Nun versichert Kakalios, daß auch Comicignoranten ihren Spaß haben würden. Das mag sein, aber es ist zweifellos hilfreich, Geschichte und Charakter der amerikanischen Superhelden zu kennen. Das Buch bietet dazu etliche Fakten, aber richtig schön ist Wissenschaftlichkeit bei der Erforschung von Comics erst, wenn die inhaltlichen Gundlagen schon da sind. Sonst passiert es zu schnell, daß man über dem begeisterten Staunen, wie hier mit akademischem Ernst an einem Thema gearbeitet wird, das bislang eher als banales Amüsement galt, die eigene Aufmerksamkeit zurückschraubt und alles, was Kakalios erläutert, unhinterfragt akzeptiert. Dabei zeigt schon das Eingangsbeispiel des Kampfs zwischen Spider-Man und Electro, wo hier ein Haken liegt.
Aus der Sicht eines Physikers hätte Spider-Mans Verteidigung nichts bewirken können: Der fliegende Stuhl hätte den Blitz nicht angezogen, der dafür durch den bedauernswerten Spider-Man seinen Weg zur Erde gesucht hätte. Kakalios erläutert an diesem Beispiel sehr schön das Prinzip der elektrischen Ströme. Aus der Sicht des Lesers jedoch ist ja eingetreten, was physikalisch unmöglich sein soll: Der Blitz fährt in den Stuhl, Spider-Man bleibt unbehelligt. Kakalios weist den Comicautoren hier einen Fehler nach und geht dann wieder zur Tagesordnung über. Seine gängige Erklärung für physikalisch unmögliche Geschehnisse: wundersame Ausnahme. Seinen Spott hört man jedesmal heraus, wenn der Begriff fällt - und er fällt oft.
Ein Snap direkt neben dem Hals
Ein anderes Mal dagegen nimmt er die Bilder beim Wort. Eine der großen ungeklärten Fragen der Comicwelt ist der Tod von Gwen Stacy, der Freundin von Spider-Man. Ein weiterer Superschurke, der Grüne Kobold, entführte sie auf die George-Washington-Bridge und ließ sie von dort hinabstürzen. Spider-Man schoß einen seiner Spinnenfäden ab und fing damit Gwen im Flug knapp über der Oberfläche des Hudson ein, konnte aber nach dem Heraufziehen nur noch den Tod des Mädchens feststellen. Der Grüne Kobold triumphierte: Ein Sturz aus dieser Höhe töte jeden, und zwar noch vor dem Aufprall.
Das ist natürlich Nonsens, und Kakalios teilte es vor sechs Jahren in einem Leserbrief den Fans der Comicserie mit. Erst durch den Ruck, dem Gwen beim Abstoppen des Falls ausgesetzt war, brach ihr Genick. Dazu konnte Kakalios ein in das entsprechende Bild eingezeichnetes Snap! direkt neben dem Hals als Beleg anführen. Hier also akzeptierte er die graphische Darstellung als durchweg authentisch.
Spider-Man ist lernfähig
Die inkonsequente Behandlung der Quellenbasis nimmt seinen Ausführungen jedoch nichts von deren Anschaulichkeit. Am Fall von Gwen Stacy macht Kakalios Newtons zweites Bewegungsgesetz und das Prinzip des Kraftstoßes klar. Und immerhin konnte man schon im Jahr 2002 bemerken, daß Spider-Man höchstpersönlich entweder doch noch in den Physikvorlesungen von Kakalios gesessen oder dessen Leserbrief studiert haben muß, denn als nun ein Fensterputzer von einem Wolkenkratzer stürzte, hechtete der Held hinterher, fing den Mann und schoß dann erst den rettenden Spinnenfaden ab, dessen Kraftstoß er dank Superkräften ausgleichen konnte.
Solch enge Vermählung von Naturwissenschaft und Superheldengenre hat Tradition. Der unglaubliche Hulk ist im wirklichen Leben sogar Physiker, und gerne treten durchgeknallte Forscher als Widersacher auf. So sehen es schlichte Gemüter eben gern, unter anderen auch die Gründerväter des ganzen Genres, Jerry Siegel und Joe Shuster, die als Teenager Superman erfanden. Doch von wegen schlicht! Kakalios läßt ihnen höchste Weihen zukommen, denn schon in ihrer ersten gedruckten Geschichte von 1938 findet sich die Erzählung von der Explosion Kryptons, des Heimatplaneten von Superman.
Spitzen gegen das eigene Fach
Da man dieser Geschichte auch entnehmen kann, wie hoch Superman springen kann, folgert der Physiker Kakalios über den Zusammenhang von Absprunggeschwindigkeit und Sprunghöhe und die ersten beiden Newtonschen Axiome, daß Krypton eine fünfzehnfach höhere Gravitation als die Erde aufgewiesen haben muß. Und schon ergänzt der Astronom Kakalios, daß Newtons Gravitationsgesetz und Einsteins Formel E = mc2 die Grundlage für eine Berechnung der Dichte des Kerns von Krypton bieten, und siehe da: Die errechnete Dichte ist so hoch, daß der Planet explodieren mußte. Die Existenz von Himmelskörpern mit solcher Dichte war jedoch erst 1933 postuliert und noch viel später erst bewiesen worden. Deshalb mutmaßt Kakalios: Wären Siegel und Shuster vielleicht auf die Idee verfallen, ihren Superman-Strip in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift zu veröffentlichen, hätte die Geschichte der Naturwissenschaften ebenso wie die der Comichefte ganz anders ausgesehen.
Solche Spitzen, vor allem gegen das eigene Fach, durchziehen das ganze Buch. Dies sind die wenigen Stellen, denen man die Herkunft des Manuskripts aus den Vorlesungen noch anmerkt, denn was im Hörsaal gesprochen witzig klingt, wirkt gedruckt nur noch albern. Aber es ist beachtlich, wie Kakalios seine Leser von den Anfängen der Mechanik über Elektrizität, Thermodynamik und Magnetismus bis zur Festkörperphysik und damit Quantenmechanik und Stringtheorie führt. Nur gelegentlich löst er sich von seinen Comicquellen, etwa bei den Ausführungen zur Transistortechnik, für die er das Halbleiterprinzip durch das Bild eines Klassenzimmers beschreibt, auf dessen Stühlen die Elektronen ihre Plätze suchen. Hier ist man für zehn Seiten lang ganz weit weg von Superman und Co., doch wie Kakalios dann daraus die Fähigkeit Sue Storms von den Fantastischen Vier, sich für den sichtbaren Teil des Sonnenlichts durchsichtig zu machen, erklärt, hat etwas spielerisch Meisterhaftes.
Der Atomdezimator kann nicht funktionieren
Natürlich ist man als Comicleser auch bisweilen enttäuscht, etwa wenn man erfahren muß, daß der Atomdezimator, der in Entenhausen zuverlässig verkleinert, indem er einfach in regelmäßigen Durchgängen jedes zehnte Atom aus einem Objekt herauslöst, nicht funktionieren kann, weil dadurch die Funktion komplexer Strukturen verhindert würde. Andererseits bricht Kakalios eine Lanze für Paralleluniversen, wobei er wiederum zur Vorsicht mahnt: Die physikalischen Gesetze gelten selbstverständlich auch dort.
Erfreut jedoch nimmt man zur Kenntnis, wie wenig prinzipielle Einwände die Wissenschaft gegen die Eigenschaften von Superhelden hat. Selbst der Energiebedarf von Flash, den Kakalios für eine Laufgeschwindigkeit von fünfzehn Sekundenkilometern berechnet, reicht trotz des Bedarfs an einer Billion Sauerstoffmolekülen pro Sekunde nicht einmal annähernd hin, um die Atmosphäre wegzuatmen. Schwieriger wären wohl die 150 Millionen Cheeseburger zu beschaffen, die Flash als Nahrung benötigen würde. Da sich Kakalios über die weiteren Begleiterscheinungen eines solchen Stoffwechsels aber erfreulicherweise keine Gedanken macht, können wir nach der Lektüre seines Buches wieder beruhigt zu unseren Supermenschen greifen.
James Kakalios: Physik der Superhelden. Aus dem Amerikanischen von Doris Gerstner und Christoph Hein. Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Berlin 2006. 471 S., 39 Abb., geb., 29,90 Euro.
Text: F.A.Z., 25.08.2006, Nr. 197 / Seite 41
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