01. Mai 2005 Letzter Film, erste Einstellung, schon stockt der Atem. Die Kamera zeigt Nicole Kidman, wie sie uns in ihrem Ankleidezimmer den Rücken zuwendet und mit einer so nonchalanten Bewegung ihr Trägerkleid von den Schultern rutschen läßt, daß man zu spüren glaubt, wie das seidenweiche Material über ihre Haut hinabstreift.
Und dann tritt sie nackt aus dem herabgesunkenen Haufen Seide heraus, als würde sie nur uns zuliebe so tun, als fühle sie sich unbeobachtet, und steht da, während der Blick von ihrem Nacken unter dem hochgesteckten Haar über den Rücken zum Po gleitet und dann die Schenkel hinab zu ihren Fesseln, die in hochhackigen Schuhen stehen.
Das alte Spiel des Kinos
Für Sekunden dürfen wir sehen, was eigentlich nur für die Augen von Tom Cruise bestimmt ist, in diesem Film wie im wirklichen Leben, und vergessen, daß dies nur das alte Spiel des Kinos ist - als private Erfahrung zu verkaufen, was in Wahrheit auf einem Jahrmarkt der Emotionen feilgeboten wird. Eine Frau steigt aus ihrem Kleid, und Millionen Augen glauben, sie täte es nur für sie - oder wenigstens nur für sich.
Das ist der atemberaubende Anfang von Eyes Wide Shut, der alles verheißt, was der Film dann fast störrisch verweigert. Kubricks letzter Film ist nicht halb so schlecht, wie er damals aufgenommen wurde, aber er kommt doch über weite Strecken so steif daher, wie es diese erste Szene eben genau nicht erwarten läßt. Was womöglich auch an Tom Cruise liegt, dessen Ausstrahlung hier nur ein matter Abglanz dessen ist, was ihm in jedem anderen Film spielend gelingt.
Kolossal, monumental, museal
Und doch bekommt auch Eyes Wide Shut in der Rückschau etwas Abgeklärtes, Geschlossenes, Endgültiges, so daß die Frage seines Gelingens keine Rolle mehr zu spielen scheint. So steht auch diese letzte Arbeit neben den anderen elf Spielfilmen Kubricks, die so schwarz und kalt in der Filmlandschaft ragen wie der Monolith in 2001 und deren finsteren Glanz man jetzt noch mal in einem gewaltigen Buch des Taschen-Verlags bewundern kann: The Stanley Kubrick Archives.
Das Ding ist, wie könnte es anders sein, selbst ein Monolith. Die Archives sind alles, was Kubricks Kino auch ist: kolossal, monumental, museal. Aufgeschlagen erreicht es mit seinem Cinemascope-Format fast eine Spannweite von einem Meter, und es wiegt so viel, daß es in einem Pappkoffer mit Tragegriff ausgeliefert wird. 150 Euro sind eine stolze Summe, aber das Buch ist seinen Preis wert. Dafür bekommt man über 500 Seiten, mehr als 1500 Fotos, dazu eine CD mit einem 70minütigen Interview aus dem Jahr 1966 und einen 70-mm-Filmstreifen aus 2001.
Ein Altar für den Prachtband
Daß außerdem ein 160seitiges Heft mit den Übersetzungen der Texte beiliegt, ist schon deswegen sehr begrüßenswert, weil das unhandliche Format des Wälzers die Lektüre eher beschwerlich gestaltet. Das Heft kann man sich in gewohnter Lesehaltung im Sessel oder Bett zu Gemüte führen, während man für das Studium des Prachtbandes mindestens einen Eßtisch oder am besten gleich einen Altar braucht. Und eigentlich wünschte man sich dazu ein Paar weißer Restauratorenhandschuhe, damit beim Blättern keine Fingerabdrücke auf den glänzend schwarzen Grund der Seiten geraten.
Ohnehin muß man die Seiten einzeln und mit Bedacht umschlagen, weil sie sonst unter der schieren Schwerkraft den Fingern entgleiten. Man bewegt sich also auf Fingerspitzen durch dieses Mausoleum und verharrt ehrfürchtig staunend vor den Filmbildern, die eigens aus den Kopien angefertigt wurden und hier wie Gemälde in einem Museum ausgestellt werden.
Lust auf ein Wiedersehen
Wie in der Kubrick-Ausstellung, die in den vergangenen Monaten in Frankfurt und Berlin zu sehen war, macht man auch hier blätternd die Erfahrung, mit welch unwiderstehlicher Macht die Bilder allein die Filme in Erinnerung rufen und Lust auf ein Wiedersehen machen: die nebligen Parklandschaften und kerzenbeschienenen Spielabende von Barry Lyndon, die futuristischen Pop-Interieurs und aggressiven Verkleidungen von A Clockwork Orange, die planetarischen Weiten und die geometrische Enge von 2001 - A Space Odyssey, die majestätischen Berge und das verschneite Labyrinth in The Shining- sofort beginnt vor dem inneren Auge der Projektor zu surren.
Aber wenn man ehrlich und kein ganz so großer Fan von Kubrick ist, dann stellt man gleichzeitig fest, daß die Erfahrung sagt, daß diese Filme nicht halb so befriedigend sind wie das Schwelgen in ihren Abbildern. Dabei geht es gar nicht darum, ihnen ihren Rang abzusprechen: Fast alle sind sie großes Kino, und keiner, der sich fürs Kino interessiert, kommt darum herum, mit ihnen seine Erfahrungen zu machen. Aber im Herzen der Filmliebhaber finden sie nur selten einen Platz - eher auf der Netzhaut, wenn sich ihr visuelle Erinnerungen einzeichnen könnten. Lieblingsfilme sind immer andere, Filme, deren Reichtum mit jedem Sehen immer schwerer zu fassen ist, weil er sich aus einer Vorstellung vom Leben speist, die von dessen Unvollkommenheit weiß.
Seltsamer Zwang zur Rückkehr
Der Reichtum von Kubricks Filmen scheint hingegen immer genau bemessen. Natürlich besitzen sie durch die oft jahrelangen peniblen Vorbereitungen eine Sorgfalt, die auch bei mehrmaligem Sehen immer neue Details zutage fördert, aber ihre Menge scheint endlich. So viele Planungen und Überlegungen sind in sie eingegangen, daß alles in ihnen enthalten scheint. Diese Filme kennen kein Jenseits, jenen magischen Ort, wo uns Filme auf ganz andere Weise berühren können.
Und doch üben sie einen seltsamen Zwang aus, immer wieder zu ihnen zurückzukehren, sie wie einen seltenen Kristall so lange zu drehen und zu wenden, bis sie das Geheimnis preisgeben, warum sie trotz Kälte und Kalkül uns immer wieder in ein Labyrinth ziehen, dessen Zentrum so leer erscheint. Als müsse man nur lange genug suchen, um vielleicht doch jene Löcher und Lücken zu finden, durch die in die Filme das eindringt, was man Leben nennt.
Über ein Jahr hat Kubrick mit Kidman und Cruise gedreht, hat New York haarklein im Studio nachbauen lassen, um am Ende Schnitzlers Traumnovelle damit beinahe den Atem zu nehmen. Und doch gibt es jene Momente, an denen man sich nicht sattsehen kann, wie eben den Anfang, wenn Nicole Kidman aus ihrem Kleid steigt. Allein dafür schon muß man Kubrick und dieses Monster von einem Buch lieben.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.05.2005, Nr. 17 / Seite 26
Bildmaterial: Aus "The Stanley Kubrick Archives", Taschen Verlag