„Die Fackel“ im Internet

Die Hölle, das ist Kraus

Von Eva Menasse, Wien

Kraus gemeinfrei im Netz

Kraus gemeinfrei im Netz

11. Januar 2007 „Die Fackel im Netz!“ - das klingt schon, als würde ihr Gewalt angetan. „Kraus zum Durchklicken“ - das tönt nach Totenschändung, wenn nicht Ärgerem. Dabei hat dieser König der Misanthropen, dieser Großinquisitor der Moral (Moralapostel wäre zu harmlos, als nennte man einen Attentäter Demonstrant), alles getan, um sein Werk unzugänglich zu halten bis in alle Ewigkeit. 922 Nummern der „Fackel“, 22 500 Seiten, 37 Jahrgänge - nur ein einziger Mensch, der ehemalige Kulturstaatsminister Michael Naumann, ist uns bekannt, der behauptet, „meinen ganzen Kraus“ gelesen zu haben, und das gleich mehrmals (gelesen und behauptet).

Dieser Kraus jedenfalls hat ein Werk in die Welt gesetzt wie ein Inferno, ein Dickicht aus Glüh-, Loder-, ja Brandsätzen, die, in Maßen genossen, unmittelbar eingängig sind. Man nehme nur die Einleitungsworte der ersten „Fackel“ von 1899, die seither mindestens einmal jährlich aktuell werden: „In einer Zeit, da Österreich ... an acuter Langeweile zugrunde zu gehen droht, in Tagen, die diesem Lande politische und sociale Wirrungen aller Art gebracht haben, einer Öffentlichkeit gegenüber, die zwischen Unentwegtheit und Apathie ihr phrasenreiches oder völlig gedankenloses Auskommen findet . . .“

Mit Worten ein Sperrfeuer erzeugen

Dringt man jedoch zu tief ins Flammendickicht von Karl Kraus ein, geht einem, wie jeder Feuerwehrmann bezeugen kann, bald die Luft aus. Man sucht hustend das Weite. Diese „Fackel“-Gesamtausgaben, die in gepflegten Privatbibliotheken an vorteilhafter Stelle stehen, sehen oft so unbenutzt aus!

Das hat Karl Kraus gewiss gewollt: mit Worten ein Sperrfeuer erzeugen, dass keine feindliche Kugel durchkommt. Mit schierer (Sprach-)Gewalt dem Schnellurteil vorbeugen. „Kraus war ein ...“ - wer einen solchen Satz beenden wollte, fühlte sich sofort wie ein Idiot. Nicht allein aufgrund der Masse gilt das Werk als unübersetzbar, auch, weil es so idiosynkratisch österreichisch ist. Wer nicht weiß, wer Imre Bekéssy, Johann Schober, Alice Schalek waren, der möge erst gar nicht zu lesen beginnen! So blieb Kraus den Germanisten reserviert, zum Ausweiden unter Ausschluss der Öffentlichkeit - das würde ihm, jede Wette, auch nicht passen.

Die „Fackel“ als Phallussymbol

Die rote, unberührte „Fackel“-Ausgabe mag ein Phallussymbol sein wie in anderen Schichten der Porsche vor der Tür. Das Suhrkamp-Taschenbuch jedoch, „Karl Kraus: Aphorismen“, ist ein Vademecum. Wo immer es steht oder sogar liegt (gerade erst benutzt!), hat es Eselsohren. Und hier ist es, das Einfallstor in den brennenden Dschungel des großen Wahnsinnigen Kraus. Wer Aphorismen schreibt, der will (auch) schnell verstanden werden. Der will stechen, nicht nur plattwalzen. Der will zugänglich sein. Natürlich, wie für fast alles findet man den ersten Widerspruch bei ihm selbst: „Einer, der Aphorismen schreiben kann, sollte sich nicht in Aufsätzen zersplittern.“ Sollte dieser „strengste und größte Mann“ (Canetti) Humor gehabt haben? Hat eine Instanz Humor?

Man soll sich übrigens nicht täuschen: Dass Kraus heute wie ein Monument der Moral wirkt, wie die einzige Jungfrau unter Triebtätern, liegt an der zeitlichen Entfernung. Jeder Publizist, der sich heute so unbeugsam, so eigensinnig, so hemmungslos kriegerisch verhielte wie Kraus, würde als Spinner betrachtet. Zu seiner Zeit war Karl Kraus ein Spinner. Aber er war ein Spinner mit Wirkung. Seine „Erledigungen“ sind legendär, etwa, als er den korrupten ungarischen Zeitungsmagnaten Bekéssy aus Wien vertrieb - David gegen Goliath, das kommt nie wieder. Oder wäre es heute vorstellbar, dass ein einzelner eine Boulevardzeitung in die Knie zwingt?

100 „hits“ für Hitler

Der Aphorismen-Satz jedenfalls lässt sich auch umdrehen: Einer, der der Welt einen gigantischen Aufsatz in siebenunddreißig Jahrgängen hinterlassen hat, eine ganze Zeitschrift zum Eingang in die Weltliteratur, sollte nicht in Aphorismen zersplittert werden. Doch nichts anderes passiert, wenn man die „Fackel“ im Netz (zur „Fackel” im Netz) benutzt. Man gibt zum Beispiel „Hitler“ ein und erhält „100 hits“, als hätte Kraus Wert auf eine runde Zahl gelegt. Man gibt „Journaille“ ein und erhält „107 hits“, sieben mehr, denn das Übel Journaille ist ja widerstandsfähiger als noch der langlebigste Massenmörder. Was aber heißt das? Die Welt des Karl Kraus wird betretbar, ohne Atemschutz. Die „Fackel“ wird in ihren Urzustand zurückgeführt, da sie in Teilen erschien, Heft für Heft, für den zeitgenössischen Leser durchaus verdaulich. Nur in der Abgeschlossenheit zwischen Buchdeckeln stand sie unbezwingbar da wie ein Ritter mit geschlossenem Visier.

Zwei Großkampfplätze waren es, auf denen Kraus lebenslang tobte: gegen den Krieg der eine, gegen die Verluderung der deutschen Sprache der andere. Beide leben sich nicht ab. Vielleicht verdanken wir gerade dem Internet, dieser angeblich basisdemokratischen Spielwiese aller Pseudo- bis Semi-Alphabetisierten, das neu erwachte Interesse an der Sprache. Bastian Sick, Autor von „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“, füllt die Hallen, weil er verständlich und humorvoll erklären kann, wie deutsche Grammatik funktioniert. Die Wettbewerbe um das Wort des Jahres, das Unwort des Jahres, das schönste bedrohte Wort, das schönste erfundene Wort müssten von der „Journaille“ längst zum „Trend“ erklärt worden sein.

Der Wiener Wahnsinnige wirkt wieder

Übrigens wäre Karl Kraus heute schon aufgrund seines Namens einer der Meistgefährdeten. Nichts ist so verwundbar wie das „s“ am Ende. Trotz Schlagzeilen wie „Merkel's Verteidigungspolitik“: Der Genitiv von Kraus bleibt Kraus'. Und das gleichnamige Adjektiv stirbt aus. Es heißt heute „krisselig“ oder so, zumindest, wenn es sich auf Haare bezieht. Kraussche Gedanken kann sich keiner mehr leisten.

Das „Desperanto“, wie Kraus es nannte, ist überall. Nur braucht sich deshalb keiner als Instanz zu gebärden, denn Kraus, das Original, bleibt unerreicht. Auch hier lässt sich das passende Florett gegen Nachahmer, etwa die Studienräte im Gewande professioneller Leserbriefschreiber, in seinem Arsenal finden: „Das Übel gedeiht nie besser, als wenn ein Ideal davorsteht.“

Karl Kraus ist im Juni 1936 an einer Herzembolie gestorben. Daher wurden mit Beginn des Jahres 2007 die Rechte an allen seinen Schriften „gemeinfrei“. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften hat deshalb die „Fackel“ ins Netz gestellt, in einer schönen, etwas altmodischen, umständlichen Form. Der Wiener Wahnsinnige wirkt wieder. Arno Schmidt zufolge ist damit garantiert, dass er weiterhin in der Schriftsteller-Hölle schmort, wo jeder tote Autor verbleiben muss, der auf Erden noch zumindest in einer einzigen Fußnote existiert. Und diese Hölle hat Karl Kraus wahrlich verdient.

Text: F.A.Z., 12.01.2007, Nr. 10 / Seite 31
Bildmaterial: Österreichische Akademie der Wissenschaften

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