Von Vrooaaaarr und Vraooouum

Von Von Hendrik Kafsack

Brüssel ist gleich dreimal Hauptstadt - zum Beispiel die der Comics. Die Bilderwelt hat eine besondere Bedeutung in einem Land, das die Zweisprachigkeit zum Dogma erhoben hat: Sie eint. Denn in drei Dingen sind sich die Belgier wirklich einig: in der Vorliebe für Schokolade, im Durst auf Bier - und eben in der Leidenschaft für „Tintin“ & Co.

Das wichtigste beim Comic ist die erste Seite, sagt Jean van Hamme. Wenn der Strich des Zeichners nur Ränder um Figuren zieht und ihnen kein Leben einhaucht, wenn Farbe sinnlos in Kästen läuft und keine Akzente setzt, wenn Sprechblasen vor allem Blasen sind und keine Dialog-Kleinode - dann blättert weder Kind noch Erwachsener, und die Geschichte aus Bild und Text bleibt unerzählt. „Das ist wie mit dem ersten Satz eines neuen Romans“, sagt der 67 Jahre alte gebürtige Brüsseler.

Tim und sein Hund Struppi auf einer Zehn-Euro-Münze
Tim und sein Hund Struppi auf einer Zehn-Euro-Münze

Wer wüßte das besser als er? Sechs Romane hat der Belgier über seinen Helden, den jungen Millionär Largo Winch, geschrieben - ohne Erfolg. Erst als Philippe Francq der Figur Kontur zeichnete, schlugen die Leser die zweite Seite auf. Der Band war nach drei Wochen ausverkauft.
Die Seite eins von Brüssel besteht aus dem Beton der europäischen Machtbauten, dem Unrat der Straße und aus bröckelnden Fassaden. Mit der Stadt beschäftigt sich nur, wer nicht weiterziehen kann nach Paris oder London, wer auf der Flucht aus dem Süden hängenblieb oder wer schon da war, weil er hier geboren ist. Die beharrlich sein müssen, werden aber doch noch mit Geschichte und Spannung belohnt, nämlich von Seite zwei an - wie um van Hammes Theorie zu trotzen. Denn Brüssel ist mehr als die Hauptstadt der EU und Belgiens. Die Stadt ist trotz der Abrißbirnen der Stadtplaner noch immer die Hauptstadt des Jugendstils, des Essens und des Trinkens - und der Comics.

Es waren Belgier, die Lucky Luke erfunden haben, die Schlümpfe, Spirou und Tintin (in Deutschland als „Tim und Struppi“ bekannt). „Bande dessinée“, kurz „BD“, nennen die Wallonen die Bild-Text-Kombination, „Strip“ sagen die Flamen. Jede der ewig streitenden belgischen Sprachgruppen hat ihre Comic-Magazine: Die Flamen machten 1936 mit „Bravo“ den Auftakt, die Wallonen folgten kurze Zeit später mit den beiden bekannten Magazinen „Tintin“ und „Spirou“. Denn auch wenn in Brüssel die Zweisprachigkeit vom Straßenschild bis zur Werbung zum Dogma erhoben worden ist, gilt das nicht für den Comic. Sprechblasen, in denen links auf niederländisch und rechts französisch getextet wird, gibt es nur im Museum „Centre Belge de la Bande dessinée“, das die Stadt 1989 dem Comic gewidmet hat. Die berühmtesten Figuren heißen Tintin und Spirou in der Wallonie, Kufje und Robbedoes in Flandern. Selbst Autos klingen im Comic anders. Mit „Vrooaaaarr“ beschleunigt der Flame, mit „Vraooouum“ der Wallone. Die Bilder aber bleiben, und deshalb eint der Comic das Land. „Es gibt zumindest drei Dinge, über die sich alle Belgier einig sind“, hat van Hamme einmal gesagt, „ihre Vorliebe für Schokolade, ihren Durst auf Bier und ihre Leidenschaft für Comics.“ Für Charles Dierick, der Bücher über Comics schreibt, hat das historische Gründe: „Das Land war in seiner Geschichte fortwährend besetzt, dauernd war eine Sprache verboten.“ Deshalb kommunizierten Belgier mit Leidenschaft über Bilder.

Diese Leidenschaft läßt sich in Zahlen fassen. Comics sind ein Exportschlager. Mehr als 30 Millionen Alben werden in Belgien im Jahr gedruckt. Der Umsatz liegt trotz der japanischen Konkurrenz der Mangas bei 200 Millionen Euro. Mehr als sieben Prozent aller Neuerscheinungen im Buchhandel sind Comics. Rund 600 Comic-Zeichner arbeiten für belgische Verlage, die sogar zwei der Zeichentrickfilme über den urfranzösischen Asterix produziert haben - ein Sakrileg für alle Franzosen, sollte man meinen. Andererseits hat der Zeichner von Asterix, Albert Uderzo, gesagt, daß es den kleinen Gallier ohne Belgien nicht gegeben hätte. Ihn habe erst die Zeit, die er in den fünfziger Jahren in Belgien verbrachte, zum Zeichnen animiert. Seine ersten Comics wurden in belgischen Magazinen veröffentlicht.

Belgien sei schon damals das Comic-Land Europas gewesen, berichtet Willem de Graeve vom Comic-Museum. Der große Erfolg, den Georges Rémi (alias Hergé) mit „Tintin et Milou“ gehabt habe, habe eine Kettenreaktion in Gang gesetzt. Heute feiern die Belgier den 10. Januar 1929 als Geburtstag Tintins. An jenem Tag veröffentlichte die Zeitung „Le Petit Vingtième“ die erste in Bilder gefaßte Geschichte des in Etterbeek geborenen Hergé über den jungen Reporter mit den Knopfaugen. Nur ein Jahr später war Tintin für die Belgier fast schon vom zwei- zum dreidimensionalen Wesen geworden. Als der Verlag Casterman 1930 die Rückkehr Tintins von einem Abenteuer in der Sowjetunion in Szene setzte, kamen Tausende, um einen als Tintin verkleideten Schauspieler am Bahnhof zu empfangen.

Der klare Strich Hergés wurde unter dem Namen „ligne claire“ ebenso wie die dem Film entlehnte Schnittechnik stilbildend. Der 1983 gestorbene Hergé, der eine zweifelhafte Rolle während der deutschen Besatzung spielte, ist trotz allem einer der beliebtesten Belgier. Bei der Wahl zum größten Belgier des französischsprachigen Senders VRT kam Hergé jüngst auf den achten Platz, vor Georges Simenon. Nicht ganz so berühmt, aber kaum weniger wichtig für den Comic Belgiens ist der 1997 verstorbene André Franquin, der Vater des Reporters Fantasio und des Fabelwesens Marsupilami.

Franquin schloß sich in den vierziger Jahren mit dem Altmeister Jijé, dem Lucky-Luke-Erfinder Morris und mit Will, der „Tif et Tondu“ schuf, zur „Bande des Quatre“ zusammen. Die bildete in der Stadt Charleroi einen stilistischen Gegenpol zur Brüsseler Schule von Hergé. Brüssel gedenkt der Geschöpfe der beiden Gruppen heute auf seine Weise an einst grauen Wänden. Zum hundertsten Geburtstag des Comics 1996 ließ die Stadt erstmals freie Flächen mit berühmten und nicht so berühmten Figuren schmücken. Mehr als dreißig Wandcomics gibt es inzwischen. Um neue Motive muß sich die Stadt nicht sorgen. Setzen doch inzwischen Zeichner wie François Schuiten, der Brüssel mit dem Comic „Brüsel“ ein persönliches Denkmal setzte, neue Akzente. Ob es da eher schadet, daß in Belgien die zur „neunten Kunst“ erhobenen Comics gar an der Kunsthochschule der Königlichen Akademie für bildende Künste zu erlernen sind, ist eine andere Frage.

Text: F.A.Z. vom 09.05.2006
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance / dpa/dpaweb

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