Von Matthias Heine
24. November 2003 Später wird man vielleicht einmal sagen, es habe alles damit angefangen, daß die Brüste immer größer wurden. Irgendwann im letzten Jahrzehnt des 20.Jahrhunderts reagierten das Porno- und das Unterhaltungsgewerbe auf die zunehmende Infantilisierung der Männer. Seitdem dürfen die Frauen keine Frauen mehr sein, sondern werden chirurgisch zu Mammae-Monstern umgebaut, die dem Weiblichkeitsbild eines Säuglings ähneln: riesige Brüste, an denen ganz weit hinten noch ein Tragkörper zappelt. Lebendige Busenplaneten, auf deren weicher Oberfläche sich Riesenbabys als Herrscher einer eigenen kleinen Welt fühlen dürfen, ganz wie einst in der oralen Phase ihrer frühkindlichen Entwicklung.
Aufmerksam werden künftige Psychohistoriker auch registrieren, daß es bei denselben Männern heute als normal gilt, mehrmals in der Woche eine Zone der erlösenden Gruppeninfantilität aufzusuchen. Denn was ist ein Fitneßstudio anderes als ein Spielplatz ohne Sandkasten? Alte Kinder in Strampelanzügen wiederholen dort an Metallgeräten endlos dieselbe Bewegung. Sie hören erst auf, wenn sie kotzen müssen wie ein Dreijähriger, der zu lange geschaukelt hat.
Gaga-Fernsehen als Indikator
Bei Spät-Adorniten steht Deutschland schon länger unter Infantilitätsverdacht. Doch die üblichen Verdächtigen des Kulturkonservativismus blicken bei ihrer Fahndung nach Ursachen und Indizien immer nur auf die üblichen Verdächtigen des Gaga-Fernsehens: Küblböck, Bohlen, Bild - alles Phänomene, die außerhalb des von ihnen beherrschten Paralleluniversums kaum Resonanz haben. Kein Wunder, daß sich versierte Mediennutzer, die im Gegensatz zu den konservativen Alarmisten die Funktion des Abschaltknopfes kennen, gelangweilt die Ohren vor deren Gezeter verschließen.
Dabei erkennt der aufmerksame Beobachter längst auch im deutschen Alltag, jener scheinbar so bodenständigen Welt voller schnurrbärtiger Männer und fülliger Frauen in praktischen Jacken, Infantilisierungsindizien genug. Ein biederer Leiter einer deutschen Kfz-Werkstatt schrieb uns neulich eine E-Mail, in der er Emoticons benutzte - das sind diese kindlichen Gesichtsskizzen aus Satzzeichen, mit denen Computernutzer Gefühlseinstellungen ausdrücken. Und wie ein apokalyptischer Reiter erschien im vorigen Jahr jener Polizeibeamte, der für die "Counterstrike"-Gemeinde sprach, als dieses Spiel nach dem Amoklauf von Erfurt verboten werden sollte. Man sah einen Mann im gesetzten Alter von gut dreißig Jahren, der es überhaupt nicht peinlich fand, seine tägliche Realitätsflucht mit Hilfe eines blutrünstigen Computergames zu verteidigen, als ginge es um ein fundamentales Menschenrecht.
Männer - die Avantgarde der Infantilisierung
Männer bilden logischerweise die Avantgarde der Infantilisierung, denn sie sind in der biologischen Evolution ohnehin quasi ein Atavismus gegenüber den weiter entwickelten Frauen. Doch die Verdachtsmomente mehren sich auch bei den Damen: Zwar ist der Girlie-Trend, der sogar Vierzigjährige dazu brachte, mit Pippi-Langstrumpf-Zöpfen ins Büro zu marschieren, wieder abgeebbt. Aber seine Puschel- und Blümchenaccessoires bestimmen weiter das Bild. Die Mode orientiert sich vorrangig an den Pups-Prinzessinnen des Kindergartenpop. Große Ketten wie "Camera" oder "Kookai", bei denen sich bis vor kurzem auch erwachsene Frauen einkleiden konnten, stellen sich jetzt offenbar darauf ein, daß alle ihre Kundinnen aussehen wollen wie Christina Aguilera.
Auch überall sonst reagiert die Industrie auf die grassierende Infantilisierung. Ob Fast food, Finger food, Sushi oder Suppi - alle neueren Ernährungstrends versprechen insgeheim die Befreiung vom Terror der Erwachsenen-Eßkultur mit ihren komplizierten Werkzeugen Messer und Gabel, mit ihrem kategorischen Imperativ des "Kau richtig!" und dem Zwangsregime der Tischmanieren. In der Nutella-Reklame wird schon lange nicht mehr so getan, als ob die süße Nußpampe für Kinder wäre. Statt dessen läßt man äußerlich Erwachsene wie Boris Becker oder Anni Friesinger von den Glückskicks schwärmen, die ihnen der braune Stoff verschafft. Sie verkünden, wie fröhlich es macht, ins Breiesser-Stadium der Kindheit zu regredieren, und all diejenigen, die schon seit Jahren Nutella als Bürodroge nutzen, verstecken das Glas nun nicht mehr in der Schublade wie ein Alkoholiker seine Flasche, sondern lassen es selbstbewußt offen herumstehen.
All Age gefragt
Weil Harry-Potter-Bücher millionenfach auch von Erwachsenen verschlungen werden, fahnden die Verlage verzweifelt nach weiteren Autoren, deren kindgerechte Werke mit dem Etikett "All Age" auch Lesern jenseits des achtzehnten Lebensjahres angepriesen werden können. Und nicht ganz zufällig ist ein "All Age"-Film, die computeranimierte Fischtragikomödie "Findet Nemo", die erfolgreichste Hollywood-Produktion der jüngsten Zeit. Zwar hat es immer auch erwachsene Disney-Bewunderer gegeben, und kluge Köpfe wie Michael Maar reklamieren Harry Potter für die Weltliteratur. Doch jene Zielgruppen, die die Industrie künftig vermehrt mit Kind-im-Mann-und-in-der Frau-gerechten "All Age"-Produkten ködern will, lesen nicht Harry Potter neben Nabokov - sie können oft gar nichts anderes mehr lesen, und die Ursachen haben nicht nur mit den allerjüngsten Pisa-Katastrophen zu tun.
Vielleicht dauert jede gesellschaftliche Entwicklung so lange an, bis ihr lächerlichstes Extrem erreicht ist. Jedes Gemeinwesen, das das Alter zum Leitbild erklärt, erstarrt irgendwann in Gerontokratie. Und nachdem die Popkultur fünfzig Jahre lang mit Botschaften wie "Die young, stay pretty" das Altwerden zum Fluch erklärt hat, war die Machtübernahme der Suppenkasper unvermeidlich: Nirgendwo fühlt man sich vor dem Gespenst des Alters sicherer als im Puppenhaus der Infantilität.
Immer weniger echte Kinder
Dummerweise hat ausgerechnet die Infantilisierung Deutschlands dazu beigetragen, daß es immer weniger echte Kinder gibt. Gewiß sind gesellschaftliche Kinderfeindlichkeit, das finanzielle Risiko oder persönliche Bequemlichkeit auch Ursachen für den Fortpflanzungsunwillen der Deutschen. Doch die Großstadt-Singles jenseits der Vierzig, die Hauptverdächtigen im Falle des Bevölkerungsknicks, sind meist eher Menschen, die unter dem Einfluß hedonistischer Propagandaverheißungen so lange vor dem Erwachsenwerden geflohen sind, bis sie irgendwann mit Grausen feststellen mußten, daß sie nunmehr alt waren - zumindest körperlich. Kinder hätten in diesen Verblendungszusammenhängen nur gestört. Schlimm genug wäre schon der Realitätsschock durch das Auftreten eines Fürsorge verlangenden Kleinkindes. Aber noch entlarvender spiegelt sich der Erwachsene im Auge des älteren Kindes: Nichts könnte für den Jungbleibenwoller ernüchternder sein als der verächtliche Blick eines echten Teenagers auf die vermeintlich coolen Klamotten von Papa und Mama oder die achtlose Verwerfung einer CD-Sammlung, die gestern noch hip war.
Solchen Herausforderungen steht eine politische Klasse gegenüber, die von den regressiven Psychotendenzen voll erfaßt wurde. Der zuletzt von Herbert Grönemeyer begreinte alte Hippietraum von den "Kindern an der Macht" ist längst wahr geworden. Symbolhaft ließen sie sich gleich zu Beginn des neuen Jahrtausends alle auf Tretrollern fotografieren. Die Zahl der freiwillig kinderlosen Flüchtlinge vor dem Erwachsenwerden unter ihnen war noch nie so groß wie im Zeitalter der Westerwelles und Fischers. Infantil sind sie schließlich selbst. Wie die lieben Kleinen in der Trance des Spiels glauben sie, die Dinge verändern zu können, in dem man sie für verändert erklärt: "Dieses Sofakissen ist ein Walfisch", sagt der Dreijährige und sieht Moby Dick schon vor sich. "Deutschland muß wieder Weltspitze werden", sagen die Politiker und fühlen sofort, wie alles besser wird. Dafür erwarten sie dann gleich Liebe und Anerkennung wie Kindergartenkinder, die zum ersten Mal ganz allein auf dem Töpfchen waren.
Die Börse als geheime Ursache des Übels
In der Wirtschaft, dem vermeintlichen Hort nüchterner Wirklichkeitsbetrachtung, sieht es nicht besser aus. Die Herrschaft der Börse, dieses gewaltigen Computerspiels, über die eigentliche Produktion ist vielleicht gar die geheime Ursache des Übels. Die schaffende Arbeit hat ihre Rolle bei der Menschwerdung des Menschen nahezu ausgespielt. Wo Wirtschaftskurven gefühlsgelenkte Computerimpulse sind, wo immer mehr Leuten mit der Arbeit die Menschlichkeit entzogen wird, und wo die verbliebenen Arbeitskräfte immer häufiger reine Plapperjobs in der sogenannten Dienstleistungsbranche ausüben - da produziert die Ökonomie vor allem gewaltige Überschüsse an Infantilität, die sie ihren Teilhabern als unerwünschte Rendite mit nach Hause gibt.
Weil all diese Tendenzen der Versingelung, der Verkasperung und des Endlospubertierens scheinbar eher am Beginn als am Ende stehen, muß man sich das Deutschland der nicht allzu fernen Zukunft womöglich als ein riesiges Kinderzimmer voller Infantilgreise vorstellen. Findige Sozialreporter haben sich auf der Suche nach einer Vorstellung des Jahres 2040 bisher ja meist in Kurorten wie Bad Pyrmont umgesehen, wo jetzt schon die Rentner herrschen. Vielleicht ist der dortige erwachsene Altentypus aber eher ein Auslaufmodell. Vielleicht findet man die Alten der Zukunft eher an der Whiskymeile von Sylt: Braungebrannte senile Spieljungen mit Baseballkappen und immer noch engen Hosen fahren mit Oldtimern oder Harleys vor, die aussehen wie XXL-Modelle von Matchbox. An ihrer Seite sitzen Frauen, bei denen dank der plastischen Chirurgie keiner mehr so genau erkennen kann, ob sie zwanzig, vierzig oder siebzig sind. Und auf hundert Meilen gibt es kein einziges Kind, das den Zauber brechen könnte, indem es lachend auf die Silberpappeln zuläuft und "Opa! Oma!" ruft. Vor diesem Horror kann uns nur die Altersarmut bewahren.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.11.2003, Nr. 47 / Seite 61
Bildmaterial: AP, dpa, Japan National Tourist Organisat