13. Oktober 2004 Eine glückliche Isabelle Huppert, Bedenken aus dem Vatikan, Enttäuschung in Spanien und Beifall aus Beirut: Internationale Reaktionen auf die Vergabe des Literaturnobelpreises an Elfriede Jelinek.
SKANDINAVIEN: Schwedens Kommentatoren waren sich einig: Die Entscheidung sei ebenso mutig wie unerwartet. "Dagens Nyheter" und "Svenska Dagbladet" widmeten wie üblich der Preisträgerin und ihren Werken vier bis fünf Zeitungsseiten. Entgegen der Tradition aber äußerten sich außer Horace Engdahl nur Literaturkritiker, kein einziger schwedischer Schriftsteller von Rang; ein weiterer Beleg dafür, daß sie in Schweden bisher wenig gelesen wurde.
Selbst Engdahl als Sekretär der Schwedischen Akademie gestand, er habe sie erstmals im vorigen Sommer gelesen und anfangs nicht verstanden. Sie sei möglicherweise eine "zu exklusive Autorin", zu der "breite Leserkreise" nur schwer Zugang finden; aber sie könne wichtig sein für die Entwicklung der literarischen Formsprache. Das "Svenska Dagbladet" nannte sie "interessant und begabt, zweifellos integer, sprachlich fortgeschritten, eine kämpfende Intellektuelle und ein literarischer Katalysator", stellte aber die Frage, ob sie eine große Dichterin sei - bedeutend genug für den wichtigsten Literaturpreis?
Die meisten schwedischen Zeitungen konzentrierten sich bei der Schilderung der Reaktionen auf jene in Österreich. Die Theater in Stockholm reagierten rasch: Auf drei Bühnen wurden ohnehin gerade ihre Stücke gespielt, und das "Dramaten" nahm schon am Tag nach der Zuerkennung eine Aufführung wieder auf. Noch stärker verwundert zeigte sich Dänemark. Während in Schweden drei ihrer Romane übersetzt sind, ist nur "Lust" auf dänisch zu lesen. Auch große Zeitungen wie die "Berlingske Tidende" zitierten Kenner ihres Werkes allenfalls mit dem Wort, sie sei "umstritten". (vL.)
GROSSBRITANNIEN UND VEREINIGTE STAATEN: "Who?" war die in der angelsächsischen Welt am häufigsten gestellte Frage, als am vergangenen Donnerstag der Nobelpreis für Elfriede Jelinek bekanntgegeben wurde. Die "Times" berichtete unter der Überschrift "Feministische Heldin gewinnt Nobelpreis" vor allem über den Isolationismus der englischen Verlagsbranche: gerade einmal drei Prozent aller veröffentlichten Bücher sind Übersetzungen. Da ist es fast schon erstaunlich, daß der Verlag Serpent's Tail vier Bücher Jelineks veröffentlichen konnte.
Ebenso wie die "Times" enthielt sich auch der "Independent" jeglicher Wertung; hier zitierte man den Akademiesekretär sowie Marcel Reich-Ranicki und bildete alle weiblichen Preisträgerinnen ab: gerade einmal zehn in mehr als hundert Jahren. Im "Guardian" konnte sich der Philosophieprofessor Bob Corbett zu einer starken Meinung aufraffen: Er habe sich mit Elfriede Jelineks Werk zusammenraufen müssen - zu seinem eigenen Besten. "Sie mag nicht glauben, daß die Welt ein besserer Ort sein könnte, aber sie ist empört darüber, daß es sich so verhält. Sie ist moralisch entrüstet. Ich beneide sie beinahe."
Der "New York Times" ist der Nobelpreis eine längere Meldung wert: Österreich, das "wunderliche" kleine Land, an das "die meisten Menschen als Geburtsort von Freud, Hitler, Mozart und Schnitzel denken", habe es mal wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit geschafft. Nun würden "konservative Kulturbegeisterte", die etwas auf sich halten, Jelinek lesen müssen - oder jedenfalls so tun, als ob. (fvl)
ITALIEN: Der "L'Osservatore Romano", die Stimme des Vatikans, hat das literarische Werk Elfriede Jelineks scharf kritisiert. Der Kommentar stößt sich vor allem an der einseitig negativen Darstellung menschlicher Sexualität in den Büchern Jelineks. Ihr Stil wird hingegen als einer der besten im heutigen Europa charakterisiert. Ihre Sprache sei "beißend scharf, reich an bildhaften rhetorischen Figuren und voller Antiphrasen". Es fehle aber nicht an der "herben Geschmacklosigkeit des Obszönen".
Befremdet zeigt sich die Zeitung von Szenen roher Sexualität, in denen es gerade nicht um eine Befreiung der Frau vom Erotismus gehe. Sexualität werde hier mit Machtausübung, Gewalt und Pathologie verknüpft. Körperliche Vereinigungen in Würde, Harmonie und Einverständnis blieben ausgeblendet. Die alles dominierende Öde im Namen der politischen und sozialen Anklage sei "übersetzbar in einen absoluten Nihilismus.
Die restliche italienische Presse lobt vor allem "Die Klavierspielerin". Auch wenn "La Stampa" die Auszeichnungen für Elfriede Jelinek und Wangar Maathai als neuen Emanzipationsrekord feiert, ist die Ratlosigkeit über die Dame aus dem Nachbarland erkennbar größer als die über die Kenianerin. Die rasch zu "la Jelinek" ("Il Giornale") geadelte Autorin wird vom "Corriere della Sera" zur Nachfolgerin von Thomas Bernhard auf dem lange verwaisten Thron der österreichischen Literatur ausgerufen, während "La Stampa" die Zerrissenheit als zentrales Motiv in ihrem Schreiben ausgemacht hat. (apl)
FRANKREICH: Glücklich über den Literaturnobelpreis zeigte sich Isabelle Huppert. Sie ist im Film die "Klavierspielerin" und erinnert sich an eine frühere Begegnung: "Sie ist ganz anders, als sie schreibt. Sehr bleich, sehr sanft. Niemand, der sie sieht, bekommt einen Eindruck von der Gewalt, die in ihren Büchern steckt." Erst mit der Verfilmung begann Elfriede Jelineks französische Karriere. Zuvor hatten alle Pariser Verlage "Die Klavierspielerin" abgelehnt. Um das Buch zu veröffentlichen, gründete Jeanne Champion 1988 eigens einen Verlag. Zwanzigtausend Exemplare wurden verkauft. Die Zeitungen erwähnten Elfriede Jelineks Verhältnis zu Österreich, doch standen die Reaktionen ganz eindeutig im Zeichen ihrer französischen Karriere und Rezeption. Ein "Nobelpreis für die Subversion", schrieb "Libération". (J.A.)
SPANIEN: Auf spanisch sind nur drei Titel von Elfriede Jelinek bei zwei verschiedenen Verlagen erschienen. Alle Titel sind vergriffen, einer der beiden Verlage existiert nicht mehr. Die regeste Nachfrage bestand nach der "Klavierspielerin" (bei Mondadori), doch nur aufgrund der Verfilmung, die in Spanien mit einigem Erfolg gelaufen ist. Für den spanischen Buchhandel, der keinen Jelinek-Titel präsentieren konnte, war dieser Nobelpreis also eine Enttäuschung.
Kaum ein spanischer Schriftsteller hat sich zur Entscheidung der Schwedischen Akademie geäußert. Die Ausnahme bildete José María Guelbenzu in "El País", der die Wahl Jelineks als Anregung aus Stockholm wertete, weitere Bücher der provokanten Schriftstellerin zu übersetzen. Da Gewalt in der Ehe ein trauriges Kapitel der spanischen Alltagssoziologie ist, könnten spanische Männer aus der Lektüre lebenspraktischen Nutzen ziehen. (P.I.)
ARABISCHE WELT: Am Vorabend der Bekanntgabe saß die Kulturredaktion der arabischen Zeitung al-Hayat zusammen und rätselte. Adonis und dem palästinensischen Dichter Mahmud Darwish wurden gute Chancen zugesprochen. Am nächsten Tag überwogen Lob und Bewunderung für Frau Jelinek die Enttäuschung. Die Literaten in Beirut suchten nach englischen oder französischen Übersetzungen, da im Arabischen bislang nicht einmal ihr Name bekannt war.
In "al-Hayat" schrieb Rabi' Gabir: "Man trauert nicht, wenn der Nobelpreis nicht unserer arabischen Welt zugeschrieben wird. Wichtig ist, daß wir glaubwürdige Bücher lesen können. Das ist eigentlich das höchste Ziel dieser Preisverleihung. Der Preis gibt uns einen Hinweis auf gute Bücher, von deren Existenz wir vorher nichts wußten." Nationalität oder Religionszugehörigkeit seien unwichtig. Die Zeitung as-Safir bezeichnete Elfriede Jelinek "kulturell-religiöse Mulattin" und widmete ihr die Hälfe ihrer Wochenendausgabe. (moz.)
SERBIEN: In Serbien, wo Peter Handke auch und gerade Nichtlesern ein Begriff ist, kennt kaum jemand Elfriede Jelinek. Selbst die Belgrader Tageszeitung "Politika", deren Feuilleton das angesehenste des Landes ist, beschränkte sich bisher auf eine Meldung - ohne weiteren Kommentar. Erst im Literaturteil an diesem Samstag wird eine umfangreichere Würdigung der Nobelpreisträgerin erscheinen. Ihr Autor Zivica Tucic ist den Lesern der "Politika" bezeichnenderweise nicht als Kenner deutschsprachiger Literatur bekannt, sondern als regelmäßig über religiöse Fragen schreibender Publizist.
Folglich dürfte im Mittelpunkt von Tucics Artikel Jelineks Haltung zum Katholizismus stehen - und das schwierige Verhältnis der Österreicher zu der Schriftstellerin. Wie schwierig der Umgang mit ungehörigen Schriftstellern von Rang ist, wissen die Serben aus eigener Erfahrung - über die im Ausland allgemein anerkannte, im Land seiner Sprache aber weiterhin umstrittene Bedeutung von Aleksandar Tisma wird auch im zweiten Jahr nach dessen Tod noch gestritten. (tens.)
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.10.2004, Nr. 240 / Seite 31
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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