12. Juni 2006 Es ist Sommer in Madrid, wohl fünfunddreißig Grad, die Menschen suchen den Schatten. Der Dichter Peter Handke durchquert die Halle des prächtigen Hotels Palace im Zentrum der Stadt. Es ist Dienstag, die Welt schien sich in den Tagen zuvor besonders bösartige Tricks ausgedacht zu haben, um den Dichter Peter Handke zu demütigen.
Die Comedie Francaise hatte sein Stück Die Reise ins sonore Land auf den Spielplan gesetzt, um es kurz darauf aus politischen Gründen wieder davon zu entfernen. Eine Jury der Stadt Düsseldorf sprach ihm den mit 50.000 Euro dotierten Heine-Preis zu, der versammelte Stadtrat kündigte kurz darauf an, dies zu verhindern. Alle Meinungssoldaten hatten daraufhin wieder ihre Plätze auf den Barrikaden eingenommen, um der Welt erneut mitzuteilen, daß Peter Handke a) ein Gegen-Aufklärer, Serben-Verherrlicher, Kriegsverbrechen-Relativierer und Verrückter ist oder b) der einzige Widersteher gegen die Medien-Einheitswelt, das Einheitsdenken, ein wahrer Dichter.
Wandern in den Bergen
Und während die Meinungen so durch die Zeitungen wogten, war Peter Handke zum Wandern in den Bergen. Er hatte für das Geld, das ihm der Siegfried-Unseld-Preis eingebracht hatte, einige Übersetzer seiner Werke in die Sierra de Gredos bei Madrid zum Wandern, Reden, Trinken und Feiern eingeladen. Noch bevor er aufgebrochen war, hatte er in einem Brief dem Düsseldorfer Oberbürgermeister mitgeteilt, daß er nach all dem unwürdigen Gezerre den Heine-Preis selbstverständlich nicht mehr annehmen werde. Der Stadtrat könne sich die entscheidende Sitzung sparen, und der Bürgermeister möge statt dessen die Stadträte an die frische Luft entlassen, z. B. zu einem Picknick an den Rhein (siehe auch: Je refuse! Ein Briefwechsel).
Jetzt ist er vom Wandern zurück, sein Gesicht ist rotbraun gefärbt, er wirkt entspannt und guter Dinge. In der Sakkotasche trägt er eine zerrupfte graue Vogelfeder.
Wir setzen uns zunächst unter die bunte Glaskuppel im Foyer, Peter Handke bestellt einen Weißwein, wir reden über Fußball, über seine Erzählung Die Angst des Tormanns beim Elfmeter, vielleicht das am häufigsten falsch verstandene Handke-Buch, das prahlhänsige Sportjournalisten immer wieder als Beweis für die Ahnungslosigkeit der Schriftsteller in Fußballdingen heranziehen, weil doch ein Torwart der einzige sei, der bei einem Elfmeter niemals Angst habe, weil er ja nichts zu verlieren habe, und in der Erzählung jedoch bleibt der Tormann am Ende einfach stehen. Cool, fängt den in die Mitte geschossenen Ball einfach ab. Entschlossen. Ohne Angst. Der Titel ist eine Täuschung. Menschen, die nur die Namen der Bücher kennen, wissen davon nichts. Darüber kann Peter Handke herzlich lachen.
Zufällig bin ich Peter Handke
Wir gehen durch die heiße Stadt. Peter Handke sorgt sich um seinen Besucher, man möge nicht auf der Straße laufen, man möge nicht in der Sonne gehen, fast mütterlich. Er hat etwas Schwebendes im Gang, etwas Leichtes, und er streift mit den Handrücken an den Häuserfronten entlang. Er will mir eine alte Stierkämpferbar zeigen, am Plaza Mayor. Wir trinken Weißwein, an den Wänden hängen Fotos von verunglückten Stierkämpfern, in der Arena und im Krankenhaus. Archaische Schmerzensszenen. Handke sagt: Sehen Sie nicht so genau hin. Ein dicker Tourist in kariertem Hemd, mit großer Kamera auf dem Bauch fragt: Entschuldigung, aber sind Sie zufällig Peter Handke? Der Dichter sagt höflich Ja und, während er sich spöttisch lachend abwendet: Zufällig bin ich Peter Handke.
Wer ist Peter Handke? Wer ist dieser Mann, der, vom Beginn seines Schreibens vor vierzig Jahren an, sich gegen alle stellte? Der auf der einen Seite in seinen inzwischen über sechzig Werken eine immer größere Einsamkeit sucht und beschreibt, eine immer radikalere, subjektive Weltsicht verfolgt, der das Alleinsein feiert, die Isolation liebt und zugleich immer bereit zu sein scheint, sich mit der ganze Welt anzulegen.
Irgendwie klein und zart
Vor vierzig Jahren war es, im April 1966, als der dreiundzwanzigjährige Dichter, der gerade mal ein Buch veröffentlicht hatte, nach Princeton zu einer Tagung der Gruppe 47 eingeladen wurde. Sie haben ihn das Mädchen genannt, und wer heute Bilder von damals sieht, weiß warum - käsiges, weiches Gesicht, große schwarze Brille, Pilzfrisur, irgendwie klein und zart. Und dieses Mädchen stand auf, vor dem versammelten Establishment des deutschen Geistes, allen namhaften Kritikern und Schriftstellern der Zeit und warf allen Anwesenden und der Gegenwartsliteratur überhaupt Beschreibungsimpotenz vor und wütete und schimpfte und war auch vom Gruppen-Vater Hans Werner Richter nicht zu stoppen. Die Beschimpften versuchten sich zunächst mit Spott den blassen Jungen vom Leib zu halten, Günter Grass schrieb ihm auf einer Party am Abend mit Filzstift Ich bin der Größte auf die Hutkrempe und bat in einem Zeitungsartikel um bessere Feinde. Doch sie blieben die gleichen. Er blieb der gleiche. Peter Handke. Der Feind.
Fünfzehn Jahre dauert jetzt sein bislang letzter Kampf. Sein Kampf um Jugoslawien. Am Anfang ging es nur um das nach Unabhängigkeit strebende Slowenien, das schon für den kleinen Jungen Peter, der in Kärnten, nahe der Grenze zu Jugoslawien aufgewachsen war, ein Sehnsuchtsland gewesen war. Aber immer als Teil eines Ganzen. Immer als Teil Jugoslawiens. Handke sah das Land zerbrechen und wollte es mit immer größerer Kraft verhindern. Mit der Zeit wurde das untergegangene Jugoslawien für den Schriftsteller Peter Handke so etwas wie die k. u. k. Monarchie für den späten Joseph Roth. Ein Traum. Eine Idee. Die Idee eines völkerverbindenden, friedlichen Landes, eines letzten Bollwerks gegen den Faschismus und die Zumutungen der Moderne.
Seit fünfzehn Jahren eine Unperson
Handke hat uns inzwischen in ein kleines, hölzernes Restaurant unweit des großen Platzes geführt. Wir sprechen fast nur über Jugoslawien, Serbien, den Krieg und seine Beobachtungen, seine Meinungen, die ihn in den letzen fünfzehn Jahren zu einer Unperson gemacht haben. Auf kurze Fragen antwortet er lange und ausführlich und nachdenklich, manchmal zweifelnd, vor sich hin denkend, oft hochmütig, manchmal angriffslustig, um sich dann aber immer gleich wieder zurückzunehmen: Fühlen Sie sich jetzt bitte nicht gekränkt.
In den letzten Wochen hatte Handke in mehreren Artikeln in französischen Zeitungen die Hoffnung geäußert, es könne eine Öffnung in der seit vielen Jahren in festen Fronten einbetonierten Serbien-Diskussion Peter Handke gegen die Welt stattfinden. Er erläuterte noch einmal ausführlich, daß er niemals das Massaker von Srebrenica geleugnet habe, daß es sich dabei im Gegenteil um das schlimmste Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg handele, daß er aber eben auch an den Genozid erinnern wolle, den die muslimischen Streitkräfte Srebrenicas an der orthodoxen Weihnacht 1992/93 im serbischen Dorf Kravica verübt haben. Und vieles mehr erläuterte er, und man hatte nach langer Zeit den Eindruck, der Kämpfer Handke ist des Kampfes müde geworden, er will erklären, will neue Mißverständnisse vermeiden. Will, daß die Schläge aufhören.
Eine kurze Zeit der Morgenröte
Ich war bewegt, sagt er jetzt. Bewegt von der Erklärung der Autoren, die ,Le Monde' nach der Absetzung meines Stückes veröffentlicht hatte. Ich hatte den Eindruck, daß eine Öffnung stattgefunden hat. Jetzt hören wir auf, aufeinander einzuschlagen. Jetzt hören wir einander zu. Jetzt ist ein Gespräch möglich. - Und dann kamen die Diskussion um seinen Heine-Preis, die angedrohte Aberkennung, die Holocaust-Relativierungsvorwürfe und all die dumme Routine. Es war eine kurze Zeit der Morgenröte, sagt er jetzt. Vielleicht ist sie schon wieder vorbei.
Warum wollte er den Preis überhaupt annehmen, nachdem er doch kurz zuvor erklärt hatte, nie mehr einen Literaturpreis annehmen zu wollen? Ich wollte den Preis gern benutzen, um auf Unterschiede hinzuweisen, zwischen journalistischer Sprache. - Das können Sie doch auch ohne Preis. - Hm. Zuviel Arbeit. Über journalistische Sprache redet er gern und entschlossen. Was ist journalistische Sprache? Vorgefertigte Sätze, man weiß immer schon vorher, was drinsteht, Journalistenschulen sind sehr, sehr abträglich für das Beschreiben von komplexer Wirklichkeit, sagt er. Und: Bei einem Artikel sehe ich beim ersten Satz: Wo ist die Tendenz. Ich möchte aber keine Tendenz. Das interessiert mich nicht (,Dös interessiert mi ned', klingt es in seinem weichen Österreichisch). Ich möchte Öffnung statt Tendenz. Wenn ich Tendenz merke, bin ich draußen. - Das ist doch ein Zerrbild des Journalismus, das Sie da zeichnen. Es geht doch zunächst einmal um Tatsachen. - Ja, für Sie ist das ein Zerrbild. Aber es ist so! Das ist ein Rezept, eine Mache. - Hat nicht gerade Ihr ,poetisches Schreiben' in Jugoslawien zu vielen Mißverständnissen geführt? Die Erdbeeren auf den Hügeln um die belagerte Stadt Sarajewo? Dieses Romantisieren oder Verharmlosen des Schreckens? Ist das nicht Ihr Fehler, daß man es so lesen kann, daß viele es so gelesen haben? - Nein, das ist Bösartigkeit, verbunden mit Blödheit, sagt Handke und fährt fort: Nicht einzustimmen in eine bestimmte Grammatik wird als physischer Angriff gedeutet. - Aber es ist doch nicht alles Grammatik! - Für mich schon. Ich komm' immer auf die Sprache zurück.
Goethes Frühstück im Hotel
Und er lächelt leicht und sagt: Ich habe keine Chance gegen euch, gegen den Journalismus - und ihr habt keine gegen mich. Aber - wie Doderer sagt: ,Der Schriftsteller hat immer das letzte Wort.' Er wechselt über zu Goethe und dessen Berichten vom Frankreichfeldzug, der Kanonade von Valmy, der ist doch viel schlimmer als ich, sagt Handke, schreibt immer nur über das Frühstück im Hotel und ob er schlecht geschlafen hat, ob er ein Loch im Strumpf hat und so.
Er redet, ich frage, mal wirkt er entspannt, mal aufgeregt, wenn man ihn fragt, ob er irgend etwas bereue, was er in all den Jahren zu Jugoslawien geschrieben habe, ob er einmal einen Fehler gemacht habe, richtet er sich auf und sagt: Ich bin stolz auf jeden Satz, den ich zu Jugoslawien geschrieben habe. Wenn man auf die Tendenz in seinen Büchern zu sprechen kommt, von denen eines den Untertitel trägt Gerechtigkeit für Serbien, sagt er nur: Was soll ich machen? Ich bin nun einmal mit den Serben! Er sagt das mehrmals an diesem Mittag in Madrid. Ich bin mit den Serben. Es ist das ärmste Volk von Europa, sagt er und daß er jetzt gerade wieder im Kosovo auf einer Reise gewesen und erschüttert zurückgekommen sei vom Elend der letzten Serben dort, denen nicht einmal mehr Friedhöfe geblieben seien, um zu trauern.
Ein Schriftsteller muß so sein
Ein schlimmeres Elend als in den serbischen Enklaven im Kosovo habe ich nie erlebt. - Werden Sie darüber schreiben? - Ja, ich möchte, ich möchte, ich muß! Ach, das klingt so angeberisch - ich sollte. Es drängt mich, aber ich trau' mich nicht recht. Da lächelt er, als er das sagt, glaubt es selbst wohl nicht. Macht eine Pause. Und erklärt den Schriftsteller Peter Handke, den Alleinsteher gegen alle, den von Princeton damals, den Publikumsbeschimpfer, den in Jugoslawien, die letzten fünfzehn Jahre: Ich liebe das, was mir zugestoßen ist, sagt er. Andere Schriftsteller müssen das auch wollen, denke ich immer. Sonst fehlt ihnen was. Ich habe eine Liebe zum Geschick. Auch wenn es Unrecht wäre, was mir zugestoßen ist. Ein Schriftsteller muß so sein. Ich wußte nicht, daß es so wird. Ich habe es nie beabsichtigt. Ich bin kein Rebell. Aber so ist es gekommen. Ein Schriftsteller, dem nicht so was passiert, der hat seinen Beruf verfehlt. Und schließlich, entschlossen: Ich sollte, möchte - ich werde was zum Kosovo machen.
Jugoslawien läßt ihn nicht los. Er mußte auch zu Milosevic. Viele, fast alle haben Handke vorgeworfen, daß er Milosevic als unschuldig im Sinne der Anklage bezeichnet hatte, vor jedem Gerichtsurteil. Er sagt: das Medienurteil war ja auch vorher schon gefallen. Jetzt sagt er: Ich habe zu Slobodan Milosevic keine Meinung. Schuldig oder unschuldig - ich weiß es nicht. Trotzdem wird im Gespräch immer wieder deutlich, daß er ihn für unschuldig hält. Daß es keine von ihm unterschriebenen Befehle gebe, keine nachweisbaren Anweisungen für Massaker, Übergriffe, einen Angriffskrieg, sagt er. - Milosevic war ein Diktator. Nein, sagt Handke. Der ,Figaro' habe kürzlich erst bestätigt, das Land unter Slobodan Milosevic sei eine Semi-Autokratie gewesen, mit freien Zeitungen und staatlich kontrolliertem Fernsehen. Und er schildert die Szene, als man Milosevic vor Gericht vorwarf, er sei doch verantwortlich für das, was in Bosnien von Serben angerichtet wurde. Da hat er nur gelächelt, sagt Handke. Und da hab' ich gedacht: Ja! Für Handke steckte in diesem Lächeln die Wahrheit über den Balkan und die Unschuld Milosevics, der mit diesem Lächeln dem Richter demonstriert habe, daß er vom Balkan und von eigenmächtig agierenden Paramilitärs überhaupt keine Ahnung habe. Niemand kennt den Balkan, sagt Handke.
Es waren trauernde Menschen
Warum ist er zur Beerdigung gefahren? Ich war wißbegierig, sagt er. Und ich bin halt ein episches Gemüt. Ich gebe zu, ich bin mit einem ungeheuer mulmigen Gefühl hingefahren. Aber im nachhinein war's mir recht. Es waren eben nicht nur Fanatiker da und Nostalgiker. Es waren trauernde Menschen. Die Bäume waren voll mit jungen Leuten. Und als einige politische Parolen rufen wollten, zischten die Trauernden: ,Seid still!' Und natürlich war er auch da, weil Slobodan Milosevic der Repräsentant des alten Jugoslawien war. Mit ihm ist Handkes Land beerdigt worden. Sein Kampf auch? Ich habe geträumt, es ist jetzt zu Ende. Indem ich zum Begräbnis gehe, habe ich es beerdigt.
Peter Handke hat die bestellte Hauptspeise nicht einmal angerührt. Jetzt muß er zum Flughafen. Draußen ist es immer noch heiß. Handke wirkt kein bißchen erschöpft. Er schwebt wieder fast auf der Suche nach einem Taxi. Auch mit 63 Jahren hat er immer noch etwas von einem Mädchen. Die Haare, der Gang.
Jetzt sagt er: Es könnte sein, daß ich in manchen Momenten vielleicht doch zu schnell reagiert habe, wenn es um Jugoslawien ging. Manchmal hätte ich warten müssen - auf die Verwandlung ins Epische. Alle Taxis sind besetzt. Er wechselt von Straßenseite zu Straßenseite, die Zeit wird langsam knapp. Bis endlich doch noch eins anhält und den eilig winkenden Peter Handke verschluckt. Kurz vor dem Abschied, im Restaurant sagt er noch: Ach, die Kosovo-Geschichte - vielleicht schreib' ich die gar nicht.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.06.2006, Nr. 23 / Seite 25
Bildmaterial: AFP