25. November 2005 Der Tendenz, Geist und Seele in den Naturwissenschaften aufgehen zu lassen, widersetzt sich Manfred Velden in seiner klugen Streitschrift über die Deformationen einer biologistisch mißverstandenen Psychologie.
Der Biologismus ist in seinen Augen keine wissenschaftliche Fehlentwicklung unter anderen, sondern wissenschaftlicher Rassismus. Geist und Seele fordern eben ihr Recht. Der Soziologe Tilmann Allert hat in seinem vorzüglichen Essay die Entstehung und Ausbreitung des deutschen Grußes behandelt, der an die Stelle eines Grüß Gott, des Handschlags oder des Hutlüpfens trat und an dem sich deswegen schon der große Bruch mit der Sittlichkeit im damaligen Deutschland zeigt. Der Alltag sendet die Signale.
Nach der Ermordung des Filmemachers Theo van Gogh durch einen in den Niederlanden geborenen Marokkaner geriet das Land in eine, wie der Publizist Geert van Mak schreibt, unkontrollierte moralische Erregung. Die Angst wurde zum Ratgeber der Gesellschaft, die humanistischen Werte drohten unterzugehen. Mak, berühmt geworden durch sein Buch Das Jahrhundert meines Vaters, hat über die kollektive Panik eine glänzende Polemik geschrieben.
Tilman Allert: Der deutsche Gruß. Geschichte einer unheilvollen Geste. Eichborn Verlag, Berlin 2005. 160 S., Abb., geb., 16,90 Euro.
Manfred Velden: Biologismus - Folge einer Illusion. Vandenhoeck & Ruprecht Verlag, Göttingen 2005. 160 S., geb., 31,90 Euro.
Geert Mak: Der Mord an Theo van Gogh. Geschichte einer moralischen Panik. Aus dem Niederländischen von Marlene Müller-Haas. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005. 105 S., br., 8,- Euro.
Text: 25-11-2005, F.A.Z., Neue Sachbücher (Literaturbeilage), Seite L18
Bildmaterial: F.A.Z.-Rainer Wohlfahrt