Von Von Paul Ingendaay, Oviedo
30. April 2003 Im morgendlichen Nebel von Madrid hebt die Chartermaschine ab. Sie hat die geballte Prominenz der Hauptstadt an Bord, auch die spanischen Ulrich Wickerts. Fünfzig Minuten später setzt sie bei strahlendem Sonnenschein, aber mit heftigem Rumpeln an der nordspanischen Küste auf. Es ist kurz vor zwölf am Tag der Verleihung der Prinz-von-Asturien-Preise, dem Tag des Jahres für Oviedo.
Dutzende von Volksmusikgruppen sind aus allen Winkeln der Region angereist, um den Thronfolger zu ehren. Denn Don Felipe, der begehrteste Junggeselle Spaniens, ist ihr Herrscher. Sie würden auch für einen häßlicheren Prinzen ihr Bestes geben; aber es ist ein Glück, daß sie es für diesen charmanten Einsneunzig-Mann tun können, der vor wenigen Monaten (und zur Erleichterung seines Volkes) seine Freundschaft mit einem norwegischen Model beendet hat, über den aber die beunruhigende Nachricht kursiert, er habe mit der amerikanischen Schauspielerin Gwyneth Paltrow zu Abend gegessen.
Über diesen Freitag im späten Oktober, über die Feierlichkeit des Aktes und die volkstümliche Untermalung staunen alle, auch die weitgereisten Preisträger der internationalen Kultur- und Wissenschaftsszene. Man will kaum glauben, daß die Bevölkerung der Provinzhauptstadt stundenlang hinter Absperrungen ausharrt, um einen Blick auf, sagen wir, den Soziologen Anthony Giddens zu erhaschen. Oder daß die Musiker mit ihren traditionellen Westen so hingebungsvoll den Dudelsack blasen (Nordwestspanien ist keltisch). Oder daß kleine Mädchen und junge Frauen, alle mit Tracht und Kopftuch, für Hans Magnus Enzensberger ihre anmutigen Tanzschritte vollführen.
Aber sie tun es den ganzen Tag hindurch, und gerade Hans Magnus Enzensberger, der die Auszeichnung für Kommunikation und Geisteswissenschaften erhält, weiß das Schauspiel zu würdigen. Nicht nur, daß er bei der Verleihungszeremonie am frühen Abend im Theater "Campoamor" sichtbar animiert und geradezu fröhlich wirkt, er scheint auch seinerseits ein wenig zu tänzeln, als er sich von seinem feinen Sessel erhebt, um aus der Hand des Prinzen die Urkunde entgegenzunehmen, und läge eine Colabüchse auf dem blauen Teppich, die er fortkicken könnte (aber es liegt keine dort), vielleicht wäre der eleganteste Essayist Deutschlands auf dem Rückweg zu seinem Sessel versucht gewesen, seinem Übermut freien Lauf zu lassen. "Das ist doch sehr schön!" sagt er später beim Empfang, während um ihn herum duftende Frauen, gewandet in mancherlei unerwartete Urwaldtöne, durch die Hallen des "Hotel de la Reconquista" ziehen, um vorbeischwebende Häppchen zu erlegen, "eine solche Zeremonie hat doch Stil!" Er muß gar nicht mehr sagen. Sicherlich denkt er an städtische Blumenarrangements und Kulturreferentenprosa bei Fünftausend-Mark-Preisen in Osnabrück.
Enzensberger fügt sich zwanglos in das festliche Ambiente dunkler Anzüge, glänzender Augen und gepuderter Nasen. Er hat jetzt mehrere Tage in Oviedo und Umgebung verbracht. Seine Beziehung zu Spanien reicht ja weit zurück, bis zum "Kurzen Sommer der Anarchie" (1972) und den frühen Gedichtübersetzungen; später kam der Spanien-Essay in seinem Buch "Ach, Europa!", gefolgt von Calderón- und Lorca-Übertragungen. Es sei schon merkwürdig, sagt er, daß die Spanier und Italiener alles von ihm übersetzten, die Franzosen dagegen nicht, vielleicht sei ihnen sein Temperament zu ähnlich: Die Franzosen bevorzugten deutsche Dichter mit gründelndem Tiefsinn.
Daß jedes Land sich bei den Schriftstellern eines anderen das holt, was ihm selber fehlt, ist im Falle Spaniens und Enzensbergers nicht von der Hand zu weisen. Man lobt in ihm den Kosmopoliten, den unsystematischen Essayisten und undogmatischen Denker, Züge also, die in der iberischen Welt nicht immer eine gute Presse haben. Und so fraglos man vom stetig gestiegenen Renommee der Prinz-von-Asturien-Preise sprechen kann, die seit 1980 existieren, so eindeutig ist ihre Funktion eine pädagogische. Die Prinz-von-Asturien-Stiftung, die der Journalist Graciano García vor zweiundzwanzig Jahren gründete und heute noch leitet, dient nicht nur der Stärkung der parlamentarischen Monarchie, sondern auch der Erziehung des eigenen Landes.
Dieses wiederum gibt einiges zurück, angefangen bei der einzigartigen Atmosphäre. Genau in der Theaterloge, die der Schriftsteller Leopoldo Alas, "Clarín", in seinem großen Roman "Die Präsidentin" (1884/85) den Gecken und Stutzern mit Madrider Manieren gab, sitzt einmal im Jahr die Königin, um ihrem Sohn bei der Ausübung seiner repräsentativen Pflichten zuzuschauen. War "Vetusta", wie Clarín die Stadt nannte, in den Augen des skeptischen Schriftstellers jedoch ein Sumpf, der jede vornehmere Regung erbarmungslos nach unten zog, bedient sich Vetustas moderne Nachfolgerin einer anderen Strategie. Statt blind dem Großstädtischen nachzueifern, lockt sie es einmal im Jahr nach Oviedo, um es kunstvoll zu umgarnen. Und siehe da, einmal im Jahr seufzen die Mächtigen, Schönen und Reichen aus Madrid oder Barcelona, wie zauberhaft doch die Provinz sei.
Tatsächlich ist eine bessere Bühne schwer denkbar, und die sorgfältig gefönte Bankiersgattin würde es nicht übers Herz bringen, das am Straßenrand wartende "Volk" durch Nachlässigkeiten in ihrer Garderobe zu enttäuschen. Darüber hinaus hat das Gedränge im Foyer des Theaters "Campoamor" etwas kindlich Entspanntes. Weit weg von den üblichen Tränken der Metropole gewinnt die Parade der Eitelkeiten eine spielerische Qualität, und alles, was hier vorgeht, findet gleichsam außer Konkurrenz statt, so wie das Freundschaftsspiel eines Fußball-Erstligisten nie dem harten Meisterschaftskampf ähnelt und daher auch nichts über seine wahre Leistungsstärke verrät. Ein kühnes Kostüm in Altrosa, unten in den ersten Reihen, wirkt wie eine Hommage an die Gürteltiere. Manche Frauen sind so schön und zugleich so jung, daß man glaubt, sie seien Teil der kommissionierten Ausstattung. Eine weniger junge Frau verblüfft durch eine großgepunktete Jacke, die an einen Leoparden erinnert (eine Ähnlichkeit, die ihre Beine nicht mit demselben Nachdruck suggerieren). Schon beim Einzug der Preisträger, zum Klang der asturischen Hymne, fächeln sich viele Damen mit den auf elfenbeinfarbenem Karton gedruckten Einladungskarten Luft zu. Nur die Leopardin hält duldend still.
Dem Raffinement der Garderoben zum Trotz muß man einen Einwand erheben. Die Preisträger nämlich sind fast allesamt Stars. Die brasilianische Fußballnationalmannschaft in der Sparte Sport auszuzeichnen mag nahegelegen haben, ist aber populistisch, selbst wenn der Preis symbolisch die Bedeutung des Volkssports Fußball für ein krisengeschütteltes Land zum Ausdruck bringen soll. Es muß noch ein paar Selbstverständlichkeiten geben, und dazu gehört der Fußball, die ohne die Akklamation des Kulturbetriebs auskommen.
Auch andere Preisträger zählen zur Spezies der überreichlich Gefeierten, deren Arriviertheit ihrerseits historisch geworden ist. Arthur Miller, dessen Autobiographie "Zeitkurven" schon fünfzehn Jahre zurückliegt, hat seine großen Theaterstücke "Tod eines Handlungsreisenden" und "Hexenjagd" vor einem satten halben Jahrhundert geschrieben. Die Auszeichnung in der Sparte Literatur für den Sechsundachtzigjährigen kommt also eindeutig zu spät - oder sie muß als karitative Geste gelten. Beides wäre ungut. Die Doppelauszeichnung für Edward Said und Daniel Barenboim wiederum (für "Verständigung") drückt zwar die Sorge der Prinz-von-Asturien-Stiftung um das friedliche Zusammenleben zwischen Palästinensern und Israelis aus. Wirklich "politisch" ist aber nur die Ehrung Saids, womit sich eine in Spanien durchaus gängige propalästinensische Haltung zwanglos mit einem ebenso gängigen Antiamerikanismus verbindet.
Am ehesten hat der Preis seine Aufgabe beim Wissenschaftskomitee für die Erforschung der Antarktis in Cambridge (für "Internationale Zusammenarbeit") erfüllt. Und vermutlich ist es angebracht, darauf hinzuweisen, daß die Antarktis seit 1958 eine vollständig entmilitarisierte Zone ist, in der Forschung und Umweltschutz vor strategischen Gelüsten einzelner Staaten Priorität genießen. Ein effektvoller PR-Trick dagegen ist die Ehrung Woody Allens in der Sparte "Künste". Denkt man an seine letzten vier Filme (was nicht leichtfällt, weil sie so rasch verblassen) und vergleicht sie mit früheren Werken wie "Hannah und ihre Schwestern" oder "The Purple Rose of Cairo", ist die Entscheidung der Jury im Jahr 2002 einigermaßen unverständlich.
Gleichviel, Woody Allen wirkte auf die Bewohner von Oviedo so selbstverständlich elektrisierend wie der alternde Lover, den er in seinen Filmen hartnäckig spielt, auf seine dreißig Jahre jüngeren Partnerinnen. Der Filmregisseur kam mit seinem Privatflugzeug nach Asturien, bummelte mit Frau und Kindern durch die Stadt und sprach am Vorabend der Preisverleihung vor achthundert Zuhörern. Am selben Tag stellte sich heraus, daß Woody Allen und Arthur Miller zwar beide in New York wohnen, sich aber noch nicht persönlich kannten. So kam es zum historischen "Handschlag von Oviedo".
Beim Festakt war Woody Allen dann der einzige, der die Verbeugung vor der Königin und dem Prinzen vergaß. Dafür hatte er eine Krawatte umgebunden und sprach so frei wie in seinen Filmen. Er sagte, Amerika mache nur noch Kino, das sich an Zehn- bis Zwölfjährige richte, Filme über Technologie, deren Werbebudget mehr Geld verschlinge als die Produktion von Luis Buñuels Gesamtwerk. Deshalb müsse Amerika wieder von der europäischen Filmkunst lernen. Den größten Lacher erntete er allerdings gleich zu Beginn, als er einen amerikanischen Komiker zitierte: Dieser habe sich für eine Auszeichnung mit den Worten bedankt, sie sei unverdient, doch das mache nichts, ebenso unverdientermaßen habe er Diabetes, so gleiche sich alles aus. Keine Frage, das war komisch, und die Leopardin schüttelte sich, daß die Punkte tanzten.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.10.2002, Seite 46