Friedenspreisträger

Orhan Pamuk: Nie von „Genozid“ gesprochen

Alles nicht so gemeint? Orhan Pamuk

Alles nicht so gemeint? Orhan Pamuk

19. Oktober 2005 Alles schien sich in Frankfurt zusammenzureimen zu einem großen, glücklichen west-östlichen Diwan. Orhan Pamuk, der mutige türkische Schriftsteller, wird an diesem Sonntag den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennehmen, die Europäische Union tritt in Verhandlungen mit der Türkei über deren Beitritt ein, und alle Welt hofft auf Verständigung, Demokratie und Frieden. So weit, so gut.

Die Qualität des literarischen Werks Pamuks steht ohnehin außer Frage; sein Roman „Schnee“ hat viele Leser zum ersten Mal in eine türkische Welt geführt, in der die osmanische Geschichte, alter Ehrgeiz und Stolz und innere Konfliktherde noch lebendig sind. Im Februar dieses Jahres gab Pamuk dem Schweizer „Tagesanzeiger“ ein Interview, in dem er wörtlich über die Türkei sagte: „Man hat hier dreißigtausend Kurden umgebracht. Und eine Million Armenier. Und niemand traut sich, das zu erwähnen.“

Ein mutiger Mann

Bedenkt man, daß jede Äußerung über den türkischen Massenmord an den Armeniern im Jahr 1915 heute noch in der Türkei unter Strafe steht, durfte man Orhan Pamuk zu Recht für mutig halten. Und es dauerte auch nicht lange, da kündigte die Staatsanwaltschaft die Eröffnung eines Verfahrens wegen „Verleumdung des Türkentums“ gegen den Schriftsteller an. Seine Äußerungen haben ihm aber auch die Sympathie all jener eingetragen, die sich eine demokratische Modernisierung der Türkei wünschen und einen offenen Umgang mit der eigenen Vergangenheit fordern. Und die es für ein Gebot der Stunde halten, daß die Türkei in Würde auf die Nachkommen der Opfer des Genozids zugeht.

In türkischen Zeitungen wurde nun jüngst - in denunziatorischer Absicht - gemutmaßt, daß Pamuk seine Äußerungen zur türkischen Vergangenheit in erster Linie mit Seitenblick auf den Literaturnobelpreis lanciert habe. Da dieser jetzt anderweitig vergeben worden sei, nehme er mehr und mehr von seinen Äußerungen zurück und wolle am liebsten ausschließlich als Literat gewürdigt werden. Und in der Tat spricht er zwar noch von der großen Reform der Türkei, die schon allein durch die Anklage gegen ihn in den Köpfen begonnen habe. Aber er leugnet nun auch glattweg, daß er in irgendeiner Weise die Türkei oder die Türken verunglimpft, ja überhaupt bloß gemeint habe mit seinen Äußerungen.

„Nur ein Tabu brechen“

Im türkischen CNN sagte er in einem Interview vom vergangenen Samstag: „Ich habe mich nicht dahingehend geäußert, daß wir - oder die Türken - dreißigtausend Kurden und eine Million Armenier umgebracht haben. Ich wollte nur das, was in der Türkei nicht ausgesprochen wird, zur Sprache bringen und damit ein Tabu brechen.“ Und Pamuk sagte weiter, daß er den Begriff „Genozid“ nicht gebraucht habe. Das stimmt, aber gemeint war der Völkermord natürlich doch - oder wurde jedenfalls von allen so verstanden, zuerst von den Türken selbst.

Und Pamuks Satz von den ermordeten Armeniern und Kurden war im Passiv formuliert, auch das stimmt. Ein Passiv, in dem nun nach und nach in einer Reihe von neueren Interviews der ganze Friedenspreisträger zu verschwinden droht. Pamuk sagte in dem Fernsehgespräch weiter, daß man den gefallenen osmanischen Soldaten des Ersten Weltkriegs, - er nennt sie „Märtyrer“-, ein ehrendes Gedenken bewahren müsse. Gewiß. Der Staatsanwalt in Istanbul wird es mit einem Lächeln gehört haben. Uns aber wird unwohl bei dem Gedanken an die schnelle Schlauheit Pamuks und das feine Lächeln in Istanbul.

Text: jei / F.A.Z., 20.10.2005, Nr. 244 / Seite 35
Bildmaterial: ddp

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