03. Mai 2006 Im vergangenen Jahr konnten sich die erstaunten Besucher des Kölner Literaturfestes Lit.cologne davon überzeugen, daß in Frank Schätzing noch ganz andere Talente schlummern als nur das eines rasend spannenden Erzählers. Denn der Autor des Erfolgsromans Der Schwarm referierte dort nicht etwa über Tsunamis, außerirdische Wesen, Wettermacher oder Stürme mit allen Schikanen, sondern über ein anderes Thema, das ihm am Herzen lag: das Sexualleben in Entenhausen. Und er begleitete seinen Vortrag teilweise durch selbstgezeichnete Bilder.
Nun ist der Verfasser dieser Rezension nicht nur damals als Moderator dabei- und kaum minder erstaunt gewesen als die vielhundertköpfige Zuhörerschar, sondern er ist auch noch Donaldist, und als solcher sieht er keine andere Quelle über das Entenhausener Geschehen für authentisch an als jene Geschichten, die der Amerikaner Carl Barks gezeichnet und Erika Fuchs ins Deutsche übersetzt hat. Das ist mehr als genug Stoff für donaldistische Forschung: nämlich rund fünfhundert Erzählungen mit mehr als sechstausend Seiten und vierzigtausend Einzelbildern. Eine Zeichnung von Donald Duck aus der Feder Frank Schätzings ist somit für mich im Hinblick auf Entenhausen so aussagekräftig wie eine Bussi-Bär-Geschichte: gar nicht. Doch das begeisterte Kölner Publikum hatte so unrecht nicht: Schätzing zeichnet wirklich einen sehr schönen Donald.
Vier gute Gründe
Vor allem aber kennt er seinen Barks und seine Fuchs. Wer mit Schätzing plaudert, kann sicher sein, daß Entenhausener Zitate verstanden werden. Man selbst wiederum muß gewärtig sein, von ihm durch Posen auf die Probe gestellt zu werden, die man dann den richtigen Geschichten zuordnen soll. Diese Kühnheit der Auffassung, die Dynamik der Bewegung, wenn Schätzing den Hilfspostboten Säbelbein gibt oder den zum Gorilla hypnotisierten Donald - herrlich! Aber können Nicht-Donaldisten diesen Quatsch verstehen? Nicht die Bohne.
Was sie aber nun verstehen lernen könnten, ist Schätzings tiefe Liebe für Donald Duck. Denn er hat in einem voluminösen Prachtband zwei Dutzend Barks-Geschichten versammelt, die sich alle um das Thema Seefahrt drehen - und das sind schon zwei gute Gründe für die Auswahl. Ein dritter kommt durch den Verlag hinzu: Der Band erscheint in der Marebibliothek. Kenner der Verlagsszene werden nun sofort den vierten Antrieb für das Großprojekt erahnen: Marebibliothek-Herausgeber Denis Scheck ist gleichfalls ein passionierter Entenhausen-Leser.
Auf hoher See gab's noch was zu erleben
Deshalb findet sich am Ende des Buches auf einer beigelegten CD auch ein Gespräch, daß Scheck vor einigen Jahren mit Erika Fuchs geführt hat. Da die Grande Dame der deutschen Comicübersetzer im vergangenen Jahr gestorben ist, kann man sich über die Möglichkeit, noch einmal ihre unnachahmliche Art des Erzählens zu hören, nur freuen. Es gibt übrigens noch einen weiteren Bonus, eine Erzählung von Barks: Die Wette. Die hat gar nichts mit dem Meer zu tun, aber von vielen zurechnungsfähigen Donaldisten wird sie als ihre Lieblingsgeschichte bezeichnet, darunter eben auch von Frank Schätzing. Und da das sein eigenes Buch ist, kann er machen, was er will. Zur Freude der Leser.
Immer dann, so hat Barks einmal mitgeteilt, wenn er partout nicht mehr wußte, wohin er seine Figuren nun noch auf Abenteuer entlassen sollte, schickte er sie auf hohe See, denn die war wenigstens leicht zu zeichnen. Den Geschichten allerdings sieht man diese Bequemlichkeit nicht an - im Gegenteil. Wo das Dekor keine aufwendige Arbeit erforderte, verwandte Barks um so mehr Sorgfalt auf die Ducks selbst. Und so sind exemplarische Geschichten enstanden wie Der goldene Helm, Donald Duck auf Nordpolfahrt oder 13 Trillionen - eine Trias, die zum Besten gehört, was Barks je gezeichnet oder Erika Fuchs je übersetzt hat.
Wo Schätzing die Springflut fand
Bei der Beschaffung der Vorlagen gab es leider kleinere Schwierigkeiten. So konnte Disney ausgerechnet zum Goldenen Helm die Originalfilme nicht beschaffen, obwohl sie noch im vergangenen Jahr benutzt worden waren. Deshalb mußte hier aus einer anderen Druckausgabe gescannt werden, und qualitativ entsprechend minderwertig im Hinblick auf die Reproduktion fällt diese Geschichte gegenüber dem Rest aus, für den die Druckvorlagen der sorgfältig neu kolorierten und geletterten Barks Library benutzt wurden.
Donald Duck hält die Weltmeere für ein Reich der Angst und des Schreckens. In der Bibliothek standen National Geographic-Hefte, keine Romane von der Art des Schwarms. Aber in der nur zehnseitigen Geschichte Das Strandfest kann man einen Tsunami finden, der Entenhausens Bürger überrascht; Erika Fuchs verharmloste das Phänomen dann zur Springflut, als sie die Geschichte 1960 übersetzte. Schätzing, Jahrgang 1957, wird sie zwölf Jahre später über einen Nachdruck kennengelernt haben (Man mußte lesen können, erinnert er sich an seine ersten Eindrücke von Donald-Erzählungen). Aber wer weiß schon, welche Motive sich im Hirn eines Schriftstellers festsetzen? Bei den Ducks steckt in zehn Seiten jedenfalls genug Inspiration für einen tausendseitigen Roman.
Er weiß, wie man es in Entenhausen hält
Insgesamt hat Schätzing 450 Comicseiten aus mehr als zwanzig Schaffensjahren versammelt - einen überbordenden Reichtum mit Inspiration für - Dreisatz! - 45000 Romanseiten. Doch Treue um Treue, was diesen Schatz betrifft: Bei den Vorworten zu den einzelnen Geschichten wäre ein sorgfältigeres Lektorat wünschenswert gewesen. Es liest sich zwar vergnüglich, was Schätzing da schreibt, doch er könnte wissen, daß die These, Gustav Gans sei schwul, nicht von Alice Schwarzer stammt, sondern aus einem sehr klugen Buch von 1970: Die Ducks - Psychogramm einer Sippe, verfaßt von Michael Czernich unter dem Pseudonym Grobian Gans. Und wie man ein Duck-Zitat falsch wiedergeben kann, das auf der gegenüberliegenden Seite abgedruckt ist, bleibt wohl das Geheimnis der Beteiligten.
Doch eines muß klargestellt sein: Schätzing tritt in diesem Band bescheiden zurück hinter Barks. Ehrt eure großen Meister - so hält man es auch in Entenhausen. Wenn der bekannte Name des Kompilators dazu beitragen sollte, dem Entenhausen von Barks und Fuchs weitere Leser zu verschaffen, hat dieses Buch schon viel erreicht. Den Rest leisten die Geschichten von selbst.
Die tollkühnen Abenteuer der Ducks auf hoher See von Carl Barks. Ausgewählt, eingeleitet und kommentiert von Frank Schätzing. Übersetzt von Dr. Erika Fuchs. Marebuchverlag, Hamburg 2006. 493S., Abb., 1 CD, geb., 39,90 [Euro].
Buchtitel: Die tollkühnen Abenteuer der Ducks auf hoher See von Carl Barks
Buchautor: Schätzing, Frank (Hrsg.)
Text: F.A.Z., 29.04.2006, Nr. 100 / Seite 48
Bildmaterial: Disney