Von Ulla Hahn
10. Juni 2008 Wenn mir einer Mut gemacht zu meinen ersten Gedichten, dann Peter Rühmkorf. Sein agar agar - zaurzaurim meine Bibel: Erlaubt ist, was gekonnt. Und Rühmkorf konnte so gut wie alles und alles gut. Konnte reimen, dass sich die Bananen bogen, reimte poofen auf Feuerofen, Adorno auf hardcoreporno, Bolle auf Frühlingsrolle; witzig, bissig, nie platt. Mutig und zart zugleich, eine seltene Mischung. Rühmkorf verstand es, mit der Schwere zu spielen. Wusste, wir Dichter müssen in Ketten tanzen, aber klirren hören darf man sie nicht. Doch nicht nur, was den unbefangenen Umgang mit Wörtern und Reimen angeht, habe ich von ihm gelernt. Es gab nichts, was Rühmkorf nicht in Dichtung hätte verwandeln können.
Er brauchte keine großen Themen, um große Gedichte zu schreiben. Bei unserem letzten Glas Rotwein, nach einer Veranstaltung, es ging um Heine, erinnerte er mich noch einmal an die Kunst zu schweben. Graziös in Lebensgefahr, wie er in einem seiner berühmtesten Gedichte resümiert: Das war seine Haltung auf dem Hochseil. Seine Gedichte werden mich, werden seine Leser weiterhin vor dem Absturz bewahren.
Ulla Hahn, geboren 1946, veröffentlichte zuletzt den Erzählungsband Liebesarten (2006).
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa/dpaweb