Castro-Biographie

Das Großmaul

Von Walter Haubrich

Fidel Castro um 1950

Fidel Castro um 1950

11. August 2006 Die fingierte Autobiographie eines Politikers? Wozu soll das gut sein - selbst wenn dieser Politiker Fidel Castro heißt und so lange wie derzeit sonst kein anderer auf der Welt an der Macht ist? Autorisierte Biographien über Castro sind in Kuba bereits erschienen, außerhalb der Revolutionsinsel auch einige um Objektivität bemühte Lebensbeschreibungen und sogar auch sehr kritische Werke.

Norberto Fuentes, ein kubanischer Erzähler und Lyriker, schreibt, wie Fidel Castro spricht, läßt den „Comandante en Jefe de la revolución“ sich verteidigen, seine Taten rechtfertigen und um Verständnis für seine diktatorische Herrschaft werben. Doch Norberto Fuentes, jahrzehntelang ein enger Freund Castros, lebt seit einigen Jahren im Exil, in Florida, also im Land des Erzfeindes der kubanischen Revolution, im, wie Castro zu sagen pflegt, Imperium. Er hatte bei dem Versuch, mit einem Boot über die karibische See zu fliehen, fast sein Leben verloren und erhielt dann jedoch von Fidel Castro, und zwar auf Vermittlung von Gabriel García Márquez, die Erlaubnis, ganz legal zu emigrieren. Fuentes lebte immer in der Nähe Castros, war lange Zeit ein besonders enger Vertrauter des Partei-, Regierungs- und Staatschefs. Als dieser dann seine Freunde, den General Arnaldo Ochoa und den Obersten Antonio de la Guardia, erschießen ließ, sagte er sich endgültig von ihm los.

Psychologische Überzeugungsarbeit

Mutig war Norberto Fuentes immer schon gewesen. Als das Regime im Jahre 1971 den Dichter Heberto Padilla verhaften ließ und nach einem Monat psychologischer Überzeugungsarbeit dazu zwang, eine schonungslose und teilweise geradezu absurde Selbstkritik vor seinen Kollegen zu üben, war Fuentes der einzige kubanische Schriftsteller, der Padillas Selbstkritik nicht akzeptierte und es auch ablehnte, sich selbst und andere kubanische Intellektuelle zu beschuldigen.

Fuentes war sechzehn Jahre alt, als die von Castro geführte Guerrilla den von den Vereinigten Staaten geschützten Diktator Batista vertrieb. Er kämpfte in der Sierra del Escambray gegen konterrevolutionäre Gruppen, die sie damals die „Banditen“ nannten. Seine ersten Veröffentlichungen waren Reportagen aus diesen Kämpfen, ebenso wie ein Erzählband, der mit Kubas wichtigstem Literaturpreis, dem „Casa de las Américas“, ausgezeichnet wurde. In diesen Erzählungen geht es weniger um die Kämpfe der Banditen, sondern um die eigentlichen Opfer des Guerrillakrieges in den Bergen von Escambray, den aus ihrem normalen Leben vertriebenen und daraufhin zu Jägern oder Gejagten gewordenen Bergbauern.

Intellektuelle Faszination

Obwohl er selbst für die Revolution Fidel Castros kämpfte, sind seine literarischen Werke keine Loblieder auf die Helden der Revolution. Später ging Fuentes mit den kubanischen Truppen in den Krieg nach Angola. Sein bekanntestes Werk vor der Autobiographie war die auch ins Deutsche übersetzte akribische Untersuchung über „Hemingway in Kuba“.

Was hat einen so ehrlichen Mann wie Norberto Fuentes so lange in der Nähe des Diktators Castro gehalten? Abgesehen von der Faszination, welche die Persönlichkeit Castros auf zahlreiche Intellektuelle ausübte, waren es wohl der Glaube an die soziale Gerechtigkeit, die auch Castro für erreichbar hält, und die Unabhängigkeit von den Vereinigten Staaten. Als dann die grausame Bedenkenlosigkeit des Machtpolitikers, der Castro auch war, zwei von dessen engen Freunden das Leben kostete, kündigte Fuentes dem Máximo Líder seine Gefolgschaft und schrieb im Exil die fingierte Selbstschau des Partei-, Regierungs- und Staatschefs, des Comandante en Jefe Fidel Castro.

Schreiben als Befreiungsschlag

Castro ist kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag an diesem Sonntag zum ersten Mal in seinem Leben schwer erkrankt. Bei der Reaktion auf die Erkrankung, auch vieler seiner politischen Gegner, merkt man, daß es für viele Kubaner gar nicht so leicht sein wird, ohne ihre Leitfigur, ihren Übervater Fidel, zu leben. Die im spanischen Original fast zweitausend Seiten umfassende Autobiographie ist so etwas wie der Befreiungsschlag des Autors von der Person, die sein ganzes Leben bestimmt hat. In seinem Buch verschweigt Fuentes nicht die unangenehmen Seiten an Castros Charakter, auch nicht, wie leicht es dem Comandante fiel, Menschen erschießen zu lassen.

Fidel zeigt sich in der Darstellung von Fuentes, wie er wirklich ist: selbstbewußt, arrogant, sarkastisch und humorvoll: „Ich habe eine hohe Meinung von mir“, sagt er auf der ersten Seite, „die kubanische Revolution hätte es ohne mich nicht gegeben. Ich habe mehr und fernere Länder erobert als Alexander der Große. Ich habe zwei Imperien getrotzt, die tausendmal mächtiger sind als das alte Rom und Ägypten und alle antiken Reiche zusammen und die der Neuzeit. Vielleicht ist kein anderer in der Weltgeschichte so bejubelt, von so vielen Präsidenten und Würdenträgern empfangen worden, ja, womöglich kann kein anderer so viele große Leistungen für sich verbuchen wie Fidel Castro Ruz.“

„Ich bin die Revolution“

So schreibt Norberto Fuentes, und so spricht Fidel Castro. In früheren Jahren fehlte es Castro nicht an Selbstironie. Er ist ein Meister der oft humorvollen spanischen Rhetorik, wie er sie in den Jesuitenschulen gelernt hat. Und Castro ist ein begabter Erzähler. Fuentes schreibt, ohne die Art von dessen Rede zu verraten, brillanter und literarisch gepflegter. In seinen privaten Äußerungen über Che Guevara wird ein an sich bei Castro nicht vermuteter Neid sichtbar. Zur weltweiten Ikone der Revolution wurde eben nicht er, sondern, dank eines geglückten Fotos, wie Fidel meint, der argentinische Kampfgefährte Guevara.

Die Selbstsicherheit des Alleinherrschers wird manchmal zur Karikatur. So schreibt Fidel auf Seite 380: „Anfang der vierziger Jahre faßte ich den Entschluß, die Republik zu zerstören.“ Und dann: „Ich bin die Revolution.“ So jemand mußte eigentlich Diktator werden.

Für die Weltpolitik nur zweitrangig

Den wichtigsten Ereignissen im Leben Castros gibt Fuentes großen Raum: der von Kennedy genehmigten Invasion der Exilkubaner in der Schweinebucht, die mit einem großen Sieg Castros endete und auch seine bitterste politische Niederlage wurde, als Moskau und Washington sich über den Rückzug der sowjetischen Atomraketen aus Kuba einigten, ohne Castro darüber auch nur zu informieren. Da merkte er wieder einmal sehr deutlich, daß er doch nur der Herrscher eines kleinen Landes ist und in der Weltpolitik nur zweitrangige Bedeutung hat. Für Kennedy zeigte er trotzdem Hochachtung und bemühte sich, alle Gerüchte, der kubanische Geheimdienst habe etwas mit der Ermordung des amerikanischen Präsidenten zu tun, zu widerlegen.

Castro bedient sich gern seiner strategischen Kenntnisse; den amerikanischen Politikern hält er vor, daß diese, im Gegensatz zu ihm, Clausewitz nicht gelesen oder jedenfalls nicht verstanden hätten.

Gekürzte Lektüre

Der Band gibt erschöpfend Auskunft über Castro und die kubanische Geschichte der vergangenen fünfzig Jahre. Dazu ist er spannend geschrieben, eben von einem großen Erzähler und Meister der spanischen Literatursprache. Die Übersetzung von Thomas Schultz weist einige unnötige Anglizismen wie „approach“ auf. Der Verlag schreibt auf dem Buchdeckel, Fuentes habe den „Preis Casa de las Américas“ erhalten. Das ist natürlich der Premio Casa de las Américas, also auf deutsch der Preis.

Die deutsche Ausgabe ist gegenüber dem bei Destino in Barcelona erschienenen Original um etwas mehr als die Hälfte seines Umfang gekürzt - von dem Übersetzer „eingerichtet“, sagt der Verlag. Das ist immer eine heikle Angelegenheit, die kürzere Ausgabe vereinfacht allerdings die Lektüre, zumindest für diejenigen, die nicht so viel über Castro und Kuba erfahren wollen. Leider ist vorwiegend in der zweiten Hälfte gekürzt worden, also aus der Zeit, in der Castro sein Land schon diktatorisch regierte.

Norberto Fuentes: „Die Autobiographie des Fidel Castro“. Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Thomas Schultz. Verlag C.H. Beck, München 2006.

758 S., geb., 29,90 Euro



Text: F.A.Z., 11.08.2006, Nr. 185 / Seite 34
Bildmaterial: dpa

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