Harry Potter VII

Ende gut, alles gut?

Von Felicitas von Lovenberg

Begütigender Blick in die Zukunft: J. K. Rowling

Begütigender Blick in die Zukunft: J. K. Rowling

23. Juli 2007 Nicht auf den Schluss, sondern auf den Anfang kommt es an. Die aufschlussreichste Seite des siebten „Harry Potter“ ist nicht die letzte, also sechshundertsiebte, sondern die siebte. Dort stehen zwei Motti, die die meisten Leser, die endlich den abschließenden Band der erfolgreichsten Buchreihe der Welt verschlingen wollen, wahrscheinlich überblättern. Nach einer (albernerweise in der gezackten Blitzform von Harrys Narbe gedruckten) Widmung wartet J. K. Rowling mit einem Zitat aus den „Grabesspenderinnen“ des Aischylos auf, das mit den Versen endet: „Ihr drunten, vernehmt, ihr Sel'gen der Nacht, / Hört dieses Gebet! Beistand und Kraft / Schickt gnädig zum Siege den Kindern!“

Das zweite Zitat stammt von dem englischen Quäker-Prediger William Penn, dem der amerikanische Staat Pennsylvania seinen Namen verdankt. „More Fruits of Solitude“ heißt das von Rowling herbeigerufene Werk, das um 1690 entstanden sein dürfte. Die deutsche Wikipedia-Seite Penns bietet bereits eine Übersetzung aufgrund der Nennung bei Rowling an: „Der Tod ist nichts als das Überschreiten einer Welt, so wie Freunde das Meer bereisen. Sie leben im anderen fort . . . Denn dies ist der Trost von Freunden, dass, obwohl sie als tot gelten, ihre Freundschaft und Gesellschaft im besten Fall immer präsent sind, denn diese sind unsterblich.“

Die Stärke in der Schwäche

Man sollte diese Zitate genau lesen. Sie zielen ins Herz von J. K. Rowlings literarischem Unterfangen, den für sie wichtigsten Aspekt ihrer Bücher, nämlich die Frage, wie man als Überlebender mit dem Verlust geliebter Menschen und mit der Gewissheit des eigenen Todes umgehen kann. Was der Leser bereits ahnte, wird mit diesem Band Gewissheit. Harry Potters größte Stärke liegt in einer Schwäche, deren Bewertung die Guten von den Bösen scheidet: in seiner Sterblichkeit. Harry hängt mit aller Kraft am Leben, ist aber gleichzeitig bereit zu sterben. Dass er die eigene Endlichkeit akzeptiert, ist seine größte Leistung - weil er damit das ganze Streben seines Erzfeindes Voldemort und anderer dunkler Zauberer, die den Tod zu überwinden suchen, als Teufelswerk entblößt.

Nach zehn Jahren hat nun also die auf sieben Bände angelegte Serie mit der Veröffentlichung von „Harry Potter and the Deathly Hallows“ ihren Höhepunkt und ihr Ende erreicht - bis auf weiteres jedenfalls. J. K. Rowling hat den Kreis geschlossen, wenngleich beileibe nicht alle Fragen, die sie im Lauf der letzten sechs Bände aufgeworfen hat, beantwortet sind. Und ja, sie hat sich ein Hintertürchen für eine mögliche Fortsetzung offen gelassen, wenngleich Harrys Geschichte im Großen und Ganzen erzählt ist. Doch gibt es einen weiteren Waisenjungen von höchst bemerkenswerter magischer Abstammung, dessen Eltern im Kampf gegen Voldemort ums Leben gekommen sind. Sein Patenonkel heißt Harry Potter.

Nach der Lektüre muss man feststellen: J. K. Rowling ist hinter ihren Möglichkeiten, hinter den selbstgesetzten Maximen zurückgeblieben. Hart formuliert, müsste man sagen, dass sie ihrer Zauberwelt in der letzten Konsequenz selbst nicht mehr gewachsen war - oder aber, dass die Verantwortung für das Wohl von Millionen Lesern am Ende schwerer wog als das künstlerische Wahrhaftigkeitsgebot. Joanne K. Rowling allein weiß, was es bedeuten mag, wenn eine Geschichte, die man zuallererst für sich selbst schreibt, wie ein Lauffeuer um die Welt geht und eine von der Sozialhilfe lebende, arbeitslose Englischlehrerin und alleinerziehende Mutter reicher macht als die englische Königin und berühmter als Charles Dickens, Enid Blyton und Astrid Lindgren zusammen.

Die Wucht der Lektüre

J. K. Rowling, das verraten Anspielungen auf uralte magische Kreaturen, Rituale und Legenden, Details wie Namen und Zaubersprüche, hat sich, bei aller persönlichen Bescheidenheit, als Autorin nie geduckt neben den unsterblichen Geschichten der abendländischen Kultur. Im Gegenteil, die gelassene Selbstverständlichkeit, mit der sie ein eigenständiges Universum entworfen hat, eine quicklebendige magische Welt, die zwar in sich geschlossen, aber niemandem verschlossen ist, weil sie parallel zu unserer eigenen existiert und immer wieder mit ihr in Kontakt tritt, ist Ausweis einer literarischen Souveränität, die ihresgleichen nur unter den großen Erzählern hat.

Wer einen „Harry Potter“- Band aufschlägt, betritt eine eigene, nämlich Rowlings Welt - in der die Schriftstellerin jedem, der sich zum Mitspielen verführen lässt, einen Spiegel zeigt, in dem er sich wiederfinden kann. Dieser Identifikation verdankt sich, zwischen Lachen, Weinen und Bangen, die Wucht der Lektüre.

„Harry Potter“ war dabei stets ein Werk der Phantasie, nicht der Phantastik - bis jetzt. Wie alle große Literatur ist auch dies eine Geschichte von Liebe und Tod. Dass die Finsternis am Ende gänzlich gebannt sein sollte, erschien sechs Bände lang zu schön, um wahr zu sein - und damit entschieden nicht nach Rowling. Die Rechnungen dieser Autorin gingen nie glatt auf, weil die Menschen nun mal komplex und widersprüchlich sind in ihren Wünschen, Hoffnungen, Sehnsüchten, Ambitionen.

Das verhalf den Büchern bei aller zauberischen Verspieltheit und allem magischen Versteckspiel zu einer Ernsthaftigkeit, die nichts mit Abrakadabra und Simsalabim zu tun hat. Ihre Spannung lag nicht nur in Harrys Vorbereitung auf die Duelle mit Voldemort, sondern zuallererst in der Entwicklung der Charaktere.

Nur die Bibel hat eine höhere Auflage

Rowling ist eine Grenzgängerin, das hat die Kirche, die immer wieder gegen „Harry Potter“ wettert, richtig erkannt. Denn die Autorin, deren Gesamtauflage (nach derzeitigem Stand 340 Millionen Bücher) nur von der Bibel in den Schatten gestellt wird, versucht sich an drei großen metaphysischen Fragen, auf die alle Religionen Antwort sein wollen: die nach der Grenze des Todes, nach der Macht der Liebe und nach dem Verhältnis von Schicksal und Selbstbestimmung.

Die Urlehre, ja das Mantra Rowlings lautet, dass es unsere Entscheidungen sind, die uns ausmachen. Wir sind diejenigen, die wir zu sein beschließen: Helden oder Feiglinge, Freunde oder Verräter. Immer wieder stellt sie ihre Figuren vor Entscheidungen, die den Unterschied zwischen Getriebensein und dem Beschreiten eines bewusst gewählten Weges verdeutlichen.

Genau aus diesem Grund ist der siebte Band eine Enttäuschung. Gewiss, Rowling nimmt viele lose Enden auf; auf einer - für ihre Verhältnisse - mittleren Länge drängen sich die Erkenntnisse, Ereignisse und Entwicklungen, ohne dass der Band überladen wirkt. Auch stilistisch geht es nach zwei Durchhängern wieder anspruchsvoller zu. Am Ende steht, wie man es zu erwarten gelernt hat, der unvermeidliche Showdown, doch findet er diesmal weniger in spektakulären Kampfszenen denn in einer mentalen Auflösung statt, die Harry ein für allemal vom Auserwähltsein erlöst.

Eine pädagogische Maßnahme?

Warum also legt man den Band nicht mit einem befreiten, befriedigten Glücksgefühl aus der Hand? Weil der Schluss - der letzte Satz, so viel darf verraten werden, lautet: „All was well“, alles war gut - nur zwei Deutungen zulässt: die einer ominösen Bedrohung, die ihn konterkariert, oder die eines süßlichen Endes, wie man es von einem Märchen erwartet, aber nicht von einer der ausgebufftesten Autorinnen unserer Tage. Warum musste J. K. Rowling, der es sieben Bände und viele tausend Seiten lang darum zu tun war, Schicht um Schicht in die Vergangenheit ihrer Protagonisten hinabzutauchen und sie so in ihrer ganzen Individualität auftreten zu lassen, zum Schluss einen begütigenden Blick in die Zukunft werfen?

Sollte es eine Art pädagogische Maßnahme gewesen sein, damit ihre Leser besser schlafen können, wäre es die erste. Auch ohne das letzte Kapitel „Neunzehn Jahre später“ wäre eine Fortsetzung, in der eine nachfolgende Generation sich mit den Kräften des Bösen messen muss, leicht möglich, so Rowling je danach sein sollte.

Am Rang der Buchreihe ändert dieses Ende nichts, ebenso wenig wie an der Lesefreude, die die Bände bereitet haben und weiterhin bereiten werden. Aber es macht den Abschied leichter - und endgültiger.

Nicht anfällig für den oberflächlichen Luxus

Harry Potter, der sich mit seinem an Tollkühnheit grenzenden Mut, seiner Neugier, seinem instinktgeleiteten Handeln und seiner durch die Sehnsucht nach Anerkennung bedingten Angepasstheit nicht nur nach Hollywood-Maßstäben zum jugendlichen Vorbild anbietet, ist nicht anfällig für den oberflächlichen Luxus der Unsterblichkeit, nach dem nicht nur Volodemort, sondern auch unsere Gegenwart giert.

Am Ende eines jeden Schuljahres musste Harry seine magischen Abenteuer im Zauberinternat Hogwarts wieder mit der banalen und stumpfsinnigen Wirklichkeit seiner lieblosen Verwandten in der Vorstadtsiedlung in Einklang bringen. Dieses schmerzliche Zurechtklopfen der Perspektive bleibt dem nunmehr volljährigen Zauberer erspart.

Im letzten Band steht Harry Potter nicht mehr unter dem besonderen Schutz, den ihm Ligusterweg und Dursleys boten. Er hat unsere Welt endgültig verlassen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

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