Berliner Poesiefestival

Supasistas großer Bruder

Von Wolfgang Schneider

14. Juli 2008 Dass Gedichte der Lautung bedürfen, wird bei Lyrikveranstaltungen gerne beschworen. Vergessen wird dabei, dass - anders als bei der Prosa, wo das Zuhören den inneren Leseakt allenfalls ein wenig entschleunigt - die stille Lektüre ganz anders funktioniert: Kein Mensch wird dreißig Gedichte hintereinander weglesen. Lyrik wird nicht linear aufgenommen; man erschließt sie sich eher spiralförmig in fortgesetzten Lektüren. Manche Zeile bleibt anfangs kryptisch, will wieder und wieder gelesen werden. Metaphern und Chiffren verlangen nach Pausen des Nachsinnens; man springt vor und zurück, um etwa ein Reimschema zu erkennen.

Umso mehr staunt man dann über die Sprachbegeisterung, die das überwiegend junge Publikum des Berliner Poesiefestivals auch im neunten Jahr zuverlässig ergriffen hat. Gebannt lauschen sie den Versen in Originalsprache. Insbesondere in der „Weltklang“-Nacht manifestiert sich die Lust an fremdem Wortgesang und poetischem Überschwang. „Echte Dichtung kann sich mitteilen, bevor sie verstanden ist“, meinte T.S. Eliot einmal.

Ansonsten bemüht sich das Poesiefestival, das in diesem Jahr in der Akademie der Künste im Hansaviertel stattfand und an neun Tagen 150 Autoren aus fünfundzwanzig Ländern vorstellte, dem eher geringen Spektakelwert von Lyrik durch die Kollaboration mit anderen Künsten aufzuhelfen. Vor allem wurde die alte Wahlverwandtschaft von Lyrik und Musik zur Geltung gebracht. Vorbei die Tage, als sich ein Jazzfan wie Ernst Jandl beim Vortragen seiner komischen Verse von schnaubenden Big Bands begleiten ließ. Heute sind DJs, Laptopmusiker und Elektrobeatfrickler die gesuchten musikalischen Kompagnons. Die Gedichtvertonungen, die in der Veranstaltung „e.poesie“ vorgeführt wurden, klangen zum Teil wieder einmal gut deutsch nach Kraftwerk - immer förderungswürdig.

Ein Sprachgefühl, das nicht auf Skepsis, sondern auf Emphase setzt

Deutlich wuchtiger kamen die Beiträge der Hiphop-Sektion daher. Mit Ursula Rucker und Mike Ladd hatte das Festival zwei herausragende Protagonisten der nordamerikanischen Spoken-word-Szene geladen. Von ihrer musikalisch experimentierfreudigen Kunst des Sprechgesangs fühlen sich weniger „Gangsta“ als „Akademika“ angesprochen. Nach eher zaghaften Dichterlesungen war der elementare Sprachgenuss, den Rucker über den Loops von Christof Kurzmann mit einer kräftigen Prise Philadelphia-Soul zelebrierte, jedenfalls ein Ereignis, auch wenn ihre Geschichten von männlicher Gewalt, Drogen, hassgeladenem Sex und fortgesetzter Sklaverei übliche Topoi des Genres abrufen. Manches, was die Mutter von vier Kindern und bekennende „Supasista“ vorträgt, klingt, in Ruhe betrachtet, vielleicht etwas floskelhaft („Why can't we be more peaceful to one another?“). Aber das Sprachgefühl des Rappers setzt nicht auf Skepsis, sondern auf Emphase.

Auch der Bostoner Mike Ladd bemühte sich im Poesiegespräch, dem Negativ-Image des Hiphop entgegenzuwirken. Er habe ein „humanistisches Element“ beizutragen, und sei es nur, indem er die „authentische Umgangssprache“ bewahrt. Mit Sinn für dadaistische Sprachkomik erzählte Ladd seine skurrilen Geschichten. „Easy Listening 4 Armageddon“ oder „Welcome to the Afterfuture“ lauten Titel seiner vielgelobten Alben. Ladds Auftritt mündete in einer losgerockten Interpretation der Langston-Hughes-Ballade vom Selbstmörder, der vor der Kälte des Wassers und der Tiefe von vierzehn Stockwerken zurückscheut und zur Lebensfreude zurückfindet: „Life is fine.“

Dem multikulturellen Zauber muss wohl aufgeholfen werden

Wenn sich das Festival in diesem Jahr mit Portugiesisch wieder einen sprachlichen Schwerpunkt gesetzt hatte, sollte damit nicht zuletzt ein poetischer Karneval der Kulturen heraufbeschworen werden, in dem sich Alteuropäisches mit dem Exotismus afrikanischer Küsten und der Lebensfreude Brasiliens mischt. Das Verlangen nach lyrischer Weltmusik bediente am ehesten das gemeinsame Konzert der Musiker und Autoren Arnaldo Antunes und Chico César.

In der Diskussion allerdings, die nach der postkolonialen Situation der Poesie in der lusophonen Welt fragte, sah die Sache nüchterner aus. Dem multikulturellen Zauber muss offenbar mit politischen Initiativen und Abkommen aufgeholfen werden. In Portugal werden brasilianische Autoren sonst kaum wahrgenommen, meinte die Dichterin Ana Luisa Amaral. Brasilianische Bücher seien viel teurer als englische - „niemand kann sich das leisten“. Umgekehrt versicherten der Übersetzer Kurt Scharf und der Autor Henriques Britto, dass Brasilianer kaum Portugiesen lesen. Hierzulande zu wenig gelesen wird T.S. Eliots „The Waste Land“. Dass dieses charismatische Schlüsselwerk der Moderne noch nicht wirklich im Kanon angekommen ist, ist auch die Schuld der bisherigen Übersetzungen, die von seiner Sprachmagie wenig vermitteln konnten. Diesem Zustand hilft nun Norbert Hummelts Neuübersetzung ab.

An diesem Abend ging das Eigentliche verloren

Am letzten Abend des Festivals gab Hummelt im Gespräch mit Durs Grünbein eine wunderbar konzentrierte Einführung in das Langpoem, in der er auf die elegante Einfachheit Eliots hinwies. Die Qualität seiner Neuübersetzung - eine vorläufige Fassung gab es bereits in der Literaturzeitschrift „Schreibheft“ zu lesen - fällt schon bei den Eingangsversen ins Auge: „April ist der übelste Monat von allen, treibt / Flieder aus der toten Erde, mischt / Erinnerung mit Lust, schreckt spröde Wurzeln auf mit Frühlingsregen.“ In der alten Übertragung Eva Hesses stolpert man dagegen über antiquierte, umständliche Formulierungen: „April der ärgste Monat, heckt / Flieder mit der toten Flur, verquickt / Erinnern und Verlangen, langt / taube Wurzeln an mit Frühlingsregen.“

Die szenische Aufführung des Langgedichts jedoch, die als Höhepunkt des Festivals gedacht war, erwies sich als leichte Enttäuschung. Zwar ist „Waste Land“ eine schroffe Montage von poetischen Bildern, bei der ständig die Tonlage wechselt und Stimmen collagiert werden. Und es scheint nahezuliegen, diese Polyphonie theatralisch auszuagieren. Doch an diesem Abend ging dabei das Eigentliche verloren: die Souveränität der poetischen Suada, die den „Haufen zerbrochener Bilder“ - so eine der berühmten Formeln des Gedichts - zusammenhält, beherrscht und mit innerer Notwendigkeit versieht.

Das Bühnengeschehen erweckte bald den Eindruck von Beliebigkeit. Sichtlich bemühte sich die junge Regisseurin Kalma Streun, die Verödungstendenzen der Moderne expressiv zur Darstellung zu bringen - und sei es mit Hilfe einer nervös herumhampelnden Eliot-Figur, die den Leidensdruck des Dichters anschaulich machen sollte, aber den kühlen Eliot-Gestus verfehlte. Schwer nachzuvollziehen schließlich, warum man die Neuübersetzung ankündigte, um dann zentrale Passagen wie die berühmte Sofa-Sexszene von „Tippse“ und „Akne-Prinz“ doch wieder in der betulichen alten Fassung sprechen zu lassen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

 
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