Der neue „Harry Potter“

Rekordauflage, Rekordverkauf, Rekordrezensionen

Von Felicitas von Lovenberg

Samstagnacht im Londoner Museum für Naturgeschichte: Joanne K. Rowling und Fans

Samstagnacht im Londoner Museum für Naturgeschichte: Joanne K. Rowling und Fans

24. Juli 2007 Nur wenn das Buch so wie seine Helden das Apparieren, also das selbständige Beamen von einem Ort zum anderen, beherrschte, wäre es noch schneller aus den Regalen verschwunden. Es war ganz so, wie der Autor Tibor Fisher es im „Daily Telegraph“ formulierte: „Nicht einmal ein wiederentdecktes Buch von Shakespeare mit einer Titelseite, die Michelangelo gemalt hat, könnte so viel Aufregung auslösen.“

Drei Tage nach seinem Erscheinen ist „Harry Potter and the Deathly Hallows“ das am schnellsten verkaufte Buch aller Zeiten. In Großbritannien setzte der Bloomsbury Verlag in den ersten vierundzwanzig Stunden 2,7 Millionen Exemplare ab, in Amerika verkaufte Scholastic im selben Zeitraum 8,3 Millionen. Der Berlin Verlag meldet für Deutschland eine verkaufte Auflage von 398.271 Stück bis zum Samstagabend. J. K. Rowling signierte nach ihrer Lesung im Londoner Naturkundemuseum die ganze Nacht hindurch; 1600 Bücher oder gut 250 Bücher in der Stunde. Der Schreibwarenhändler WHSmith gibt an, seit Verkaufsbeginn alle fünfzehn Sekunden ein Buch in jeder der vierhundert Filialen verkauft zu haben.

Daneben war der nächtliche Ansturm in Frankfurt, wo um ein Uhr früh etwas mehr als hundert Leute in der „K1“-Buchhandlung am Flughafen anstanden, vergleichsweise zahm. Wem die Schlange zu lang war, der konnte sich das Buch am Presseladen einige Meter weiter ohne Warterei und noch dazu von Verkäufern ohne Hexenhut in die Hand drücken lassen.

Allein mit Ende ist niemand glücklich

Die Schriftstellerin hat für ihre abschließende Potter-Lieferung, die in 93 Ländern zunächst im englischen Original erschienen ist, großes Lob eingeheimst. Einig sind sich englische, amerikanische und deutsche Rezensenten, dass der letzte einer der dichtesten, spannendsten und kohärentesten Bände der Serie ist. Einhelligkeit herrscht auch darüber, dass damit keineswegs alle Fragen beantwortet sind; weder erfahren wir, was es mit dem Reichtum von Harrys Eltern oder überhaupt deren Vergangenheit auf sich hat, noch bekommt etwa Hermines Katze Krummschwanz jenen Auftritt, den ihr so außerordentlich kluge Potter-Kenner wie Michael Maar prophezeit hatten. Der Twist, dass selbst Dumbledore einige Leichen im Keller hat, kommt dagegen gut an. Doch selbst wenn Joanne K. Rowling manche ihrer eigenen Erfindungen auf der Zielgeraden schlicht vergessen haben mag, verliert sie doch keines der wesentlichen Themen aus dem Blick.

Umstritten ist allein das Ende, mit dem niemand rundum glücklich ist, wenngleich es Erleichterung auslöst. Manche Rezensenten bewerten das letzte Kapitel, in dem Rowling einen rührenden, in seiner dem Glück im Winkel huldigenden Unverstelltheit fast kitschig anmutenden Blick in die Zukunft wirft, als Trick der Autorin, um sich selbst die Hände zu binden, sollte sie je versucht sein, noch mal über Harry zu schreiben. Andere, wie „Sun“ und „New York Times“, würdigen es als klassische Auflösung einer Fabel von Gut gegen Böse. Dass Rowling mit dem watteweichen Ende in letzter Sekunde ihre sechseinhalb Bände lang vertretene komplexe und zweifelnde Weltsicht verrät, verstört viele. Der „Guardian“, der unter „Die verdaute Lektüre“ seine Kritik als Erzählung im Rowlingschen Stil verpackt, hat ein wahrhaftigeres Ende gefunden: „So machte sich Harry auf den Weg zurück nach Hogwarts, um Voldemort gegenüberzutreten. Es würde so ausgehen, wie er immer gewusst hatte. Nämlich damit, dass alle sich fragen, was J. K. Rowling als Nächstes tun würde.“

Text: F.A.Z., 25.07.2007, Nr. 170 / Seite 38
Bildmaterial: AP

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