Von Hannes Hintermeier, London
17. April 2008 Buchmessen sind dazu da, dass man möglichst schon vor ihrem Beginn das wichtigste Geschäft abschließt. Das ist heuer nicht anders, jedenfalls aus Sicht der deutschen Belletristikverleger. Ein Haufen Pulver war schon verschossen, bevor diese die Flugzeuge gen London bestiegen. Beim diesjährigen pre-fair deal ging es um Carlo Ruis Zafón, dessen internationaler Bestseller Der Schatten des Windes den Katalanen zu einem gefragten Mann gemacht hat. Suhrkamp verkaufte davon in der deutschen Übersetzung an die zwei Millionen Exemplare. Nun war ein Buchpaket auf dem Markt, und die Tatsache, dass die langjährige Lektorin und Zafón-Entdeckerin Michi Strausfeld (siehe auch: Michi Strausfeld verlässt den Suhrkamp Verlag) Suhrkamp im Unfrieden den Rücken gekehrt hat, mag einen Verlagswechsel befördert haben.
Fünf Verlage nahmen an der Auktion teil, darunter auch Suhrkamp, als Sieger ging der Frankfurter S. Fischer Verlag vom Platz. Drei Millionen Euro hat sich Verlagsleiter Jörg Bong den nächsten Roman Zafóns sowie drei fertige Kinderbücher kosten lassen - eine Investition in eine langjährige Zusammenarbeit, wie Bong erklärt. Das nächste Buch wird an Der Schatten des Windes anknüpfen und den Mittelteil einer Trilogie bilden. Auch andernorts in Deutschland, besagen Messegerüchte, hat man schon tief in die Tasche gegriffen. In Bergisch-Gladbach, bei Lübbe, soll man Ken Follett, der gerade mit Die Tore der Welt Verkaufserfolge feiert, für zwölf Millionen Euro weiterverpflichtet haben. Das sind Preisregionen, die Verleger in Keuchgebiete treiben.
Wie ein Bienenstock, der Silvester feiert
Nach zwei Jahren in den Docklands hat Reed Exhibitions die Buchmesse London wieder in den Westen der Metropole verlegt, nach Earls Court. Der 1937 eingeweihte expressive Ausstellungsbau in Muschelform ist an drei Tagen der Nabel der englischsprachigen Buchwelt. Kaum ein deutscher Publikumsverlag, der nicht einen Abgesandten schickte. Andrew Franklin, Verleger des kleinen, feinen Sachbuchverlags Profile Books, versteht die teutonische Begeisterung für London nicht: Frankfurt ist viel internationaler, es bleibt das Maß aller Dinge.
Aber wo in Frankfurt der Betrieb in den Auslandshallen gemächlich wirkt, summt die London Book Fair wie ein Bienenstock, der Silvester feiert. Hier geht es nicht um Repräsentation, sondern konzentriert ums Geschäft, und darin ist die angelsächsische Buchwelt der deutschen immer ein paar Nasenlängen voraus. Keine Rede von Kulturgut oder Buchpreisbindung; die Kommerzialisierung, die Weiterentwicklung des Produktes Buch steht an erster Stelle.
Das ganz normale Verhalten eines Wirtschaftsunternehmens, Gewinne anzustreben, stößt dabei regelmäßig an Grenzen der Berechenbarkeit. Im Augenblick sehen viele Verlage die Rettung im Kinderbuch. Alle Welt scheint ins Kinderbuch zu flüchten, und damit sind auch die Bücher gemeint, die eigentlich für jene Erwachsenen gemacht werden, deren Lesekompetenz auf eher jugendlichem Reifegrad verharrt. Random House Deutschland hat soeben die Gründung eines neuen Imprints bekanntgegeben: Penhaligon soll als All-Age-Verlag Fantasy für Jugendliche und Erwachsene bieten.
Jungen davon überzeugen, dass Lesen kein unmännlicher Akt ist
Aber wer weiß, was Kinder, was Jugendliche lesen wollen? Zielgruppenforschung ist das Gebot der Stunde. Mehrere Podien beschäftigen sich mit der Frage, wie man die lieben Kleinen am besten erreichen könne. Und da liegen die Probleme im Vereinigten Königreich ähnlich wie in der Bundesrepublik. Wenn es keine Hinführung zum Buch innerhalb der Familie gibt, wird es schwierig. Davon konnte Subunu Hariff von der High Street Library im mittelenglischen Bolton ein Lied singen. Sie arbeitet mit elf- bis neunzehnjährigen asiatischen Einwandererkindern, um sie an Bücher und die Benutzung von Büchereien zu gewöhnen. Dabei muss sie über die Kultur- und Sprachgrenzen hinweg Vorbehalte abbauen, vor allem auch Jungen davon überzeugen, dass Lesen kein unmännlicher Akt ist.
Von der anderen Seite geht die Marketingleiterin Kinderbuch bei der Verlagsgruppe HarperCollins, Alison Ruane, die Sache an. Mit möglichst präzisen Instrumenten will sie an den Riesenkuchen von rund 2,8 Milliarden Euro, den englische Kinder und Jugendliche jährlich für Mobiltelefone und Computerspiele ausgeben. Die Generation dieser digital natives hat nichts dagegen, Werbung auf ihr Handy zu bekommen, solange alle Downloads kostenlos sind. In den sozialen Netzwerken des Internets sind in England bereits mehr als ein Drittel aller Teenager mit mindesten vier Profilen vertreten - SchülerVZ hat in Deutschland soeben StudiVZ abgehängt. Und auch Ruane bietet den jungen Kunden erfolgreich an, Teil einer Community zu werden.
Irakische Autoren im schwierigen Dialog mit dem Westen
Das Fruchtbare an solchen Messen ist, dass in den Nischen eine andere Welt wartet, Menschen, die nicht key-accounteln, sondern von ihrem Kampf berichten, den Entrechteten die Kulturtechnik des Lesens näherzubringen. Diesbezüglich gibt es in der arabischen Welt noch viele Baustellen, wovon man sich - da die arabischen Länder Ehrengast waren - unschwer überzeugen konnte. Wobei: An Repräsentation ließen es die diversen Öl-Emirate, Ägypten und seine Nachbarländer im Zentrum der Messe nicht fehlen. Saudi-Arabien hatte gar ein Modell der Moschee zu Mekka mitgebracht.
Eine Diskussionsrunde mit irakischen Autoren, Kritikern und Verlegern zeigte einmal mehr, wie schwierig der Dialog mit dem Westen ist. Das beginnt regelmäßig mit den Problemen der Simultan-Übersetzer, kohärente Sätze zu formulieren, und es endet mit der mangelnden Bereitschaft der Autoren, deutlich zu sagen, wie es sich wirklich anfühlt, wenn man wie Luay Hamzah Abbas in Basra als Autor im Kriegszustand überleben und kreativ bleiben will. Der in Köln lebende Exilant Khalid al-Maaly, Dichter, Übersetzer und Verleger, dagegen beharrt auf seinem Rückzug ins Reich der Dichtung als Gegenentwurf zu Krieg und Gewalt. Das Exil birgt andere Probleme, wie die seit 1992 in Dänemark lebende Duna Ghali erzählte: Sie schreibe eigentlich für zweihundertfünfzig Millionen Araber, aber nur in ihrer zweiten Heimat habe sie Kontakt zu Lesern, erhalte sie zuverlässige Reaktionen von Übersetzern und Verlegern.
Mit dem Fahrrad auf dem Weg zum sauberen Image
Ein anderes Großthema der Messe verdankt sich dem Umstand, dass viele Verlage reichlich spät angefangen haben, ökologisches Bewusstsein zu entwickeln. Umso heftiger bricht sich nun das Pflichtbekenntnis zum Umweltschutz Bahn. Es ist noch nicht allzu lange her, dass die Insel von einer Bewegung aufgerollt wurde, die sich gegen die gedankenlose Verschleuderung von Plastiktüten an Supermarktkassen wendet. Auch die englischen Verleger haben nun einen Arbeitskreis und beraten, was man für die Umwelt tun könne. Das Zauberwort heißt Kohlenstoff-Fingerabdruck. Eine verlässliche Berechnungsbasis für den Verschwendungkoeffizienten eines jeden Buches und Mitarbeiters ist nicht in Sicht, aber das Licht ausschalten und mit dem Fahrrad ins Büro kommen, kann man jetzt schon mal.
Der Verlag Doring Kindersley hat die cleaner greener books-Reihe erfunden und die Verlegerin Miriam Fabrey in eine Blumenwiese gesetzt. Bis 2015 haben sich die britischen Verleger auf zehn Prozent Energieeinsparung verpflichtet - was nicht nach wahnsinnigem Ehrgeiz klingt, wie Helen Fraser (Penguin) einräumt. Immerhin: Neben der Umstellung auf Recycling-Papier, weniger giftige Druckerschwärze und Klebemittel soll vor allem im Vertrieb rationalisiert werden. Jeder LKW, der nicht fährt, hilft ebenso wie jeder Mitarbeiter, der nicht ins Flugzeug steigt. Ashley Lodge (HarperCollins) hat für die Verlagsangestellten ein Bonuspunktesystem entwickelt, sozusagen Meilen sammeln auf dem Fahrrad. Und der Außendienst fährt ab sofort Toyota Prius Hybrid. Dies alles geschieht nicht aus Gutmenschentum, sondern weil man sich einen Vorteil verspricht. Ein sauberes Image werde sich bei den Buchkäufern schnell auszahlen, schon heute sagen Amerikaner, sie zahlten gern einen Dollar mehr pro Buch, wenn es nur grün produziert worden sei.
Und mitten im Rummel sitzt ein Mann - und schreibt
Und das Kerngeschäft? Unverändert groß ist das Interesse an Autobiographien; anders als hierzulande auch an popkulturellen Phänomenen. Demnächst erscheinen die Memoiren des Sängers George Michael sowie die des Bandleaders Mark E. Smith, dessen seit mehr als dreißig Jahren bestehende Anti-Punk-Formation The Fall Avantgarde-Rockgeschichte mitgeschrieben hat. Für den Herbst sind die Erinnerungen des berühmten Schimpansen und Tarzanfreundes avisiert: Me Cheeta.
Derweil sitzt im Pressezentrum an einem winzigen Tisch ein Mann, der in kleiner Schrift und engem Zeilenabstand in gleichmäßigem Rhythmus ein Blatt Papier beschreibt. Ist es es ein Brief, skizziert er einen Roman? Versunken sitzt er da, hat den Lärm ausgeblendet. Es ist der libanesische Schriftsteller Abbas Beydoun. Er übt jene Kulturtechnik aus, die nach den Sängern erfunden wurde, als es noch keine Verwertungsketten gab. Noch funktioniert diese Technik so wie seit Tausenden von Jahren. Das hätte man vor lauter Messetrubel beinahe vergessen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP
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