Literaturnobelpreis

Jelinek: „Spüre mehr Verzweiflung als Freude“

Böse Ahnungen: Elfriede Jelinek

Böse Ahnungen: Elfriede Jelinek

07. Oktober 2004 Unerwartete Auszeichung für die deutschsprachige Literatur: Der Literaturnobelpreis geht in diesem Jahr an die Österreicherin Elfriede Jelinek.

In einer ersten Reaktion hat sie die Verleihung des Preises als „überraschende und große Ehre“ bezeichnet. „Natürlich freue ich mich auch“, sagte Jelinek der Wiener Nachrichtenagentur APA. „Aber ich verspüre eigentlich mehr Verzweiflung als Freude.“ Sie eigne sich nicht dafür, „als Person an die Öffentlichkeit gezerrt zu werden“. Sie habe „böse Ahnungen“, daß der Nobelpreis eine Belastung für sie bedeuten werde, „denn man wird zur öffentlichen Person. Wenn mir das zuviel wird, muß ich weggehen. Was ich aber nicht möchte, denn ich lebe gerne hier“, meinte Jelinek.

Sie werde zur Verleihung am 10. Dezember nicht nach Stockholm kommen. „Ich bin nicht körperlich krank, aber psychisch nicht in der Lage, mich dem persönlich auszusetzen“, so die Autorin. „Ich möchte mich zurückziehen und habe auch die letzten Preise nicht persönlich entgegengenommen.“ Sie hoffe, daß sie „das damit verbundene Geld genießen (könne), denn damit kann man sorgenfrei leben“. Sie betrachte den Nobelpreis nicht „als Blume im Knopfloch für Österreich“.

„Einzigartige sprachliche Leidenschaft“

Die Auszeichung wird Jelinek verliehen, wie es in der Begründung heißt, „für den musikalischen Fluß von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen“.

Elfriede Jelinek wurde am 20. Okt. 1946 in Mürzzuschlag/Steiermark geboren und stammt aus einer slawisch-jüdischen Familie. Mit verstörenden Romanen und Theaterstücken hat sie unter anderem die sexuelle Unterwerfung und den patriarchalischen Aggregatzustand der Gesellschaft harsch analysiert und sich auch politisch stets zu Wort gemeldet.

Ihre Arbeit umfaßt Lyrik, Prosa, Theaterstücke, Hörspiele und Drehbücher. Dafür erhielt die produktive und umstrittene Autorin schon zahlreiche Preise, darunter 1998 den Georg-Büchner-Preis, 2002 den Mülheimer Dramatikerpreis und 2003 für ihr Gesamtwerk den Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis. Zu ihren bekanntesten Werken zählen der Roman „Die Klavierspielerin“ (1983) und das Theaterstück „Burgtheater“ (1985).

Ein Bühnenverbot fürs Heimatland

Mit ihrer Kritik an der angeblich geringen Bereitschaft ihrer Landsleute, sich ihrer Nazi-Vergangenheit zu stellen, wurde sie anfangs in Österreich ignoriert. Nach wachsender Anerkennung in Deutschland kamen auch die Kritiker in ihrer Heimat kaum noch an ihr vorbei. Nachdem die Autorin 1996 für ihre Stücke in Österreich wegen des dortigen geistigen Klimas ein Bühnenverbot verhängt hatte, werden inzwischen jedoch wieder Stücke von ihr gespielt. Das von dem Regisseur Einar Schleef am Wiener Burgtheater uraufgeführte „Ein Sportstück“ (1998) wurde in Österreich enthusiastisch gefeiert.

„Das Genre der Texte Jelineks ist oft schwer zu
bestimmen“, heißt es in der Begründung der Schwedischen Akademie. „Sie schweben zwischen Prosa und Poesie, Beschwörung und Hymne, sie enthalten Theaterszenen und filmische Sequenzen. Was sie in den Stücken der letzten Jahre auf die Bühne stellt (...) sind keine Charaktere, sondern 'Sprachflächen', die einander konfrontieren.“

Elfriede Jelinek ist die erste Frau seit der polnischen Dichterin Wislawa Szymborska im Jahr 1996, die mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wird. Seit der ersten Preisverleihung 1901 haben erst neun Frauen die renommierteste Auszeichnung der literarischen Welt erhalten. Unter den 18 auf Lebenszeit ernannten Mitgliedern der Schwedischen Akademie sind nur vier Frauen.

Text: FAZ.NET mit Material von dpa, ddp, AP
Bildmaterial: AP, APA, dpa, dpa/dpaweb, REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben

Nobelpreis: Reaktionen

Handke: „unglaublich“, Schlingensief: „sensationell“

Freut sich für Jelinek: Reich-Ranicki

Reaktionen auf den Literaturnobelpreis für Elfriede Jelinek: Kollege Peter Handke und Regisseur Christoph Schlingensief sind begeistert, und auch Marcel Reich-Ranicki lobt - freilich nicht Jelineks Werke.

Literatur

Die Nobelpreisträger der letzten Jahre

Von Octavio Paz bis Doris Lessing: Eine Liste der Literaturnobelpreisträger 1990 bis 2007.

Auszeichnung

Elfriede Jelinek wird mit „Macht nichts“ Dramatikerin des Jahres

Vielfach ausgezeichnet: Elfriede Jelinek

Mit ihrem Stück "Macht nichts" ist die österreichische Autorin Elfriede Jelinek in Mühlheim an der Ruhr zur Dramatikerin des Jahres gekürt worden.

Auszeichnung

Elfriede Jelinek mit Berliner Theaterpreis geehrt

Ehrung für die “zornige Wortkünstlerin“ Elfriede Jelinek

Die österreichische Autorin Elfriede Jelinek hat den Berliner Theaterpreis erhalten. Die Jury würdigte sie als „zornige Wortkünstlerin“.

Rezension: Belletristik

Elfriede Jelinek: Lust

Dieses Buch ist anstrengend und wirkmächtig zugleich, es ist ekelhaft und abstoßend. Doch aus der verbogenen, mißhandelten Sprache dringt die brutale Wahrheit und Schönheit kraftvoller Assoziationen.

Rezension: Belletristik

Kurti, Gabi, Gerti und der tiefe Baggersee

Man muß mit Elfriede Jelinek schon sehr herzlich lachen können, um sich zu Tode zu amüsieren in ihrer Gesellschaft. In „Gier“ zerrt sie an der Sprache wie an einer Schleppe, deren Gewicht ihr Ich ständig zu erwürgen droht.

Rezension: Belletristik

Das Leben, ein Spottstück

Auch Hohn ist eine Form der Ironie: Elfriede Jelineks „Macht nichts“ ist eine kleine Trilogie des österreichischen Todes.

FAZ.NET Spezial

Die Nobelpreise 2004

Nobelpreismedaille von 1957

Spezial In dieser Woche werden die neuen Träger des Nobelpreises in den verschiedenen Disziplinen verkündet. Ein FAZ.NET-Spezial nennt die neuen Preisträger und beleuchtet ihre Leistungen.

Literatur

Nobelpreis 2003 für J. M. Coetzee

J. M. Coetzee

Spezial Der Literatur-Nobelpreis 2003 geht an den Südafrikaner J. M. Coetzee. Dies gab die Schwedische Akademie bekannt. Coetzee stelle „in zahlreichen Verkleidungen die überrumpelnde Teilhabe des Außenseitertums dar“.

Auszeichnung

„Einer der letzten“ - Imre Kertész bekommt Literatur-Nobelpreis 2002

Imre Kertesz

Der ungarische Autor Imre Kertész erhält den Literatur-Nobelpreis 2002. Als Jugendlicher überlebte er die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald.

Literatur-Nobelpreis 2001

Humanist der Moderne - V.S. Naipaul

Vidiadhar Surajprasad Naipaul

Der britisch-indische Autor V.S. Naipaul erhält den Literatur-Nobelpreis. Die Bekanntgabe stieß auf Überraschung und Zustimmung.

Stichwort

Die Nobelpreise

Alfred Nobel

Explosiver Preis: Seit 1891 verleiht die Nobelstiftung Preise an Forscher, die „zum Nutzen der Menschheit wirken“. Das Preisgeld stammt aus den Zinsen aus Dynamit-Gewinnen.

Literaturnobelpreis

Jetzt sind wir dran!

Nie ein Niederländer? Nobelpreisverleihung, hier an Imre Kertesz

Hundert Jahre Wartezeit: Jedes Jahr hoffen die Niederländer darauf, daß einer der Ihren den Literaturnobelpreis erhält - und sie werden jedes Jahr enttäuscht. Warum, erklärt der niederländische Schriftsteller Maarten Asscher.

Anzeige

Private Haftpflichtversicherung

Günstige Policen schon ab 50 € pro Jahr. Jetzt vergleichen, es lohnt sich!