01. Februar 2006 Zuerst ist er rund um Berlin gelaufen, dann ist er von Berlin bis nach Moskau gegangen, und nun hat er das Land der Deutschen, am Niederrhein beginnend, einmal umkreist. Hundertachtzig Kilometer im ersten, knapp dreitausend im zweiten, dreieinhalbtausend im dritten Durchgang - Wolfgang Büscher ist einer der raren Beobachter, die ihre Geschichten erwandern müssen. Nicht, daß er das Verfertigen der Gedanken beim Ausschreiten zur Religion erhoben hätte, er ist auch kein Outdoor- oder Walkingfetischist, er kommt dann eher wie ein Landstreicher daher, abgerissen. Bloß keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen, lieber mit der Landschaft verschmelzen. Drei Bücher dokumentieren seine Erkundungsgänge: Drei Stunden Null (2002), Berlin-Moskau (2003) und Deutschland, eine Reise (2005).
Geboren 1951 in Volkmarsen bei Kassel, hat es den Geher vor allem nach Osten, in das Geschichtsgrab, gezogen. Dort sucht er Pfade durch die eurasische Maßlosigkeit, durch Steppen und vergessene Dörfer. Und hinter vielen Gestalten und Orten trifft er auf Geschichten vom Großen Krieg, von dessen Schäden sich der Kontinent bis heute nicht erholt hat: Der Krieg ist aus, alle haben verloren. Die Geister der Vergangenheit sind immer dabei, auf den Schlachtfeldern, die Büscher überquert, als lebende Tote im verstrahlten Gebiet um Tschernobyl. Die Deutschen, sagt ihm einer in Weißrußland, nähmen immer diesen Weg nach Moskau. Als er dort endlich ankommt, hat ihn der Westen wieder.
Diskreter Patriotismus
Während seiner Deutschlandreise geht Wolfgang Büscher mit jedem Ort, den er zum ersten Mal erreicht, auf, wie schlecht ich mein Land gekannt hatte. Er sagt mein Land, und wem das unangenehm vorkommmt, dem sei gesagt, daß ein diskreterer Patriotismus kaum vorstellbar ist: Büscher ist einer, der seinen Lesern das eigene Land näherbringt - ohne sie auch belehren zu wollen: hingehen, hinsehen, erkennen. In Altötting kommt er sich vor wie in Indien, und doch schafft er es mit der ihm eigenen Lakonik und Einfühlung, auf fünf Seiten das Wesen des Marienkultes zu erfassen. Das ist die Kunst der literarischen Reportage, die der historischen Höflichkeit verpflichtet ist.
Im Laufe seiner journalistischen Karriere schrieb Büscher als Reporter für die Süddeutsche Zeitung, Geo und die Neue Zürcher Zeitung; er war Ressortleiter bei der Welt, derzeit ist er Autor der Zeit. Mit seinen drei Büchern hat er sich einen Namen gemacht und Preise eingeheimst. Nun folgt er als dreizehnter Börne-Preisträger Henning Ritter, denn Bundespräsident Horst Köhler hat als Alleinjuror am gestrigen Dienstag die mit 20000 Euro dotierte Auszeichnung Wolfgang Büscher zugesprochen. Köhler würdigt ihn als einen Autor, der seine Sichtweise nicht aufdränge, sondern vielmehr zum Mitgehen und Mitsehen einlade. Die Preisverleihung findet am 25.Juni in der Frankfurter Paulskirche statt. Ein Fußmarsch dorthin dürfte sich lohnen.
Text: F.A.Z. vom 1. Februar 2006
Bildmaterial: dpa/dpaweb