
Jeder Autor, der über den Tellerrand hinausschreibt, wird scheitern.
Er würde den "Bio-Thriller und Cyber-Krimis, [den] Grishams und Schätzings" zugeordnet, wie Kämmerling abfällig schreibt. Auch Kulturredakteure haben sprachlich-musische Gymnasien besucht, danach Germanistik studiert und sind dann als Praktikanten und später Redakteure im Teller aufgewachsen, ohne jede weitere Lebenserfahrung.
Wer die vorgeschlagenen Themen beackert, würde nicht mehr ins "Literaturgenre" fallen, sondern unter "Thriller". Dass es mittlerweile viele Autoren gibt, die sich diesen Themen widmen, wie etwa Andreas Eschbach, will Kämmerling nicht wahrhaben.
Dabei ist Eschbach nicht der einzige Autor, der aus der Datenverarbeitung kommt, Erfahrungen in Literatur-untypischen Bereichen gesammelt hat. Nur gilt, wer solches tut, eben nicht als "literarisch". Sicher kann man über Eschbach, Schätzing und all die anderen streiten. Doch sie nehmen sich genau der Themen an, deren Fehlen hier so bitter beklagt wird.
In Deutschland hat sich in den letzten zehn Jahren viel getan, es gibt nicht nur im literarischen Bereich neue deutsche Autoren. Aber um das zu sehen, muss man die Scheuklappen abnehmen und über den Tellerrand hinausschauen.
Hans Peter Roentgen

Als Autor habe ich oft den Eindruck gehabt, dass die mediale Öffentlichkeit der Feuilletons und Literaturkritik, der literarischen Promotion durch Buchpreise und Beststellerlisten einen Blick auf Literatur verstetigt hat, der oft nur wahrnimmt, was die Kulturindustrie marketingwirksam in den Vordergrund spielt. In diesem Zusammenhang sind bestimmte Themen, bestimmte Autoren und Namen seit Jahrzehnten en vogue, die den Blick auf anderes stark beschränken. Der andere Blick, die andere Thematik wird beständig in randständige Auflagenhöhen, ins Abseits des Kultur-Mainstreams verwiesen. Daran etwas zu ändern, ist niemals alleine Aufgabe der Autoren. Hier muss sich der Leser fragen lassen, was er wirklich will. Denn jede Literatur hat nur die Autoren, die sie verdient. Es fehlt oft an Experimentierfreude, an der Lust am Neuen, Unkonventionellen.
Zudem sehe ich keinen Fehler darin, in der Suche nach einem neuen literarischen Ausdruck mit politischem und gesellschaftlichem "Material" zu beginnen. Wir leben in Europa nun mal als homo historicum, für die es gilt, die eigenen Wurzeln immer wieder zu interpretieren. Alles andere ist Illusion im Digitalraum wertfrei zirkulierender Werbspots. Und abzulehnen.

Wenn die Literatur in so einer schwachen Verfassung ist, wie es der Artikel nahelegt, liegt das daran, daß Literatur in Deutschland nichts Existentielles ist. Niemand muß eine Geschichte erzählen (weil entweder die Geschichte erzählt werden muß oder der Schriftssteller sonst verhundert), deshalb hat auch keiner eine Geschichte zu erzählen. Günter Grass hätte auch hauptberuflicher Funktionär werden können - oder Kneipenmusikant bleiben -, ebenso die meisten Kabarettisten. Das Muß scheitert aber vor allem daran, daß man eine eher poetische Absicht nicht am poetischen Können oder Sein mißt, sondern sie als Epik durchgehen läßt und dann - wie der Artikel - die Unfähigkeit Geschichten zu finden und zu erzählen beklagt. Man kann statt schwacher Prosa auch starke Poesie schreiben und umgekehrt - wenn man kann. Man sollte einfach alle Autoren von Texten beim Wort nehmen und sie entsprechend - als Epiker oder als Poeten - beurteilen. Das Problem wäre gelöst.

Als Zeitgenössischer Autor möchte ich Ihrem Pauschalurteil widersprechen. Es gibt zweifelsohne Bücher, die sich mit der Vergangenheit befassen, aber es wundert mich, dass Sie nicht "Herr Lehmann", "Rot", "Das Wetter vor (xx) Jahren", "Der kurze Brief zum langen Abschied", "Mobbing", "Simple Stories" und viele andere Bücher kennen. Ganz abgesehen von meinen eigenen Werken, die Sie bei einer Recherche auf Google ausfindig machen können.
Es stimmt, dass die deutsche Literatur immer noch vom Mythos der Einrichtung eines Bauwerks, während sich die Personen gegenseitig zerfleischen, zehren. Die Strähne beginnt bei Goethes "Wahlverwandschaften" und hört nicht bei Mosebachs "Westend" auf. Aber, finden Sie es nicht zu billig, alles über einen Kamm zu scheren?
Heute ist die deutsche Literatur vor allem Reflexion, Beobachtung, Politik, Zeitgeist und Projektion in die Zukunft. Wenn gewisse Literaturpreise nach persönlichen Kriterien an Autoren vergeben werden, die sich mit einer Verarbeitung unserer (literarischen) Vergangenheit abgeben, dann sind wir Autoren nicht daran schuld. Als Vorsitzender der Juroren des "Duino"-Preises, weiß ich, dass sich die Jugend in neuen Bahnen bewegt, weit weg von alt hergebrachten Schablonen.

Ach Herr Dünnhaupt,der Mann hat im Auftrag seiner Bank in Future-BONDS des DAX massiv investiert. Allerdings fällt diese Tätigkeit in die Kategorie "Spiel und Wette".Man muß sich vorstellen, daß bei diesem "Börsenspiel" 1 DAX minus 25 EURO minus pro Papier bedeutet. Kerviel hatte 140.000 dieser Papiere auf der Hand. Im Januar 2008 verfiel der Dax um 600 Punkte mit dem Ergebnis , daß er einen Milliardenverlust machte was sich unschwer nachrechnen läßt.-Warum das niemand auffiel ist mir freilich unerfindlich.- Ich bin kein "Banker".-
mfG FESTGE

Natürlich hat "jeder" auch "seine" Theorie vom Roman im Kopf.
Allerdings darf man schon fragen, wie es um den gestalterischen, oder doch zumindest analysierenden, wertenden, Anspruch bestellt ist, wenn sich konsequent der Gegenwart verweigert wird. Es liest sich eben - nein, nicht alles - aber vieles wie das "Schwarzwälderkirsch" älterer Generationen.
Der deutsche Roman riecht irgendwie müffelig ...

Und der Herr Kämmerlings? Aus welcher Epoche nimmt er seine Vorstellungen von Autorschaft? Erinnern wir uns ruhig an die nicht lange zurückliegenden Zeiten, als die immer so stil- und themensicheren Feuilletonisten "den großen Deutschlandroman" gefordert haben. Christoph Hein kommentierte damals mit immer wieder schätzenswerter Lakonie: Diese Kritiker wollen nach dem Ende der DDR nichts als eine neue gesamtdeutsche Realismusdoktrin für die Literatur. Die Schriftsteller mögen bitte ins Bild setzen, was die politischen Redaktionen fordern. Genau daran erinnert auch Kämmerlings neueste Einlassung. Nun also der große "Globalisierungsroman", oder "Bankenroman", oder "Kapitalismusroman"?
Da die Gegenwartsliteratur glücklicherweise nicht nur nach dem Geschmack funktioniert, den dieser Feuilletonist erkennen lässt, sei allen literarisch Interessierten Thomas Bernhards exemplarisches Stück "Über allen Gipfeln ist Ruh" empfohlen. Darin schreibt der Großschriftsteller Moritz Meister endlich den Roman, den die Presse so lange vergeblich gefordert hat: Der Germaniaroman. Darin kommt so ziemlich alles uns nichts vor: Globalisierung, Banken, Deutschland, Liebe, und vor allem: Alles ganz "gross....artig!"

Ja! Vielleicht triffts genau der letzte Satz, in manchen Fällen mit Sicherheit. Aber irgendwie kann man sich auch des Verdachts nicht erwehren, dass manche Bücher lieber mal in Schubladen verschwinden. Muss ja auch schließlich irgendwer alles bezahlen hier. Und soll ja keiner auf dumme Gedanken kommen. Oder etwa schon?

Der bedauernswerte Herr Kerviel hat weder das Zeug zum Michael Kohlhaas noch zum Hauptmann von Köpenick. Da er zudem noch aussieht wie der sprichwörtliche traurige Clown, lässt sich nicht einmal ein Felix Krull aus ihm machen. Nein, ein Roman ist einfach nicht drin, wohl aber ein tolles Drehbuch. An der Verfilmung wird er mehr verdienen als er je im Finanzmarkt ergatterte.