09. Februar 2005 Was für eine herzlose Mutter: Erst erzählt sie ihrer Tochter, wie schrecklich die Geburt war - schafft mal das Baby weg, und bringt mir ein Hühnerfrikassee, habe sie hinterher zu den Krankenschwestern gesagt. Dann fährt sie das Kind schnurstracks zum Bahnhof, um es für mehrere Wochen ohne jedes Gepäck zu ein paar unbekannten Tanten aufs Land zu schicken. Der Vater hatte sich schon vor der Geburt abgeseilt, wie man nebenbei erfährt.
Oder was für eine egoistische Mutter: Die Karriere als Musikerin ist ihr wichtiger als die gemeinsamen Ferien mit ihrer Tochter (der Vater ist tot), und so kommt das Mädchen zu ihrem chaotischen Onkel aufs Land. Später stellt sich heraus, daß die Mutter dem anstrengenden Orchesterleben nervlich nicht mehr gewachsen ist und nun doch mehr Zeit mit ihrer Tochter verbringen will.
Oder was für eine gleichgültige Mutter: Ihr kleines Kind bekommt am Sonntagmorgen kein Frühstück, weil sie ausschlafen will; ein Vater ist nicht in Sicht.
Tapfere Kinder kommen allein zurecht
Diese drei Fälle sind Ausgangssituationen aus einem Kinder-, einem Jugend- und einem Bilderbuch, beliebig ausgewählt aus den Neuerscheinungen dieses Frühjahres. In ihnen wimmelt es - wie auch schon in denen der vergangenen Jahre - von unzurechnungsfähigen, depressiven Müttern und verantwortungslosen, alkoholkranken oder komplett abwesenden Vätern. Und von tapferen Kindern, die nicht nur allein zurechtkommen, sondern sich oft auch noch die Sorgen ihrer Erzeuger aufladen müssen. Wären die Verhältnisse für Kinder überwiegend so, wie sie die ihnen zugedachte Literatur seit einer Weile darstellt, dann stünde es schlimm um die nachwachsende Generation. Um ihre Eltern sowieso.
Während im wirklichen Leben immer noch recht viele Kinder mit beiden Eltern zusammenleben, ist die traditionelle Familie in der Kinder- und Jugendbuchwelt schon seit längerer Zeit dabei, sich aufzulösen. Kaum ein einigermaßen interessantes Buch erzählt noch von einem Kind, das in geordneten Verhältnissen aufwächst. Gerade die Bestseller überbieten einander darin, möglichst krude kindliche Lebensläufe anzubieten.
Der Waisenknabe Harry Potter
An erster Stelle wäre da natürlich der Waisenknabe Harry Potter zu nennen, aber auch Meggy, das Mädchen, das in Cornelia Funkes Tintenherz allein mit ihrem Vater lebt und ihre Mutter erst retten muß, um sie zurückzubekommen. Daß Eragon, der Held des gleichnamigen und derzeit sehr erfolgreichen Fantasy-Romans von Christopher Paolini, ohne Eltern aufwuchs, ist auch genretypisch. Aber daß seine Mutter nach seiner Geburt einfach fortging, paßt zum Zeitgeist, der in der Kinderliteratur, der fantastischen wie der realistischen, herrscht: Die Mütter sind auf dem Rückzug.
Nicht daß die Väter deswegen mächtig auf dem Vormarsch wären. Noch im vergangenen Jahr beschäftigten sich Kinderliteraturexperten auf einer Tagung mit dem Verlorenen Vater und kamen zu dem Resümee, daß positive Vaterfiguren in der Kinderliteratur der Gegenwart fehlen. Dennoch scheint sich allmählich etwas zu bewegen. Immer mehr Geschichten entstehen, in denen alleinerziehende Väter eine Rolle spielen - und zwar meist eine positivere als die alleinerziehenden Kinderbuchmütter.
Beschreibung von Familiendesastern
Paul Maars neuester Kinderroman, der dieser Tage erscheint, stellt uns ein solches Papa-Sohn-Team vor. Auch die ungemein beliebte schwedische Bilderbuchserie um den alten Pettersson und seinen Kater Findus zieht einen großen Teil ihres Witzes aus dieser Grundkonstellation. Wenn das Prinzip Mama fehlt, kann eben einiges schiefgehen und viel passieren. Was in den Pettersson-Bilderbüchern mit viel Komik und höchstens sehr leiser Melancholie behandelt wird, führt in den Büchern für Ältere zu Beschreibungen von Familiendesastern, die den Kindern mehr Kümmernisse aufladen, als sie eigentlich stemmen können. Da es sehr wackere Romankinder sind, schaffen sie es aber meistens. Sonst wären es ja auch keine Romane.
Die Sache ist im Kern nicht neu: Seit es die Kinderliteratur gibt, müssen ihre Helden häufig ohne Eltern auskommen. Das Beste, was einem Kinderbuchkind passieren kann, ist, daß ihm die Mutter stirbt, bevor es zwölf Jahre alt ist. Was hätten Tom Sawyer, Jim Knopf oder die rote Zora unter der ständigen Bewachung ihrer Mütter schon erleben können? Selbst Kästners Emil Tischbein muß sich wenigstens vorübergehend von seiner geliebten Mutter losreißen, um in ein Abenteuer zu geraten. Und Pippi Langstrumpf? Die ist natürlich der Prototyp des glücklichen, ungebundenen Kindes.
Pippi als Prototyp
Ein Prototyp auch deswegen, weil ihre Geschichte das erste Kinderbuch einer echten Rabenmutter war. Einer Rabenmutter mit schlechtem Gewissen. Astrid Lindgren, die ihr erstes Kind nach der Geburt in eine Pflegefamilie gab, weil sie sich nicht anders zu helfen wußte, schrieb mit Pippi Langstrumpf eine verzweifelte Beschwörung des Glücks, ein verlassenes Kind zu sein.
Du wirst hoch belohnt für das Leben ohne Eltern, schrie diese Pippi ihren jungen Lesern zu: Du darfst schlafen gehen, wann du willst, soviel Süßigkeiten essen, wie du willst, du bist so stark wie niemand sonst, und du hast immer genug Geld. Du hast die beiden besten Haustiere, die man sich nur wünschen kann, du mußt nie zur Schule gehen. Und alle anderen finden dich toll. So drastisch und dringend ließ Astrid Lindgren ihre Pippi diese Rechtfertigungsbotschaft einer Rabenmutter verkünden, daß dem Buch absurderweise bescheinigt wurde, seinen Lesern den Weg zum echten Kindsein zu weisen. Ausgerechnet ein Mädchen, dem ein wesentlicher Bestandteil einer richtig guten Kindheit fehlt - ein fürsorgliches Elternhaus - soll den anderen zeigen, was Kindsein bedeutet?
Zeit für Quatsch
Da viele Kinder, ob mit oder ohne Eltern, sich verlassen fühlen, hat das Buch nicht nur Astrid Lindgren selbst und ihren Sohn, sondern auch unzählige Leser getröstet und erheitert. Denn sie hat immerhin Kraft, diese Pippi. Und noch viel Zeit, um Quatsch zu machen. Womöglich auch deshalb, weil alle Beteiligten die Konsequenzen der Lage auf sich nehmen: Der ferne Vater bittet Pippi zwar einmal um Hilfe, akzeptiert dann aber ihre Entscheidung, nicht zu kommen. Er akzeptiert, daß sein Kind sich an sein ungebundenes Leben gewöhnt hat.
Die Mutter ist tot. Die Fronten sind klar, und das Kind kann das Beste daraus machen. Pippi Langstrumpf feiert in diesem Jahr ihren sechzigsten Geburtstag. Längst ist sie nicht mehr jedem Kind ein Begriff; sie ist dabei, in Rente zu gehen. Die neue Generation der Kinderbuchhelden hat andere Sorgen; unter anderem auch noch die ihrer Eltern.
Auf lustige Art zum neuen Partner
Passend zum familiären Wandel vom Befehls- zum Verhandlungshaushalt, der in den siebziger Jahren ausgerufen wurde, sind die Kinder inzwischen hoffnungslos mitverstrickt in Familienunglück aller Art - womit, nebenbei gesagt, die Kinderliteratur auch ihre Zugehörigkeit zur Literatur der Moderne bewiesen hat.
Diese Motiventwicklung muß nicht zwangsläufig nur zu verweifelten Texten führen: In vielen komödiantischen Varianten nehmen die Kinder die Probleme der Familie nicht schwer - etwa wenn sie ihren alleinerziehenden Elternteilen auf lustige Art zu neuen Partnern verhelfen. Auch unter den Bilderbüchern gibt es immer wieder einzelne, die mit dem neuen Verhältnis spaßhaft und anarchisch umgehen - Als Mama ein kleines Mädchen war etwa untergräbt auf sehr entlastende Weise die Autorität der fordernden perfekten Mutter.
Entlastung der Großen
Der weitaus größere Teil der heutigen Familiengeschichten für Kinder aber entlastet eher die Großen. Kinderbücher werden von Erwachsenen geschrieben und meist auch von ihnen gekauft. Man kann diese Bücher lesen wie eine Liste einigermaßen unverhohlen geäußerter Wünsche an die nächste Generation. Im Bilderbuchbereich sind diese Wünsche ablesbar etwa am Anschwellen der verkappten Ratgeber - Titel, die unter Seriennamen wie Mutmach-Bücher zusammengefaßt sind oder Geschichten vom Nägelschneiden und Sonnenbrand erzählen, Problemen also, deren Bewältigung man noch jedem unbedarften Au-pair-Mädchen auch ohne Buch zutrauen dürfte. Abgesehen davon, daß solche auf die Bücher abgewälzten Erziehungsleistungen Kindern den Spaß an der Literatur verderben können, werden derlei Geschichten wohl keinen großen Schaden anrichten. Ihre Grundbotschaft aber ist eindeutig und kühl: Solltest du Probleme mit einer Sache haben, sind deine Eltern überfordert und brauchen Unterstützung.
Beispielgeschichten als Geschenk
Die Botschaften, die den älteren Kindern aus Büchern entgegenschallen, gehen noch weiter. Wenn ein Verlag mit dem Spruch Von Kindern, die gut alleine klarkommen für einen Roman wirbt, dann setzt er damit auf die Hoffnung der Eltern, ihrem Kind genau das beizubringen, indem sie ihm die Beispielgeschichte schenken.
Andere Geschichten übertragen den Kindern gleich die ganze Verantwortung für alle. Du mußt den Großen helfen, sie schaffen es nicht alleine, sagen all die Geschichten über Kinder, deren Mütter in Depressionen versinken und deren Väter arbeitslos und alkoholkrank werden. Sie trauen sich überhaupt nichts zu, erst recht nicht, dich zu erziehen. Sie sind verzweifelt mit sich selbst beschäftigt - ermutige sie, liebe sie, rette sie!
Die Alltagswelt hat sich geändert
Die echten Abenteuer für Kinder sind so gut wie ausgestorben. Ihre Eltern lassen sie ja kaum aus den Augen oder lassen sie von anderen rundum bewachen. Sie haben vergessen, daß ihre besten Nachmittage damals diejenigen waren, an denen es hieß: Geht raus spielen, und kommt zurück, wenn die Straßenlaternen angehen. Die Alltagswelt hat sich geändert.
Aber die besten Geschichten - im Leben wie in Büchern - passieren immer noch oft, wenn die Eltern gerade nicht da sind. Nun bieten die neueren Bücher den Kindern an, ein Abenteuer darin zu sehen, an den Wirrungen der Eltern teilzuhaben und wenigstens dort, im Inneren der Familie, ein Held zu sein. Statt sie wie die Märchenhelden in früheren Zeiten allein hinaus in die Welt zu entlassen, wo sie sich bewähren mußten, halten die jetzigen Kinderbucheltern ihre Kinder krampfhaft fest, flehen um Verständnis und lassen sich umsorgen.
Das ist kein guter Tausch; kein Wunder, daß diejenigen Kinder, die noch gerne lesen, vor allem nach den einfallslosen Fantasy-Büchern greifen, wo die Verhältnisse klar - und die Helden fast immer elternlos unterwegs - sind. Vielleicht sollte man den Buchkindern etwas weniger starke Schultern andichten, damit sich die Großen nicht mehr so bequem daran ausweinen können. Und den wirklichen Kindern mehr Freiheit zutrauen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.02.2005, Nr. 33 / Seite 31
Bildmaterial: picture-alliance / dpa
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