Literatur

Am Tellerrand gescheitert

Von Richard Kämmerlings

29. Januar 2008 Ein junger Mann vom Ende der Welt, aus einem kleinen Nest im Departement Finistère, macht seinen Weg: Seine Mutter hat daheim einen Friseursalon, der Vater ist ein Kunstschmied, der Junge wird katholisch erzogen, er spielt Fußball und mag Judo, ist Klassenbester in Mathe, studiert dann Wirtschaftswissenschaften und macht bei einer Großbank in der Hauptstadt leidlich Karriere - ein kleines Rädchen im Getriebe, ein durchschnittlicher Charakter aus der statistischen Normalverteilung. Mit einunddreißig reißt dieser Niemand im Alleingang die Finanzwelt in einen Strudel und vernichtet in nullkommanichts das Fünfzigtausendfache seines Jahresgehalts. Jérôme Kerviel ist eine literarische Figur, seine Biografie Stoff für einen Epochenroman. Kerviel ist ein Held unserer Zeit.

Warum finden sich solche Figuren in der deutschen Gegenwartsliteratur so selten? Warum überhaupt so wenig Gegenwart? Sollte man sie nicht inzwischen besser „Vergangenheitsliteratur von heute“ nennen? Blickt man auf die jüngsten Bucherfolge deutscher Autoren oder überhaupt auf das Themenspektrum unserer Erzähler, dann fällt eine merkwürdige Verknappung auf. Es dominiert die Retrospektive: einerseits historische Figuren wie bei Kehlmann oder Trojanow, andererseits Familiengeschichten (John von Düffel!) - am besten, wie bei den Buchpreisträgern Arno Geiger und Julia Franck, eine Kombination aus beidem. Der historische Familien- oder Generationenroman, gern als episches Jahrhundertpanorama, beherrscht die Szene. Auch das Frühjahr verspricht wenig Änderung. Man beginnt als Leser unter einseitiger Ernährung zu leiden. Denn es mangelt an dem, was unser Leben jenseits des Privaten formt und bestimmt: die Wirtschaft, die Technik, die Medizin, das Militär, ja selbst die Medien.

Stoffe vor und hinter der Haustür

Warum das so ist, ist leicht erklärt. Weniger allerdings, warum es niemand ändert. Ein Schriftsteller hat heute in der Regel schlicht keine Ahnung von diesen hochdifferenzierten Systemen mit ihrer jeweiligen Eigenlogik und ihren Fachsprachen. Da geht es ihm freilich wie den meisten Bürgern. Wer hat denn schon verstanden, womit Kerviel wirklich handelte? Ein angehender Autor hat nach dem Abitur (mit sprachlich-musischem Schwerpunkt!) vielleicht noch als Zivi im Altenheim gearbeitet; spätestens im Studium hat er fast ausschließlich Kontakte zu seinesgleichen, zu anderen Künstlern, zu Journalisten und Lektoren. Seine Stoffe findet er vor der eigenen Haustür, noch leichter dahinter: Familie hat schließlich jeder, Beziehungen auch, oder falls nicht, ist das erst recht ein Thema.

So kommt es allerdings, dass eine lange Reportage über den Alltag auf einer Intensivstation, wie sie neulich im „New Yorker“ zu finden war, spannender als viele neue Kurzgeschichten ist. Das ist auch ein Milieuproblem: Welcher Absolvent des Leipziger Literaturinstituts hat denn unter seinen Bekannten einen Broker, Manager oder Internisten? Allenfalls bei einer Preisverleihung stößt man als Romancier auf Vorstandsvorsitzende (weil der ortsansässige Kaffeefiltermarktführer zufällig Sponsor ist). Wie also den Tellerrand überwinden? Für viele ist Historie die Antwort; auf Recherche kommen die wenigsten.

Kein Sabbatjahr für die Recherche

Natürlich gibt es Ausnahmen: Ein Unternehmer-Autor wie Ernst-Wilhelm Händler ist ein Glücksfall, der überdies die Intrigen und Übernahmeschlachten der für ihn alltäglichen Firmenwelt nicht nur als Stoff, sondern auch als Formprinzip verwendet hat. Annette Pehnt hat zuletzt in ihrem Roman „Mobbing“ ein drängendes Problem der Arbeitswelt aufgegriffen. Auch Bücher von Kathrin Röggla oder Rainer Merkel kann man nennen. Doch wo ist der Roman aus der Welt der Hightech-Kriegsführung, wo ist der Autor, der mit der Bundeswehr in Afghanistan war? Wo ist die Geschichte aus der Notaufnahme, aus der Consulting-Firma, aus dem CIX-Internetknoten? Der Romanautor, der sich ein Sabbatjahr nimmt, um sich das Treiben international operierender NGOs von innen anzuschauen, ist heute eine Ausnahmeerscheinung.

Man mag einwenden, dass Literatur nicht vom Stoff allein lebt und für solche Themen doch die Bio-Thriller und Cyber-Krimis, die Grishams und Schätzings zuständig seien. Doch schlägt eine intensive, künstlerische Durchdringung eben auch in neue Sprachen und Formen um (während umgekehrt der Familienroman die immergleichen Formen zu perpetuieren droht). Man schaue sich nur einen Roman wie „JR“ von William Gaddis von 1975 an, ein einziges Gewirr aus Stimmen, in dessen Mittelpunkt ein Elfjähriger sich aus dem Nichts ein Wirtschaftsimperium zusammentelefoniert. Wenn es ein literarisches Vorbild für das Kartenhaus Kerviels gibt, dann dies. Vielleicht sorgt der Trend, dass immer mehr Journalisten Romane schreiben, hier für Abhilfe. Aus dem new journalism ging schließlich einst auch ein Werk wie Tom Wolfes „Fegefeuer der Eitelkeiten“ hervor. Man muss nicht gleich die Schriftsteller wie früher in die Produktion schicken. Mehr Arbeit aber sollten sie sich machen.



Text: F.A.Z., 30.01.2008, Nr. 25 / Seite 35
Bildmaterial: REUTERS

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