17. Februar 2004 Wir schreiben das Jahr 1955. Ein junger Autor will sein erstes Buch veröffentlichen und steht vor einer schweren Entscheidung. Bei welchem Verlag will er unterkommen? Der Suhrkamp Verlag, gerade einmal fünf Jahre alt, aufstrebend, ist dank einiger Autoren wie Brecht, Hesse, Frisch bereits etabliert und angesehen. Siegfried Unseld, der spätere Patriarch, ist ein aufstrebender junger Mann aus der Provinz, der erst drei Jahre zuvor den Weg zu Suhrkamp gefunden hatte.
Der Rowohlt Verlag hingegen ist eine verlegerische Großmacht, die auf eine fast fünfzigjährige Tradition zurückblicken kann. Hier erschienen damals, im Jahr 1955, "Licht im August" von William Faulkner, "Plexus" von Henry Miller und Jean Genets "Querelle", Simone de Beauvoirs "Die Mandarins von Paris", "Der Mann, der nicht alt werden wollte" von Walter Jens und Robert Musils "Tagebücher". Bei Suhrkamp kamen im selben Jahr Gedichte von Günter Eich und Aphorismen von Walter Benjamin heraus, von Max Frisch erschien "Die Chinesische Mauer". Hinzu kamen Werkausgaben von Hesse, Brecht, Hermann Broch, zwei Romane von Laxness, zwei Bände Proust und als deutsches Debüt der Erzählungsband "Ein Flugzeug über dem Haus". Sein Autor war 28 Jahre alt, Reporter, Regisseur und Hörspielautor beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart und Mitglied der "Gruppe 47".
Die Zeiten haben sich geändert
Martin Walser hat sich damals für Suhrkamp und seinen Studienfreund Unseld entschieden, heute umfaßt die Liste seiner dort erschienenen Bücher laut Verlag 136 Ausgaben und Titel, darunter eine zum siebzigsten Geburtstag erschienene Ausgabe Gesammelter Werke. Im nächsten Jahr hätte Walser sein fünfzigjähriges Verlagsjubiläum feiern können. Man stelle sich nur einmal vor: Unseld noch am Leben, Walser noch bei Suhrkamp, beide in alter Freundschaft vereint, was für ein Fest hätte das gegeben.
Aber die Zeiten haben sich geändert. Der Verleger ist gestorben, Walsers Verhältnis zu Ulla Berkéwicz war schon zu Lebzeiten Unselds sehr belastet, die Paulskirchen-Rede und mehr noch das Skandalbuch "Tod eines Kritikers" haben Suhrkamp vor eine Zerreißprobe gestellt, nach der Walser wußte, daß längst nicht alle Mitarbeiter des Hauses so bedingungslos auf seiner Seite standen, wie er es erwartet und wohl auch eingefordert hat. Es hätte zu Walser, dem aufbrausenden, sich auch als heftigst Austeilender immer nur für den wehrlos Einsteckenden haltenden Freundschaftsberserker, nicht gepaßt, sich mit und von einem Verlag feiern zu lassen, in dem er sich derart umstritten weiß und dem er selbst sich nicht mehr zugehörig fühlt.
Ob Walser Suhrkamp verläßt, die Frage, die angeblich seit Monaten das literarische Leben beschäftigt haben soll, hat sich deshalb auch nie ernsthaft gestellt: Sie war bereits beantwortet, als sie aufkam. Jetzt aber drängt offenbar die Zeit, denn Walsers für den Herbst angekündigter nächster Roman soll im neuen Verlag erscheinen. Es dürfte weder DuMont noch Hoffmann und Campe oder Wallstein sein. Walser, der Medienkritiker, der die Schlagzeilen mehr liebt, als er zugeben mag, wechselt jetzt wohl zu einem Verlag, der die Schlagzeilen in jüngster Zeit mehr anzog, als ihm lieb sein konnte. Auf Walser und Rowohlt wird noch mancher Reim gemacht werden.
Text: igl., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.02.2004, Nr. 41 / Seite 33
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