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Angriffslustig: Harold Pinter
Harold Pinter
Ständig aufgebracht und außer Kontrolle
Von Gina Thomas, London

13. Oktober 2005 Es paßt zu dem Bild des Grimmigen, daß Harold Pinter fast immer Schwarz trägt. In schwarzer Laune ist der Dramatiker häufiger anzutreffen. Jeder Gastgeber weiß, daß er auf einen Ausbruch gefaßt sein muß, wenn Pinter einer Einladung folgt.

Ist er gut aufgelegt, kann er liebenswürdig, charmant und witzig sein, wobei er im Gespräch die selben, aus den Stücken bekannten, beunruhigend-beredtsamen Schweigemomente einlegt, die unter dem Begriff „Pinteresk” ins Lexikon eingegangen sind. Es kann einem wie eine Ewigkeit vorkommen, bis eine höflich-verlegene Frage, etwa nach seinem Befinden, eine Antwort erhält. Und der finstere, bohrende Blick, der sie begleitet, wirkt so bedrohlich wie die verborgenen, düster angedeuteten Kräfte in seinen Stücken - bis er gerührt lächelt. Pinter ist ein Minimalist, der die großen Worte nicht schätzt und eine betont umgangssprachliche Ausdrucksform pflegt, die seine Belesenheit kaschiert, so wie er auch seine Herkunft aus dem Londoner East End bescheidener darstellt, als sie tatsächlich ist. Wer die feinen Schattierungen der sozialen Hierarchien unter der jüdischen Bevölkerung dort kennt, widerspricht dem Bild des einfachen Schneidersohnes, das Pinter von sich selber zeichnet.

Es geht hoch her

1999 mit seiner Frau Antonia Fraser

Gerade in dem Moment, wo man meint, es liefe alles reibungslos, kann die kleinste Sache ihn aus der Haut fahren lassen. Dann geht es schnell hoch her. Pinter liebt es, sein Gegenüber mit sarkastisch pointierten Fragen zur Rede zu stellen und gerät bei Widerspruch leicht in Rage. Vor Jahren, als die Atomkatastrophe von Tschernobyl gerade geschehen war, meinte er über den Tisch vernommen zu haben, daß ein Gast die Folgen herunterspielte. Er fauchte ihn an und dozierte ungehalten über das nukleare Übel. In solchen Fällen erhebt sich der sonore Baß mit der glasklaren Aussprache dessen, der das Theaterfach von der Pike auf gelernt hat, über die oftmals verdutzte Runde. Und keiner weiß so recht, wie er sich zu verhalten hat, außer der Historikerin Antonia Fraser, Pinters Frau, die souverän die Wogen glättet, ohne sich je auch nur die leiseste Malaise anmerken zu lassen.

Mitunter wirkt es, als brauche Pinter diese Auseinandersetzungen als Ventil, um Dampf abzulassen. Aus ihm spricht der aufgestaute Zorn, den er auch seinen Figuren andichtet. Es ist der geradezu besessene Zorn der über das Unrecht moralisch Entrüsteten, die ihre Ohnmacht erkennen, aber nicht wahrhaben wollen. Sein reizbares Wesen sträubt sich aber auch gegen das gesellschaftliche Korsett, das ihm immer wieder zu eng wird. In einem frühen Gedicht, „I shall tear off my Terrible Cap”, bringt er diesen wütenden Trotz zum Ausdruck. Darin ist von den Geistern, die ihn verfolgen und von den Dämonen, die ihn treiben, die Rede: „Ach, trotz ihrer dunklen Drogen und den Hieben, die sie mir versetzen, werde ich meine schreckliche Mütze abreißen.”

Kampf gegen das eigene Image

Harold Pinter hat sich stets als Außenseiter empfunden, als Jude, als Non-Konformist und als ein Mann, der mit gewissem Unbehagen in einer gänzlich anderen Gesellschaft lebt, als die, in die er hineingeboren wurde. Die frühen Erfahrungen mit den antisemitischen Mosley-Anhängern im East End dürften prägend gewesen sein für die Entwicklung des politisch Andersdenkenden, der seine Unabhängigkeit auf Teufel komm raus verficht. Manchmal kämpft er sogar gegen das eigene Image. So sagte er einmal: „Harold Pinter sitzt auf meiner verdammten Pelle . . . Er ist nicht ich. Jemand anderes hat ihn erfunden.”

Er selber bekennt sich mit entwaffnender Offenheit zu den Ungereimtheiten in seinem Leben, wenn man ihn etwa darauf anspricht, weshalb er eine königliche Ehrung angenommen hat, wo er doch von alledem nichts hält: „Nun, ich lebe in diesem verdammten Land. Ich arbeite schließlich hier. Ich bin keine Establishment-Figur. Ich bin nicht Monarchist. Aber ich bin um Gottes Willen ein Commander of the British Empire. Etwas absurd, nicht wahr, aber ich habe die Auszeichnung nicht zurückgeschickt. Es gibt gewisse Widersprüche in der Art, in der man lebt.” Geradezu rührend kindlich ist auch sein Mitteilungsbedürfnis über den jüngsten Bühnenauftritt und die Anerkennung, die sie findet. „Ein Mann von 75 Jahren braucht etwas Zuneigung”, kommentierte Pinter die aufwendigen Feierlichkeiten, mit denen er anläßlich seines Geburtstages am letzten Wochenende bezeichnenderweise in Dublin und nicht in London geehrt wurde. Entsprechend empfindlich reagiert er denn auch auf jegliche Kritik.

Höhnische Gedichte

Mit der Zeit hat sich Harold Pinter immer heftiger politisch engagiert - gegen das Somoza-Regime in Nicaragua, für die Kurden in der Türkei, gegen die Atomkraft und für die Menschenrechte in aller Welt. Je aktiver er wurde, desto mehr wuchs der Affekt gegen die Vereinigten Staaten und gegen jene britischen Premierminister, deren „geistlose” Unterwerfung unter der „kriminellen” Politik Washingtons ihn zur Weißglut bringen, so daß er seine Abscheu auch in höhnischen Gedichten wie „Democracy” nur noch in den von ihm gerne verwendeten Fourletterwords zu fassen vermag.

Seine Verachtung für Tony Blair ist inzwischen grenzenlos, und obwohl er durch Krankheit geschwächt ist, brennt sein Widerstandstrieb unvermindert. „Ich bin bin ständig aufgebracht und außer Kontrolle”, hat er einmal gestanden. Pinter behauptet zwar, er werde keine Stücke mehr schreiben, aber schweigen will er keineswegs. Seine Entschlossenheit, weiterhin zu sagen, „was ich will”, legt er immer wieder an den Tag. Jetzt hat ihn die Schwedische Akademie auch dafür belohnt.


Text: F.A.Z., 14.10.2005, Nr. 239 / Seite 41
Bildmaterial: AP, dpa
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