Verlegerinnen

Gifkendorfer Zauberin

Von Hannes Hintermeier

Katharina E. Meyer

Katharina E. Meyer

04. Juli 2005 Es gibt sie noch, die ländliche Kunstkommune. Man muß sich nur ein wenig an die Ränder der Verkehrsströme treiben lassen, etwa südöstlich von Lüneburg in Richtung Barendorf, dann weiter über Vastorf, und dort die Abzweigung nach Gifkendorf nicht verpassen.

Und schon ist man mitten im Kühe-in-Halbtrauer-Land, das Heideschrate wie Arno Schmidt mit notorischer Begeisterung bevölkerten, oder eben auch seit 1972 der Hamburger Verleger Andreas J. Meyer mit seinem Merlin Verlag. Um ein trockenes Bücherlager für seine Bücher, die er selbst ausliefert, zu haben, kaufte er einen damals verfallenen Gutshof mit mehreren Nebengebäuden. Den bevölkern heute neben dem zottigen Hofhund Paul das alte und das junge Verlegerpaar, zwei Enkelkinder, viereinhalb Verlagsangestellte und saisonal wechselnd diverse Maler und Autoren. Eine Remise mit Kamin, die als „Thing“- und Grillplatz dient, rundet das Idyll ab.

Eine schwierige Übung

Anfang 2005 hat Andreas Meyer die Geschäfte an seine jüngere Tochter Katharina Eleonore übertragen; den Platz des Patriarchen im geistigen Zentrum des Merlin-Universums aber macht ihm keiner streitig. Dieses besteht seit bald fünfzig Jahren, die Aufgabe der neununddreißigjährigen Tochter liegt darin, es mit neuen Büchern in die Zukunft zu führen. Eine schwierige Übung. Nicht, daß ihr das Geschäft nicht vertraut wäre: Wie denn auch, wenn man von Kindesbeinen an Umgang mit Künstlern hat. Für ihren Vater deutete bereits früh alles darauf hin, daß Katharina ihn beerben würde; doch die Tochter schlug zunächst einen anderen Weg ein.

Sie studierte Archäologie in Hamburg und Paris, war in der Außenstelle Lissabon des Deutschen Archäologischen Instituts beschäftigt, grub in Spanien und Frankreich und brachte von dort auch ihren Mann mit, mit dem sie sich in der Betreuung der sechsjährigen Tochter und des zweijährigen Sohnes abwechselt.

Wie frei wir waren

Die Archäologie, sagt Katharina Meyer, sei „eine ungeheure Horizonterweiterung“ gewesen, aber erst in den Hierarchien des Wissenschaftsbetriebs habe sie auch begriffen, „wie frei wir in Wirklichkeit aufgewachsen sind“. Als die Doktorarbeit fertig war, half sie zwei Tage die Woche im Verlag aus - Pressearbeit. Beinahe unmerklich sei sie so in eine Rolle gerutscht, die man ihr nie aufgezwungen habe.

Aber das vierzigjährige Verlagsjubiläum ging einher mit dem Siebzigsten des Verlegers, es wurde Zeit für einen Wechsel. Und den hat Meyer senior offenbar so klug moderiert, daß die Tochter nie auf gewisse Gedanken gekommen ist: Anders als bei Vater-Sohn-Konflikten - die Liste der verschlissenen Söhne ist gerade im Verlagswesen stattlich - arbeiten die beiden gut zusammen. „Aber ohne die Hilfe meines Lebensgefährten ginge es nie“, betont Frau Meyer. Sie empfindet diesen Umstand „als absolutes Privileg“, gleichwohl müsse Familienleben an den Wochenenden ebenso erkämpft werden wie ein gemeinsamer Jahresurlaub.

Ein Gemischtwarenladen

Das größte Problem Merlins ist jenes, mit dem alle kleinen Verlage konfrontiert sind: „Wir wissen, daß es da draußen unsere Leser gibt, aber wir wissen oft nicht, wie wir sie erreichen sollen.“ Mit dem Niedergang der kleinen und mittelgroßen, belletristisch kundig sortierten Buchhandlungen ist der Weg zum Kunden schwieriger geworden, das Internet allein kann diese Verluste nicht auffangen. Merlin aber ist ein Gemischtwarenladen, der auf mehreren Beinen steht: da gibt es den Theaterverlag (aus dem das Haus ursprünglich hervorging), eine Graphikedition mit dem Bestsellerautor Janosch als Stützpfeiler, eine Schmökerecke im Taschenbuchformat und neuerdings - gewissermaßen als Anti-Globalisierungsreflex - eine Reihe mit historisch grundierten Regionalreiseführern.

Was sich derzeit auf dem Buchmarkt abspielt, so Meyer, „suggeriert, daß das Buch ein Massenprodukt ist“. Daran glaube sie nur mit großen Einschränkungen. Permanentes Wachstum an- oder herbeizubeten, das will ihr nicht einleuchten. Sie habe bei Merlin gelernt, „einen kleinen Markt zu beackern“. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit soll durchaus literarisch sein. Die Verlegerin, zu deren Lebensbüchern der „Taugenichts“ von Eichendorff zählt, sucht nach Texten, die eine „gesellschaftspolitische Auseinandersetzung transportieren“ - da mag das Erbe des Vaters, der mit Ausgaben von de Sade und Genet editorische Maßstäbe setzte und dafür jede Menge bürgerliche Häme auf sich zog, durchschlagen.

„Wir sind kein Schwulen-Verlag“

„Wir sind doch noch lange kein Schwulen-Verlag, bloß weil wir Genet verlegen“, konstatiert Katharina Meyer mit einer sehr norddeutsch-reduzierten Empörung: „Wer so beschränkt ist?!“ Relevant sollen ihre Bücher sein, unruhig sollen sie machen. So wie die Romane des Algeriers Boualem Sansal, der zu ihren Merlin-Lieblingen zählt. Ihr Credo lautet dennoch: „Nicht alles, was einem selbst gefällt, ist auch relevant.“

Die alte Verlegerfrage, was man dem Leser aufdrängen solle, die werde heutzutage zu selten gestellt, befindet Meyer. Beim Abschied verrät ihr Vater stolz, die Tochter habe eine seltene Gabe: Sie könne vierblättrige Kleeblätter finden, schon von Kindesbeinen an. Das kann in diesem Gewerbe gewiß nicht schaden.

Text: F.A.Z., 04.07.2005, Nr. 152 / Seite 35
Bildmaterial: F.A.Z.-Frank Röth

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