08. September 2008 Die Zauberer in den Harry-Potter-Büchern lesen gern Zeitungen, die sich selbst aktualisieren und deren Bilder sich bewegen wie kleine Filme. Das schaffen wir demnächst auch, sagt Konrad Herre mit einem Lächeln, nur können bei uns auch ganz normale Menschen diese Blätter lesen. Nicht-Zauberer heißen in den Magierbüchern Muggles, und diese staunen nicht schlecht über den sächsischen Herre und seine Produkte. Der zweiundfünfzigjährige Physiker ist Geschäftsführer der Plastic Logic GmbH in Dresden, eines Herstellers flexibler Plastik-Displays für papierlose Bücher oder Zeitungen, sogenannte E-Papers. Das Unternehmen hat sich nicht weniger auf die Fahnen geschrieben, als das Lesen zu revolutionieren.
Unsere Technik eröffnet ganz neue Märkte, sagt Herre, sie kann genauso einschlagen wie Mobiltelefone oder MP3-Spieler. Zeitungen und Buchverlage könnten auf das Papier verzichten, dadurch Kosten, Zellstoffverbrauch und Umweltzerstörungen vermeiden. Anwender kämen zu Hause, in ihren Büros oder Kanzleien ohne sperrige Nachschlagewerke, Aktenkonvolute oder Loseblattsammlungen aus. Jedermann könne mit Dutzenden von gespeicherten Büchern und automatisch aktualisierten Zeitungen unterwegs sein.
Alles, was Sie dafür brauchen, ist das, sagt Herre und zieht eine biegsame Folie hervor, die ein bisschen aussieht wie der stärkere Einband eines Schnellhefters. Aus den Seiten ragen elektronische Anschlüsse hervor, die später mit einer Steuereinheit am Rücken des Displaymoduls verbunden werden und Schrift, Graphiken oder Bilder hervorzaubern (Kunststoffelektronik: Biegsamer Bildschirm in der Stärke eines Pappkartons). Auch ohne Strom bleiben die Abbildungen viele Tage erhalten, gestochen scharf und in vielen Graustufen, wie das Foto eines VW-Käfers zeigt. Wir arbeiten auch an Farbe und bewegten Bildern, sagt Herre, der Konkurrenz sind wir jetzt schon überlegen. Er meint damit zum Beispiel das Lesegerät Kindle des Buchversands Amazon (Amazon kopiert Apple). Unser Display ist deutlich größer, leichter und stabiler, weil es nicht aus Glas, sondern aus Kunststoff besteht. Außerdem brauche das Gerät von Plastic Logic keine Tastatur und sei nicht an einen einzigen Dienst für Inhalte (Content Provider) gebunden, also etwa an Amazon.
Ein Milliarden-Markt
Wer letztlich die Datenübertragung übernimmt und wer die Inhalte zur Verfügung stellt, will das Unternehmen bisher nicht mitteilen. Schließlich ist das Lesegerät noch gar nicht fertig. Erst Mitte 2009 ist mit der Markteinführung zu rechnen, wo und zu welchem Preis steht in den Sternen. Den Kindle gibt es in Amerika schon zu kaufen, möglicherweise kommt er zur Frankfurter Buchmesse im Oktober auf den deutschen Markt. Mit großem Bahnhof nimmt Plastic Logic am 17. September immerhin die Produktion der Displays auf. Doch noch fehlen die Steuergeräte, die man in Mountain View im kalifornischen Silicon Valley entwickelt. Die Bauteile sollen dann von einem Fremdfertiger zum Endprodukt zusammengesetzt werden. In früheren Angaben hieß es, der Markt könnte bis 2010 rund 42 Millionen elektronische Lesegeräte nachfragen. Das Umsatzvolumen mit E-Paper schätzt das Unternehmen für 2015 auf 30 Milliarden und für 2025 sogar auf 250 Milliarden Dollar.
Für die Feierstunde in Dresden reist der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Länder, Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD), ebenso an wie Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU). Vor allem aber zeigen sich die britischen Erfinder der neuen Technik und ihre internationalen Finanziers in Dresden. Die Muttergesellschaft Plastic Logic Ltd. in Cambridge gründete sich im Jahr 2000 aus dem Cavendish Labor der weltbekannten Universität aus und ging auf Partner-, also vor allem auf Geldsuche. Die Technik überzeugte namhafte Wagniskapitalgesellschaften, die darauf drangen, nicht nur die Erfindung zu verkaufen, sondern eigene Produkte auf den Markt zu bringen. Unter Führung von Amadeus Capital, Oak- und Tudor Investment sammelten sie von neun weiteren Gesellschaften Geld ein, darunter von Intel, Bank of America, Dow, BASF und Siemens. In verschiedenen Finanzierungsrunden kamen 200 Millionen Dollar zusammen - eine der größten Summen in der Geschichte des europäischen Risikokapitals.
Qualifiziertes Personal aus der schwächelnden Halbleiterbranche
Zwei Drittel davon investiere man in Dresden, sagt Herre. Zunächst werden 100 Millionen Dollar gebraucht, wovon der Steuerzahler über die Ost-Förderung mehr als ein Drittel trägt. 2010 oder 2011 soll die Investitionssumme in einem ersten Erweiterungsschritt auf 100 Millionen Euro steigen, nach heutigem Stand 148 Millionen Dollar. Die Anfangskapazität der sensiblen Anlagen in den Reinräumen beträgt 2 Millionen Displays im Jahr. Herre rechnet für 2009 mit dem Absatz "einiger hunderttausend". Die Mitarbeiterzahl soll 2009 von 80 auf 140 steigen. Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu finden, hat Plastic Logic nicht, seit die Halbleiterbranche schwächelt. In Dresden ist rund um AMD, Infineon und Qimonda der größte Mikroelektronikstandort Europas herangewachsen, und hier sehen sich derzeit viele Mitarbeiter nach neuen Stellungen um. Fast zwei Drittel der Beschäftigten von Plastic Logic hätten früher für ein anderes Hightechunternehmen in der Region gearbeitet, sagt Herre. Er selbst wechselte vom Schaltkreishersteller ZMD an seinen jetzigen Arbeitsplatz. Weit haben es die neuen Mitarbeiter nicht. So liegen die Fabriken des angeschlagenen Chipherstellers AMD schräg gegenüber.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Hersteller