Der Fall „Leyla“

Emines Notizblock

Von Monika Maron

Bezichtigt Medienvertreter der Übernahme eines orientalischen Männerbildes: Monika Maron

Bezichtigt Medienvertreter der Übernahme eines orientalischen Männerbildes: Monika Maron

12. Juni 2006 Emine lernte ich in den siebziger Jahren kennen. Sie wohnte damals bei einer gemeinsamen Freundin, einer Schauspielerin, in Pankow. Wir bestaunten ihre wunderbaren Skizzenbücher, die sie zu Bessons Proben an der Volksbühne zeichnete und schrieb, und weil uns ihr Name Emine Sevgi Özdamar zu kompliziert war und sie wohl auch meinte, wir könnten ihn uns wahrscheinlich sowieso nicht merken, nannten wir sie manchmal fröhlich und unbefangen Türken-Emmi. Sie war unsere Freundin, der Gedanke an Diskriminierung wäre keinem gekommen, uns nicht und auch Emine nicht.

Ich erinnere mich nicht, daß Emines türkische Herkunft Gegenstand unserer Gespräche gewesen wäre. Vielleicht lag es ja an unserer Ignoranz, wahrscheinlich aber gab es zu viel anderes, das uns gemeinsam interessierte: das Theater, die Literatur, die Politik. Daß es sie aus dem Orient in unsere öde DDR geweht hatte, war Teil der Poesie, die sie umgab. Sie kam von irgendwo und schien genau zu wissen, wohin es sie zog. Emine mit den vielen Talenten; sie war Schauspielerin, konnte zeichnen und schreiben, war die Assistentin vom berühmten Besson und ging mit ihm später sogar nach Paris, wovon wir alle träumten, hinter der Mauer.

Ein Verdacht bleibt

Und jetzt entnehme ich in der Zeitung, daß Emine Sevgi Özdamar, inzwischen eine bekannte Schriftstellerin, ihre ganze Poesie und Lebenserfahrung, ihr Talent und ihre Intelligenz von Zaimoglus Tante aus dem türkischen Frauenwohnheim in der Stresemannstraße hat, wo türkische Frauen ihre türkischen Lebensgeschichten Emine offenbar in den Block diktiert haben, so wie Feridun Zaimoglus Mutter sie ihrem Sohn vierzig Jahre später aufs Band gesprochen haben soll. Es geht also, so verstehe ich es, gar nicht um Literatur, um Sprache und Bilder, um das rätselhafte Gemisch aus Erfindung und Wirklichkeit, um den Kosmos der einen erlebenden und schreibend verdichtenden Person, sondern es geht um türkische Allerweltsgeschichten, die jeder schreiben könnte, wenn er nur damals in den sechziger Jahren lange genug bei Zaimoglus Tante in der Stresemannstraße gesessen hätte.

Niemand wird Zaimoglu einen Plagiatsvorwurf machen. Der juristische Begriff des Plagiats ist streng begrenzt und trifft auf Zaimoglus „Leyla“ nicht zu. Aber den Verdacht, er könnte Emine Sevgi Özdamars „Karawanserei“ geradezu ausgeschlachtet haben, wird ein unbefangener Leser beider Bücher vermutlich nur schwer unterdrücken können. Und das bezieht sich gerade nicht auf das Allerweltshaltige der Bücher, auf die junge Türkin im Zug nach Berlin, die es tatsächlich tausendfach gegeben hat, sondern auf das Ureigenste, auf die Poesie, die Metaphorik, die Bilderwelt der Emine Sevgi Özdamar.

Verführung des orientalischen Männerbildes

Aber das, so lese ich es in den Zeitungen, sei gar nicht Özdamars eigene literarische Schöpfung, sondern das allgemeine türkische Kulturgut der fünfziger und sechziger Jahre, in denen alle türkischen Mädchen offenbar das gleiche erlebten, was jeglichen Anspruch auf geistiges Eigentum demzufolge ausschließt.

Ich stelle mir vor, ein junger deutscher Autor hätte einen Roman geschrieben, in dem eine Frau Mitte der achtziger Jahre in der DDR beschließt, nicht mehr für Geld zu denken, sich statt dessen bei einem alten Funktionär als Schreibkraft verdingt und nachts, wenn sie nicht mehr ganz nüchtern ist, mit Blumen philosophische Gespräche führt, also einen Roman, in dem ich erkennbare Details eines meiner Romane wiederfinden würde. Wenn ich dann in der Zeitung lesen müßte, diese augenfälligen Übereinstimmungen bedeuteten nicht etwa, daß dieser junge Autor sich aufgrund mangelnder eigener Erfahrungen bei mir bedient hat, sondern daß ich lediglich die jederzeit und überall erfahrbare DDR beschrieben habe, wo es eben viele Funktionäre gab und noch mehr Frauen, die alle nachts mit Blumen gesprochen haben und die Rezitative aus „Don Giovanni“ übersetzen wollten, obwohl sie nicht italienisch konnten; wenn ich das dann in der Zeitung lesen müßte, würde ich wahrscheinlich glauben, das deutsche Feuilleton sei schlichtweg verrückt geworden, weil es den Unterschied zwischen Literatur und Wirklichkeit entweder vergessen oder für bestimmte Regionen außer Kraft gesetzt hat und weil es aus zeitlicher und geografischer Ferne entscheidet, was wann wo allgemeines Kulturgut war und somit den Anspruch auf individuelle Erfahrung löscht.

Nichts anderes aber geschieht meiner Ansicht nach gerade im Fall von Emine Sevgi Özdamar und Feridun Zaimoglu. Und wenn Zaimoglu, ganz nebenbei mit der „Grandezza eines orientalischen Edelmannes“ ausgestattet, von Hubert Spiegel mit dem Titel eines „Vollenders“ bedacht wird (s. Eine türkische Familienäffäre: Zaimoglu gegen Özdamar), dann ahnt man etwas von der Verführung, die im orientalischen Männerbild auch für deutsche Feuilletonisten steckt.

Text: F.A.Z., 13.06.2006, Nr. 135 / Seite 48
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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