Harry Potter

Das Böse als junger Mann: Die Ahnen von Lord Voldemort

Von Michael Maar

Joanne K. Rowling als 3-D-Portrait

Joanne K. Rowling als 3-D-Portrait

01. Oktober 2005 Im neuen, von Samstag an auch auf deutsch vorliegenden sechsten „Harry Potter“- Band tritt er wieder nicht auf. Er ist zwar überall präsent, denn ohne ihn fiele J. K. Rowlings Erzählkosmos in sich zusammen - ohne ihn hätte Harry Potter keine anderen Sorgen als Quidditch oder Ginny, und die würden nicht sieben Bände füllen. Aber die persönlichen Auftritte von Potters Gegenspieler sind sparsam. Lord Voldemort macht sich rar. Schon im fünften Band geruht er nur einmal kurz, sich der schaudernden Menge zu präsentieren. Im sechsten Band bekämen wir ihn gar nicht zu Gesicht, gäbe es in Dumbledores Büro nicht das praktische Gerät, das Pensieve oder „Denkarium“ heißt: ein magischer Speicher für Erinnerungen, die jederzeit wieder abgerufen werden können. Dank dieses Denkariums, der Weiterentwicklung der altmodischen Rückblende, bekommen wir ein paar vielsagende Einblicke in die Vergangenheit des dunklen Lords.

Voldemort, der eigentlich Tom Riddle heißt, wächst im Waisenhaus auf, wo ihn Dumbledore besucht und ins Zaubererinternat Hogwarts einlädt. Schon in der Jugend wird Riddle auffällig. Merkwürdige Dinge passieren im Waisenhaus, und alle sind froh, Tom Riddle loszuwerden. Er ist ein hübscher und kluger Junge, dessen Schönheit allerdings schnell verfällt. Im Internat ist er nicht beliebt, aber wegen seiner Fähigkeiten geachtet. Besonders stolz ist er auf seine reinblütige Abstammung. Seine Sucht nach Besonderheit zeigt sich auch darin, daß er seinen Namen ablegt, der ihm zu banal erscheint, und sich mit dem Kunstnamen „Voldemort“ schmückt.

Die Hybris des Satans

Die Besonderheit ist nicht nur angemaßt. Tom Riddle alias Voldemort hat Macht über Tiere, und er spricht die Sprache der Schlangen. Seine magischen Fähigkeiten, die er ausschließlich egoistisch und zerstörerisch nutzt, übertreffen alles Bekannte. Den Abschluß macht er mit Bestnoten in allen Fächern. Es bleibt unklar, wohin ihn seine ausgedehnten Auslandsreisen führen, die er anschließend unternimmt. Klar ist, daß er sich für den größten lebenden Magier hält. Er prahlt damit, in seinen Experimenten die Grenzen der Magie so stark erweitert zu haben wie niemand zuvor. Sein eigentliches, kaum verhohlenes Ziel ist die Unsterblichkeit; ein Ziel, für das er bedenkenlos mordet. Als Raub des Todes, „vol de mort“, mag dieses Ziel verschlüsselt schon in seinem Namen enthalten sein. Die Getreuen, die er um sich schart, bilden einen verschworenen Geheimbund. In einem Ritual, das an eine schwarze Messe gemahnt, sammeln sich die „Todesser“ am Ende des vierten Bandes, um ihrem nach Jahren der Schwäche wiederauferstandenen Herrn zu huldigen.

Harry Potter wird Zeuge der grausigen Wandlung, die Motive der Eucharistie verhöhnt. Zwei Bände zuvor mußte er erleben, wie ausgerechnet die reine Unschuld, die süße Ginny Weasley, dem dämonischen Zwang verfällt und durch schwarzmagische Manipulation zu Wachs in Voldemorts Händen wird. Am Ende des sechsten Bandes ist Voldemort auf dem Höhepunkt seiner Macht, die Reihen der Gegner sind empfindlich gelichtet, sein Sieg über die Sterblichkeit scheint zum Greifen nah. Erst der siebte und finale Band wird ihn dem Fall zuführen, der dem Satan in seiner Hybris nicht erspart bleiben kann.

Der Vergleich mit einem anderen literarischen Bildnis

Vergleichen wir dieses Porträt des Bösen als junger Mann mit einem anderen literarischen Bildnis, das 1908 in England erschien. Der Held, der sich von einem sonderbar auftretenden Pariser Bekannten düpiert fühlt, zieht in England Auskünfte über dessen Vergangenheit ein. Mangels magischer Rückblenden werden ihm diese Auskünfte in Form eines langen Briefes zuteil. Ein Freund erzählt darin über die Zeit, in der er mit dem Sonderling in Oxford studierte. Folgendes Bild setzt sich aus seinen Erinnerungen zusammen.

Der junge Mann stammt, worauf sein ganzer Stolz sich gründet, aus adliger Familie. Die Mutter liegt in der Heilanstalt, was er verschweigt. Als Jugendlicher ist er ungewöhnlich hübsch, später verfällt er rasch. Er hat große Kenntnisse und hüllt sich in ein Air von Allwissenheit. Man ist der Überzeugung, daß er seine Ziele nicht mit ehrlichen Mitteln erreicht, kann ihm direkten Betrug aber nicht nachweisen. Er ist unbeliebt und steht dennoch im Mittelpunkt. Er macht das beste Examen und verschwindet dann nach Amerika oder Indien; angeblich entdeckt er dabei esoterische Geheimnisse, die sämtliche Grundlagen der modernen Wissenschaften über den Haufen würfen. Seine Sucht nach Besonderheit ist grenzenlos. Aber etwas Besonderes ist wirklich um ihn. Er hat rätselhafte übermenschliche Fähigkeiten. Er spricht die Sprache der Schlangen, und er besitzt Macht über Tiere. Sein Charakter ist verroht und böse, er ist hinterhältig und unaufrichtig, und am besten meidet man ihn wie die Pest. An seinen Fingern, munkelt man, klebt Menschenblut. Man spricht darüber, daß er schwarze Messen abhält. Sein letztes Ziel ist es, das tiefste Geheimnis der Alchimie zu ergründen. Im Verlauf der Handlung gewinnt er dämonische Macht über eine kindlich unschuldige und reine Frau, die Verlobte des Helden, die sich seinem Zwang nicht entziehen kann und ihm verfällt. Mit ihrer Hilfe will der Magier Homunkuli züchten und das Geheimnis von Leben und Tod entschlüsseln. Am Ende entgeht auch er nicht dem gerechten Fall; seine künstlichen Menschen aber züchtet er wirklich. Sie sehen übrigens aus wie die Alraunen bei Rowling.

Ein Schwindler und taktloser Aufschneider

„Der Magier“, ein parapsychologischer Roman laut Untertitel, ist ein frühes und schreiend unreifes Werk des englischen Erzählers Somerset Maugham. In dem Vorwort, das Maugham fünfzig Jahre nach der Niederschrift des „Magician“ verfaßte, berichtet er, wie er zu ihm angeregt wurde. Den Winter 1907 hatte Maugham in Paris verbracht. Er war dort Stammgast in „Le Chat Blanc“, wo gelegentlich auch Aleister Crowley auftauchte. Als Maugham ihn kennenlernte, befaßte Crowley sich gerade mit Teufelskult, Magie und allem Okkulten. Er erzählte phantastische Geschichten von seinen Erlebnissen, aber man konnte nicht sagen, ob er die Wahrheit sprach oder einen an der Nase herumführte. Maugham hatte vom ersten Blick an eine Abneigung gegen ihn, hörte ihm aber mit Interesse zu. Am auffälligsten war Crowleys Blick, der durch sein Objekt hindurchzusehen schien. Er war ein Schwindler und taktloser Aufschneider, aber manches Erstaunliche hatte er auf seinen zahlreichen Auslandsreisen wirklich geleistet, wie die Besteigung des K 2 im Hindukusch. Nach diesem Pariser Winter hatte Maugham ihn nie mehr getroffen; nur einmal erhielt er viele Jahre später in London ein Telegramm, in dem Crowley ihn um fünfundzwanzig Pfund anschnorrte.

Dennoch muß der Eindruck in ihm nachgewirkt haben, denn er schuf eine Figur nach ihm, ebenjenen Magier, der seinem frühen Roman den Titel gab. Maugham nannte ihn Oliver Haddo und stattete ihn mit den magischen Kräften aus, die er Crowley letztlich absprach. Er erfand einiges dazu und machte Haddo grausamer und düsterer, als es Crowley je war. Der Porträtierte erkannte sich dennoch und schrieb für „Vanity Fair“ eine Kritik des Buchs, die er mit „Oliver Haddo“ zeichnete.

Ungeklärte Todesfälle säumen seinen Lebensweg

Der berühmteste Okkultist des zwanzigsten Jahrhunderts hatte ein Leben, das zu romanhafter Ausschmückung einlud. Crowley, der in unverkennbarer Voldemort-Attitüde seinen banalen Vornamen Edward zugunsten des keltisch-exotischen „Aleister“ ablegte, wurde als Kind einer puritanischen Brauer-Familie 1875 in Leamington Spa geboren. Seine Mutter übergab den Dreizehnjährigen an ein christliches Internat, aus dem er zwei Jahre später wegen sexueller Verstöße relegiert wurde. 1895 begann er ein Studium am Trinity College in Cambridge. Im Jahr darauf überfiel ihn in einem Stockholmer Hotelzimmer die Erkenntnis seiner magischen Macht. Zwei Jahre später wurde er in den Geheimbund „Hermetic Order of the Golden Dawn“ eingeführt, den er vergeblich unter seine Kontrolle zu bringen suchte. Bitter beklagte er sich nach der entscheidenden Niederlage, seine Gegner hätten in der Versammlung unerlaubte schwarze Magie verwendet - sein Regenmantel habe plötzlich in Flammen gestanden. Es wird der Incendio-Fluch gewesen sein, mit dem Hermine beim Quidditch-Turnier den Umhang Professor Snapes in Flammen setzt.

Auf Reisen nach Mexiko, Indien und Ägypten folgte Crowley seinen okkultistischen Neigungen. 1912 wurde er zum Leiter des englischen Zweigs des deutsch-österreichischen „Ordo Templi Orientis“, O.T.O, eines unorthodox freimaurerischen Geheimbundes, dessen satanistische Färbung er stets bestritt. Zehn Jahre später gründete er auf Sizilien eine magische Kommune, die „Abtei von Thelema“, die wie alles, was er anfaßte, unter finsteren Umständen zerbrach. Ungeklärte Todesfälle säumen Crowleys verschlungenen Lebensweg, der 1947 in Hastings endete; beschleunigt durch die Mengen Heroin, von denen der Asthmatiker sich Linderung versprach.

Im tiefsten Sinne unheimlich

Ist Aleister Crowley das Vorbild Lord Voldemorts? Zumindest einer aus seiner Ahnenreihe. Man kann sich schwer vorstellen, daß die Schöpferin des größten magischen Universums der Kinderliteratur sich mit dem berühmtesten Magier ihrer Zeit nicht flüchtig befaßt haben soll. Hätte sie hier und dort an Crowley gedacht, als sie ihren Bösen entwarf, stünde sie in ehrwürdiger literarischer Tradition. Somerset Maugham war nicht der einzige, dem der Okkultist für eine Romanfigur Modell gesessen hatte. Sein Landsmann Anthony Powell, Verfasser des großen Romanzyklus „A Dance to the Music of Time“, hatte eine ähnliche Begegnung mit Crowley, und auch er wurde durch ihn zu einer Figur angeregt.

In seinen Memoiren schildert Powell, wie er sich in London mit ihm in einem Hotel verabredet hatte. Crowley hatte am Telefon nicht ohne Humor angekündigt, Powell werde ihn daran erkennen, daß er keine Rose im Knopfloch trage. Alles andere als humoristisch war dann der persönliche Eindruck, den Crowley bei Anthony Powell hinterließ. Sinister wirkte er auf ihn, im tiefsten Sinne unheimlich. Äußerlich, fügt Powell an, glich er einem „horrible baby“.

Der wohlverdiente Sturz in Band sieben

Vielleicht blieb auch das von der Schöpferin Voldemorts nicht unbemerkt. Ihr teuflischer Lord erscheint bei seiner Wiedergeburt im vierten Band als ein furchterregendes, mißgestaltetes Baby. Es ist der Band, in dem es zu ebenden pseudosatanistischen Ritualen kommt, für die Aleister Crowley berüchtigt war.

Powell schuf nach der Begegnung mit Crowley die Figur des Dr. Trelawney, eines dämonischen Unsympathen, dessen Macht sich noch auf die nächste Generation erstreckt. Der Name ist Potterianern nicht unbekannt. Professor Trelawney heißt die halbseidene Lehrerin für Wahrsagekunst in Hogwarts. Erst das dunkle Wahrwort der Quartalsprophetin setzt die Handlung von „Harry Potter“ in Gang. Ohne Trelawney gäbe es den Zyklus nicht, denn ohne sie hätte der Böse nicht davon Kenntnis erlangt, daß ihm mit Harry Potter ein Todfeind erwuchs. Im nächsten Band, dem siebten und finalen, werden wir sehen, wie der sich rar machende Lord seinen wohlverdienten Sturz erlebt. Ob sich hinter seiner Schulter wieder der Schatten des Great Beast 666 abzeichnen wird, ist nicht die kleinste der Fragen, mit denen die Autorin uns schon so lange gefesselt hält.

Text: F.A.Z. vom 1. Oktober 2005
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben