17. Juni 2005 Die deutsche Verlagslandschaft ist die Markt gewordene Nische. Keine Spezialisierung, die es nicht gäbe. Geradezu abenteuerlich ist das Angebot an Bildbänden jeder Preisklasse, sehr viel überschaubarer, aber auch hochspezialisiert der Markt für das sogenannte illustrierte Sachbuch.
Dieser Mischform aus ambitionierter Fotografie plus anspruchsvoller Texte hat sich der Münchner Knesebeck Verlag verschrieben. Eines der bekanntesten Bücher dieser Art dürfte Herlinde Koelbls Spuren der Macht sein - Porträts der politischen Klasse von der Jugend bis zur Macht, Bilder von Schröder, Merkel, Fischer und anderen, die sich ins kollektive Gedächtnis eingegraben haben.
Schon immer eine Powerfrau
Die treibende Kraft hinter diesem Unternehmen, das im urmünchnerischen Glockenbach-Viertel mit fünfzehn Mitarbeitern sein Quartier hat, war schon eine Powerfrau, als die Frauenbewegung diesen Begriff noch nicht ausgenudelt hatte. Rosemarie von dem Knesebeck, promovierte Publizistin und Journalistin, hat den Verlag 1987 zunächst zusammen mit dem Programmacher Wolfgang Schuler gegründet. Vor fünf Jahren hat sie sich bei der drittgrößten französischen Verlagsgruppe La Martiniere untergestellt, ist als geschäftsführende Gesellschafterin eigenverantwortlich für den deutschsprachigen Bereich zuständig.
Ihr Büro ist eine gewachsene Bücher- und Manuskriptlandschaft auf grauem Teppichboden; auf dem schmucklosen weißen Schreibtisch verströmen Lilien, die Lieblingsblumen der Verlegerin, ihren Duft. Ein Frau, die sich sehr genau überlegt, was sie sagt, ihr Gegenüber mit ernstem Blick prüft. Angesprochen auf ihren Entschluß, einen Verlag zu gründen, sagt sie: Ich war eigentlich wahnsinnig, aber andererseits mache ich das auch heute noch sehr, sehr gern.
Erst nach Hongkong, dann nach London
Erfahrungen hat sie im Vertrieb bei Hanser gesammelt, doch dann trat mit ihrem Mann, einem hochrangigen Versicherungsmanager, die Wende in ihr Leben: Sie folgte Herneid von dem Knesebeck erst nach Honkong, dann nach London. Für die Welt schrieb sie aus dem Fernen Osten, um journalistisch am Ball zu bleiben. Dort wurde auch ihr erster Sohn geboren, eine Tochter und Sohn Nummer zwei folgten in London.
Nach der Übersiedlung nach München revanchierte sich ihr Mann für soviel Energie- und Mobiltiätspotential. Er gab seine Laufbahn bei der Münchner Rück auf - um bei seiner Frau in der Holzstraße einzusteigen. Er habe sich, sagt diese, richtig eingefuchst. Heute kümmert er sich um die Finanzen und um die Herstellung, während sie Programm macht. Ein Familienunternehmen war der Verlag von Anfang an: Die ersten Kataloge haben die Kinder am Küchentisch eingetütet - für eine Mark Stundenlohn.
Pragmatischer und kompromißbereiter
Dem Umstand, daß sie im Leben mehrmals neu anfangen mußte, verdankt Rosemarie von dem Knesebeck die Einsicht, es auch immer wieder neu schaffen zu können. Dazu brauche es allerdings eine gehörige Portion Elan vital für eine Lebensbahn, die nur Frauen mit überdurchschnittlichem Willen und Disziplin beschreiten könnten: Frauen haben oft nicht genug Kraft, sich durchzuboxen. Auch ihr Mann stelle sie gelegentlich mit seinem Beharrungsvermögen auf eine Probe. Diese Arbeitsteilung habe sie gelehrt, daß Frauen lernen müßten, konfliktbereiter zu sein. Ich bin keine, die sagt, Frauen führen besser, aber sie sind vielleicht pragmatischer und kompromißbereiter.
Da die Familie von Haus aus nicht unvermögend war, blieb der Verlegerin der Wege zu den Kreditabteilungen erspart - ein Weg, der nach Lage der Dinge gerade für kleine Verlage aussichtslos ist: Für Banker fängt der Mittelstand bei 500 Millionen an, Häuser wie unsere sind für die Peanuts. Aus dieser Einsicht rührte die strategische Überlegung, sich mit einem französischen Großverlag einzulassen, mit dem man als Partner schon gute Erfahrungen gemacht hatte. Internationale Kooperationen sind im Geschäft mit Bildbänden die Regel.
Die Erde als Auflagenausreißer
Um erfolgreich zu bleiben, müssen auch bei Knesebeck ständig neue Formate und Vermarktungswege beschritten werden; als Renner hat sich ein querformatiger Band mit dem Titel Die Erde von oben entwickelt, der wie ein Tagebuch funktioniert: die linke Seite ist für Notizen, die rechte zeigt eine Luftaufnahme. Mit 200.000 Exemplaren ist das ein Auflagenausreißer, die üblichen Zahlen bewegen sich im vierstelligen Bereich.
Rosemarie von dem Knesebeck, seit Jahren auch in der Verbandsarbeit im Börsenverein aktiv, wirft der Branche mangelndes Marketing für das Medium Buch vor: Bücher an Tankstellen sind gut, aber schlecht für den Handel. Wir haben nicht genügend dafür getan, daß sich die Wertschätzung für das Buch durchsetzt. Den Glauben an eine konzertierte Aktion in Sachen Gattungsmarketing hat sie aufgegeben. Die großen Versender und Verramscher arbeiteten munter an der Abschaffung der Preisbindung, sie entwickelten keine Bücher im verlegerischen Stil, sondern nach den Gesetzen der Marktforschung.
Soll man Frauen zum Verlegerberuf raten? Für Frauen sei der Weg vom Verlag zur Familie und wieder zurück noch immer sehr schwer, befindet eine, die es geschafft hat. Rosemarie von dem Knesebeck sieht als Ursache ein grundsätzliches struktuelles Problem unserer Gesellschaft: weil sich die Deutschen, anders als die Franzosen, vehement gegen Ganztagsschulen wehren. Ihr jüngster Sohn hat aber bereits angekündigt, einen Verlag aufmachen zu wollen. Er ist dreiundzwanzig Jahre alt.
Text: F.A.Z., 18.06.2005, Nr. 139 / Seite 37
Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Frank Röth