Warschauer Buchmesse

Da fließt noch viel Wasser die Oder herunter

Von Stefanie Peter

24. Mai 2006 In Warschau rollt schon jetzt der Ball. Genauer gesagt, er fällt, sobald er die Arme der Volleyballspielerin verlassen hat, die als anmutiges Piktogramm aus farbigen Neonröhren das Dach eines Wohnblockes am Platz der Konstitution im Zentrum der Stadt ziert. Fünf Stockwerke tief bewegt sich der helle Ball, der einst für ein längst verschwundenes Sportgeschäft geworben hatte. Nun leuchtet sie also wieder, diese dynamische Lichtskulptur aus den sechziger Jahren. Man hatte die lange vergessene, aber nie abmontierte Installation nur anknipsen müssen. Daß das dieser Tage geschehen ist, verdanken wir der jungen Warschauer Kunstszene, namentlich der Künstlerin Paulina Olowska, vertreten durch die Foksal Gallery Foundation, eine führende Kunstgalerie Polens.

Nur einen Steinwurf von hier entfernt findet am selben Abend die Finissage der Olowska-Ausstellung statt, in deren Rahmen auch die Volleyballspielerin reanimiert wurde. Ebenfalls hoch oben versammelt sich in der „Bar unter den Sternen“, wer in der Szene Rang und Namen hat. In Warschau, so scheint es, steht die lange Zeit verpönte oder ignorierte Formensprache der Volksrepublik wieder hoch im Kurs. Das Gegebene wird also nicht mehr unter dem Zeichen politischen Aufbegehrens verabscheut, sondern einer ästhetischen Neubewertung unterzogen, die sich von den futuristischen Qualitäten des Vergangenen inspirieren läßt.

Blick in die Zukunft

Ähnliches kann man auch vom Kulturpalast sagen, der protzig die ganze Innenstadt überragt und nicht erst seit gestern, sondern bereits zum einundfünfzigsten Mal die Internationale Warschauer Buchmesse beherbergt. Anstatt sich wie einst am sozialistischen Erbe zu stoßen, welches das Monument wie kein zweites in Warschau repräsentiert, debattiert man hier dieser Tage den Stand der Literatur und richtet den Blick in die Zukunft. Eine Frage ist, wie wichtig für diese Zukunft das westliche Nachbarland ist. Deutschland ist in diesem Jahr Ehrengast der Messe.

Lassen wir einmal der Jugend den Vortritt: Wenn Bas Böttcher und Bohdan Piasecki im deutsch-polnischen Duett über den Berlin-Warschau-Express rappen, entsteht der Eindruck, daß es nicht unbedingt jugendlicher „Spoken word“-Dichtung gegeben ist, die deutsch-polnischen Verhältnisse bis auf den Grund auszuleuchten: „Warschau-Berlin, Wolfsburg-Stettin, da wo die Oder wieder fließt, da das, da dies“ - nun gut. Eine große Zuhörerschaft hat sich eingefunden, den beiden vergnügten Verbalimprovisatoren zu lauschen, die, wenn auch im Unsinn, offenbar ganz gut miteinander klarkommen.

Weder moralisch noch politisch

Weitaus weniger haben sich hingegen zwei andere Autoren derselben Generation, Slawomir Shuty und Raul Zelik, zu sagen. Shuty, der nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Fotograf, Filmemacher und Komponist in Erscheinung getreten ist und darüber hinaus noch ein Studium der Ökonomie in der Tasche hat, gilt in Polen als hartnäckiger Kritiker neoliberaler Konsumkultur. In seinem Künstlernamen verbirgt sich eine kleine Hommage an die südpolnische Arbeiterstadt Nowa Huta, aus der Shuty stammt. In kurzen Hosen auf dem Podium des deutschen Gemeinschaftsstands sitzend, wischt der Autor sein Engagement aber lässig vom Tisch: Literatur bleibe eben Literatur und habe als solche weder moralisch noch politisch zu sein.

Eine Haltung, die seinem deutschen Gegenüber Raul Zelik eher schlecht in den Kram paßt. Er liest einige Passagen aus seinem Roman „Berliner Verhältnisse“, der anhand des Schicksals einiger Rumänen in Berlin Mitte von den sozialen Härten einer Einwanderungsgesellschaft erzählt. Ein Problem, sagt Shuty, das die Polen in dieser Form nicht kennen. Migration sei dort ein marginales Phänomen und daher auch kaum ein ergiebiges Thema für die Literatur. Hier regt sich Widerspruch im Publikum, schließlich seien doch die Billigarbeiter aus der Ukraine oder Georgien nicht zu übersehen und auch im Kulturbetrieb gebe es kaum jemanden, der nicht eine Putzfrau aus dem östlichen Ausland für sich arbeiten lasse.

Achtzehn Autoren „von drüben“

Shutys und Zeliks Aufeinandertreffen stellt nur eine der vielen beinahe stündlichen Begegnungen zwischen Autoren aus beiden Ländern dar, unter anderen finden sich auch Juli Zeh und Wojciech Tochman, Pawel Huelle und Ingo Schulze, Stefan Chwin und Hans-Ulrich Treichel zum Gespräch auf den in Lindgrün und Weiß gehaltenen Sitzmöbeln. Der ebenfalls erwartete Ryszard Kapuscinski konnte leider nicht kommen. „...Z drugiej strony“ lautete das Motto des deutschen Gastauftritts, und insgesamt sind achtzehn Autoren „von der anderen Seite“ angereist. Zu den achtzig vertretenen deutschen Einrichtungen gehören außer den Verlagen auch prominente Kulturvermittler, die sich hier zum Abschluß des deutsch-polnischen Jahres mit ihrer Arbeit präsentieren.

Was die Literatur angeht, macht nicht zuletzt der Publikumsandrang deutlich, wer noch immer die Zugpferde sind. Ellenlange Schlangen bilden sich bei den Signierstunden von Günter Grass, der sich an der Weichsel einer ungebrochenen Beliebtheit erfreut. Mit dem lyrischen Altmeister Tadeusz Rozewicz trifft er sich am Nachmittag zu einer ebenso beiläufigen wie herzlichen Plauderei. Es geht um gemeinsame Dichterreisen in den siebziger Jahren nach Mexiko, um Trotzkis dichtende Enkelin und Frida Kahlo.

Das Lächeln der Cellistin

Die abendliche Lesung im Teatr Dramatyczny findet hingegen in gewichtigerer Inszenierung statt. In Polen dürfen renommierte Autoren sich eben auch heute noch als Dichterfürsten fühlen. Von Purpur, Samt und Gold umgeben, lesen die beiden im Verbund mit Hans Magnus Enzensberger abwechselnd ihre Gedichte. Verglichen mit den dezidiert politischen Verlautbarungen, die hier anderswo auch zu hören sind, geben sich Enzensberger und Rozewicz lakonisch. Wenn Enzensberger von Straßenmusikern im Bahnhof von Kiew dichtet und von der Andacht der lauschenden Piroggenesser, dann geht die Literatur vor dem Plädoyer. In seinem Gedicht „Unpolitische Vorlieben“ besingt er das Lächeln der Cellistin, das der politischen Krise trotzt, und den Ernst, mit dem eine Frau sich schminkt, während im Regierungsviertel geschossen wird. Ganz offenbar liest hier ein deutscher Dichter nicht primär als Abgesandter für Völkerverständigung, und auch ein Blick auf die polnische Literaturszene zeigt, daß man trotz aller berechtigter Aufregung um die Tagespolitik auch etwas gelassener anderen, vielleicht auch eher unpolitischen Vorlieben frönen darf.

Das läßt sich am Gemeinschaftsstand der beiden exzellenten Kleinverlage „Ha Art“ (Krakau) und „Lampa i Iskra Boza“ (Warschau) beobachten, wo bereits Autoren wie Dorota Maslowska und Michal Witkowski debütiert haben. Gerade feiert man bei „Ha Art“ die Wiederentdeckung der Schwulenikone Jerzy Nasierowski, die bereits als polnischer Jean Genet gilt. In den zwei neu erschienenen Bänden seiner Memoiren erzählt der nun Dreiundsiebzigjährige, der als Schauspieler in den Filmen von Krzysztof Zanussi bekannt wurde, von seinem Leben als „Dieb, Schwuler, Jude und Antichrist“ - eine Thematik, die durch den politischen Rechtsruck in Polen größte Brisanz erlangt hat. So setzt die Literaturszene einen deutlichen Kontrapunkt zur neuerdings wieder ganz offen zutage tretenden Homophobie, die sich in den Diskussionen über Schwulenparaden und die Schließung einschlägiger Clubs zeigt.

Von vergessenen Winkeln

Dabei gibt sich die Kulturszene längst in einer westlich-liberalen Weise urban. Eine verlegerische Großtat ist und bleibt die Zeitschrift „Lampa“ aus Warschau, mit ihrem ebenso eigenständigen wie unbestechlichen Blick auf die polnische Gegenwartskultur, auf internationale Literatur und Popmusik. Wenn aber über Europa diskutiert wird, dann erledigt das noch immer weitgehend eine Literatur, die den Kontinent von seinen Rändern her zu fassen versucht. Über Erzählungen also von vergessenen Winkeln, die sich noch nicht in die vermeintliche Unausweichlichkeit der kapitalistischen Vereinheitlichung gefügt haben oder aber schon wieder abgehängt worden sind. Allein durch die Art und Weise, wie Andrzej Stasiuk das Verhältnis von Zentrum und Peripherie denke, nehme Polen derzeit Einfluß auf die Weltliteratur, sagt der Hanser-Verleger Michael Krüger, der in Warschau für seine Leistungen auf dem Feld der Vermittlung von polnischer Literatur in Deutschland ausgezeichnet wurde.

Zwei jeweils in deutscher und polnischer Sprache erschienene Anthologien stillen den zu beiden Seiten der Oder großen Lesehunger auf Geschichten aus der europäischen Provinz. Die Suhrkamp-Lektorin Katharina Raabe und die „Czarne“-Verlegerin Monika Sznajderman haben den Band „Last and Lost“ herausgegeben, Martin Pollack die Textsammlung „Sarmatische Landschaften“. Konsequent einsiedlerisch geht auch der mit seinem Roman „Schwarzes Eis“ bekannt gewordene Schriftsteller Mariusz Wilk vor. Während sich andere mal hier, mal da umtun, um vermeintlich authentisches Material literaturförmig zu machen, läßt Wilk sich dauerhaft auf das Leben in den unwirtlichen Weiten des hohen Nordens ein. Nachdem „Schwarzes Eis“ auf dem ehemaligen Verbannungsort und GULag-Gelände der Solowjezki-Inseln entstanden war, ist Wilk für seinen soeben in Polen erschienenen Tagebuchessay noch weiter nach Norden gezogen, in ein Haus am karelischen Onegasee.

Mitten in Warschau, im Hof des gediegenen Hotels Bristol, sitzt Hans Magnus Enzensberger über einer Tasse Kaffee. Wir unterhalten uns über die Stadt und seinen Essay „Polnische Zufälle“, den er vor beinahe zwanzig Jahren über die noch volksrepublikanische Hauptstadt geschrieben hat. Im Restaurant Shanghai, das Enzensberger damals aufgefallen war, gibt es zwar noch immer kein chinesisches Essen. Ansonsten aber, sagt der Schriftsteller, entwickelt sich alles so, wie man es erwarten muß, wenn man mit den wirtschaftlichen Daten vertraut ist. Die neue Regierung mit Beteiligung der Rechtspopulisten und Nationalkatholiken betrachtet er gelassen: Man müsse sich eben nur darüber im klaren sein, daß sie das Land einige Zeit kosten werde. Italien habe durch Berlusconi acht Jahre verloren. Derweil pritscht die Volleyballspielerin am Platz der Konstitution weiter. Sie und die Polen werden auch diese Periode überstehen.



Text: F.A.Z., 24.05.2006, Nr. 120 / Seite 44
Bildmaterial: dpa/dpaweb

 
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