Gegenwart der Zukunft

Die Kultur der Science-fiction erlebt eine bedeutsame Krise

Von Dietmar Dath

Umgeschminkt: Isaac Asimovs Klassiker

Umgeschminkt: Isaac Asimovs Klassiker

18. August 2004 Kopf einziehen, die Predigt wird laut: "Jede imperialistische, weiß-rassistische, kapitalistische, patriarchalische Nation auf der Erde", schrieb vor ein paar Jahren die akademische schwarze Feministin bell hooks, "lehrt ihre Bürger, sich mehr um das Morgen als um das Heute zu sorgen. Sobald wir das aber tun, haben wir uns der Versuchung des Todes ergeben. Auf die Zukunft fixiert zu leben bedeutet, in einem Zustand der Verleugnung zu leben. Es handelt sich um eine Form psychischer Gewalt, die uns darauf abrichtet, jene andere Gewalt zu akzeptieren, die notwendig ist, die imperialistische, zukunftsorientierte Gesellschaft aufrechtzuerhalten."

Daß der Vorwurf ein bißchen verrückt ist, sieht man sofort. Wie viele in den letzten zwanzig Jahren veranstaltete antiwestliche Moralsalti von Leuten, deren Ausbildung und metaphorisch-messianischer Politikstil westlicher nicht sein könnten, darf man ihn wohl nicht wörtlich nehmen, weil man sonst ein der Verfasserin sicher nicht sympathisches Leben anstreben müßte, das mit Mitte Dreißig zu Ende und bis dahin alles andere als ein Spaß gewesen wäre (richtig, der Kopfjäger lebt im Jetzt, aber seine Lebenserwartung ist nicht beneidenswert). Bevor man aber aus der offensichtlichen Absurdität solcher Zivilisationsschimpfe ableitet, daß mit dem Westen, seinen Wissensformen, seiner Technologie und deren Zukunft alles zum besten steht, wenn doch die Gegenpartei nicht mehr zu bieten hat als schrillen Irrationalismus, sollte man beides, die ordnende und planende Technozivilisation wie die abstruse Hetze einer solchen "Kritik", als zwei Seiten einer Medaille oder metaphernfrei: zwei Momente ein und derselben Moderne begreifen. Es spricht nämlich Bände über den meist latenten, periodisch aber dann doch von Intellektuellen und anderen vom unmittelbaren Produktionsprozeß freigestellten Figuren artikulierten Selbsthaß der westlichen Zivilisation, wenn deren redegewandteste Kritiker sich, vielleicht ohne es selbst zu bemerken, Roheit und Erbarmungslosigkeit des Naturzustandes zurückwünschen.

Nur noch Zack, Batsch und ein deftiger Schuß paranoider Technophobie

Morgen mag ja wirklich alles besser werden. Aber die Gegenwart der Zukunft der entwickelten, reichen Gesellschaften hat in deren Vergangenheit schon mal entschieden besser ausgesehen. Zwar umgibt uns auf Schritt und Tritt die Ikonographie, das visuelle, akustische und kognitive Design der für diese Gegenwart der Zukunft zuständigen ästhetischen Kategorie, nämlich der Science-fiction - in der politischen Rhetorik von Zukunftserschließung und Schadenabwehr, im sozial- wie naturwissenschaftlichen Planungshorizont demographischer oder klimatologischer Prognostik -, der Geist des ganzen Unternehmens aber, das seit Verne und Wells schon ein paar Namen hatte, bis Hugo Gernsback es "Sciene-fiction" taufte, atmet nur mehr flatternd und flach.

Ein Beispiel aus diesem Sommer: Die erstmals 1950 unter dem Titel "I, Robot" gesammelten kybernetischen Parabeln von Isaac Asimov (1920 bis 1992) sind kleine Kasuistiken zur Erkundung der Frage, ob sich so etwas wie Ethik auch mit logischen, positivistisch-gesetzesförmigen Mitteln formalisieren läßt und es vielleicht eine "inferentialistische Moral" des Maschinenzeitalters geben kann, bei der sich das richtige Handeln zwingend aus dem richtigen Folgern ergibt. Der Film "I, Robot" mit Will Smith jedoch, der gerade im Kino läuft und Asimov den Titel, einige Figuren und zahlreiche Motive verdankt, handelt von etwas ganz anderem, nämlich von Zack, Batsch und Uiuiui, viel Verfolgerei und einem deftigen Schuß paranoider Technophobie. Asimov, ein rationalistischer Klassizist des zwanzigsten Jahrhunderts, wird auf diese Weise zum actionrappelnden Romantiker von Faustrecht und Testosteronmißbrauch umgeschminkt - man kann so etwas auch "Popularisierung" nennen.

Kürze als Urform

Es ist ein besonders flagrantes Symptom. Die Malaise selbst reicht tiefer: 2003 war das erste Jahr seit 1923, in dem es keine monatlich erscheinende englischsprachige Science-fiction-Zeitschrift gab. Die Abonnentenzahlen stagnieren seit langem, seit 2001 brechen sie zusammen mit den Anzeigen rasant ein, man stellt, Stichwort Doppelnummer, erst auf elf Nummern pro Jahr um, dann auf zehn, mancher bereits auf sechs. Die wichtigsten verbliebenen Magazine, die amerikanischen "Analog", "Asimov's Science Fiction" und "Magazine of Fantasy & Science Fiction" sowie das britische "Interzone", warfen 2003 zusammen gerade mal einundvierzig Ausgaben auf den Markt. Der langjährige "Interzone"-Chef David Pringle kämpfte zunächst mit dem Plan, sein kommerziell nie sehr erfolgreiches, von der Kritik aber mit Lob überschüttetes Heft überhaupt nur noch alle zwei Monate erscheinen zu lassen, gab aber jetzt, nach langem Ringen, seinen Abschied bekannt: Die Zeitschrift wird von den Betreibern des eher in Richtung Fantasy und Horror orientierten Konkurrenzblattes "The Third Alternative" übernommen werden.

Die Folgen solcher Verfallsdynamiken für die Gattung sind kaum zu überschätzen. Denn wie die Keimzelle des komischen Genres der Witz ist, verweist alles, was Science-fiction kann, seit fast hundert Jahren immer wieder auf die Urform "Kurzgeschichte", in der eine einzelne spekulative Idee die narrative Nagelprobe bestehen muß. Die Heimat der Kurzgeschichte aber ist das Genre-Magazin. Seit Pulpheftchen wie "The Argosy" Anfang des letzten Jahrhunderts technikbetonte Abenteuergeschichten zu bringen begonnen hatten, nahm dieser Erzählmodus Fahrt auf - und versprach seinen Praktikern, die einzige unterhaltsame literarische Form zu werden, die zur Sozialgeschichte der Industriegesellschaft aufschließen und mit ihr Schritt halten können würde. Der Verleger Hugo Gernsback widmete die Augustnummer 1923 seiner Zeitschrift "Science and Invention" erstmals ganz dem, was er "science fiction" nannte, und plante bald eine eigenständige Heimat dafür, die "Scientifiction" heißen sollte. Im April 1926 schließlich ließ er die erste Ausgabe von "Amazing Stories" erscheinen, einer der beiden Heimstätten der optimistischsten Ära der Science-fiction, oft als "Golden Age" bezeichnet und auf den ungefähren Zeitraum zwischen 1935 und 1945 datiert.

Gernsbacks einziger ernst zu nehmender Rivale hinsichtlich historischer Verdienste um die Gattung, John Campbell Jr., der seine Autoren nicht nur redigierte, sondern ihnen auch Themenaufträge erteilte, leitete die Geschicke von "Astounding Stories", später "Analog", den unfaßbaren Zeitraum von 1937 bis 1971 lang. Als er begann, jene Literatur mitzuprägen, die von den Eliten des wissenschaftlich-militärisch-industriellen Komplexes wie keine andere verschlungen werden sollte, hatte der Zweite Weltkrieg noch nicht stattgefunden; als er abtrat, zeichnete sich in einigen Science-fiction-Szenarien schon das Ende des Konflikts zwischen Ost und West ab, nicht immer in Form eines Atomkriegs, sondern gelegentlich, etwa in den Geschichten einiger "New Wave"-Autoren, auch als "Balkanisierung" des zerfallenden Ostblocks und als wirtschaftlicher Niedergang der Nordhemisphäre insgesamt.

Das Ende des Puzzles

Zur großen Zeitschriftenzeit, in der die Faustregel galt, daß alles, was diese Hefte beschäftigt, fünfzehn Jahre später im Kino und zwanzig Jahre später im Alltag wichtig werden wird, führt wohl kein Weg zurück. Genausowenig wie zu den ersten selbständigen Romanen, die oft ein jugendliches Publikum ansprechen sollten und meistens eine Wiederaufführung der Besiedlung und Erschließung des amerikanischen Westens im Weltraum inszenierten, manchmal legiert mit geschichtsphilosophischer Didaktik ("Space Opera").

Zwar erlebt die Space-opera immer mal wieder kleine Neubelebungsschocks - sei es selbstreflexiv genrekundig wie zuletzt bei Dan Simmons, literarisch verfeinert wie jüngst bei M. John Harrison, technisch auf dem neuesten Stand wie bei Alastair Reynolds und Peter F. Hamilton oder hintergründig uneigentlich wie bei Iain M. Banks. Aber im Grunde gehört sowas aufs tote Gleis der Gattung, sprich: ins Kino oder ins Fernsehen.

"Heute", hat der einflußreiche Science-fiction-Kritiker John Clute 2003 geschrieben, "handelt Science-fiction nicht mehr von der Zukunft als solcher, weil die Gegenwart nicht kohärent genug ist, um daraus eine zu extrapolieren. Wenn doch noch Geschichten dieser Art als Science-fiction veröffentlicht werden, handelt es sich um Nostalgisches, Fertig-Sammlerstücke, Erzählfassungen irgendeines ungültigen Apriori." Die gültige Science-fiction der Gegenwart, die von Leuten wie Greg Egan, Kim Stanley Robinson, Bruce Sterling, China Mièville und - immer noch, immer wieder - William Gibson verantwortet wird und ständig neue Subströmungen wie "New Weird" oder "New Hard SF" erfindet, verschleißt und abschafft, glaubt nicht mehr, wie Asimov, daß die Zukunft ein Puzzle ist - ein Problem, das wir mit Hilfe von Teilen lösen können, die wir schon haben. Die Probleme stecken nicht länger im neuen, noch nicht über sich selbst aufgeklärten gesellschaftlichen Wissen, wie das in der Hochmoderne der Fall war, die deshalb neben diversen Avantgarden auch die Science-fiction gezeugt, ausgetragen und geboren hat. Sie stecken auch nicht mehr im noch unbegriffenen Detail, das Technikern und Kasuisten Angriffsflächen bietet, sondern in jedem Sinne des Wortes in "globalen" Zusammenhängen.

Deshalb stirbt der zu Problemlösungszwecken erfundene Erzählkern des beispielhaften Einzelvorfalls, der die Science-fiction-Kurzgeschichte belebt hat, historisch ab. Alle wichtigen Science-fiction-Autoren der Gegenwart sind Romanciers, das heißt: Sie praktizieren diejenige klassisch-bürgerliche Kunstform, die wie keine andere auf Totalität in der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und außergesellschaftlichen Geschichtsrealien setzt und deshalb Technik mit Psychologie, Politik mit Schicksal, Wirtschaft mit Wahnsinn zusammendenken kann.

Die universalistischen Versprechen der Westler, der Weißen, der Aufgeklärten an den Rest der Welt sind teils nicht erfüllt, teils gar gebrochen worden. Es kommt, weil das so ist, nicht darauf an, ihre Totalität deshalb katastrophenlüstern zu verabschieden, sondern darauf, sie mit allen vom reichen Westen bereitgestellten Mitteln - politischen, sozialen, ästhetischen - zu erneuern, bis sie eingelöst werden. Das ist eine gigantische Aufgabe, bei der auch universalistische Kunstformen wie der Roman oder die historische Spekulation ihre Rolle spielen können - als das, wofür sich Science-fiction immer am meisten interessiert hat: technische Erfindungen von kaum zu erschöpfender anthropologischer Tiefe und Reichweite.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.08.2004, Nr. 192 / Seite 33
Bildmaterial: Doubleday Books

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