Robert Gernhardts letzte Zeichnungen

Wer hat hier mehr Erfindungen gemacht?

Von Hubert Spiegel

Unsere Erde ist vielleicht ein Weibchen, Titelmotiv

Unsere Erde ist vielleicht ein Weibchen, Titelmotiv

13. Dezember 2007 Wenige Themen haben Robert Gernhardt so kontinuierlich beschäftigt wie das Verhältnis von Mensch und Tier. Katzen und Hunde, Biber, Dachs und Kragenbär, Schnuffi, das Nilpferd der frühen Jahre, und zahllose andere Kreaturen bevölkern das Gernhardtsche Universum. Aber warum?

Drei Beispiele aus der Ausstellung „Robert Gernhardt. Die letzten Bilder“, die von heute an im Frankfurter Museum für Komische Kunst zu sehen ist: Mann und Hund an der Mole. Der Mann zeigt auf die im Meer versinkende Sonne und sagt: „Fido! Hol's Sönnchen!“. Der Hund springt ins Wasser und paddelt dem Horizont entgegen, der Mann wendet sich lachend ab und geht davon. Gernhardts Überschrift lautet: „Scheiternde Hunde (Folge 17)“.

Biber, Huhn, Mensch

Zweites Beispiel, diesmal aus den „Sudelblättern“, die zum Teil 1994 im Magazin dieser Zeitung erstmals erschienen sind: ein Wartezimmer im Patentamt. Auf der Bank sitzen ein Biber mit abgenagtem Baumstumpf, ein Huhn mit einem Korb voller Eier und ein Mensch, der ein Rad unter dem Arm trägt. Der dazugehörige Aphorismus aus Georg Christoph Lichtenbergs „Sudelbüchern“ lautet: „Es ist noch die Frage, wer die meisten Erfindungen gemacht hat, die Tiere oder die Menschen.“

Drittes Beispiel: nächtliches Stillleben mit Hund, aus dem 2004 erschienenen „Montaieser Bestiarium“. Wir sehen den Hund von hinten, er lagert vor einem Tisch, auf dem sein Herr das Weinglas abgestellt hat. Der Blick des Tieres gilt dem Mond und dem Sternenhimmel, sein Herr fragt sich: „Was wohl der Hund zur Nacht denkt?“

Fabel vom falschen Freund

Im ersten Bild illustriert der Zeichner Gehorsam und Vertrauen, Falschheit und Schadenfreude. Die Fabel vom dummen Hund ist zugleich die Fabel vom falschen Freund. Im zweiten Bild stellt Gernhardt mit Lichtenberg die Vormachtstellung des Menschen im Universum in Frage, und im dritten Bild scheint sich das hierarchische Verhältnis geradezu umzukehren: Die Ruhe und Gelassenheit, mit der das Tier den Sternenhimmel betrachtet, ist dem Menschen unerreichbar. Dieser Zustand des interesselosen Wohlgefallens an der Welt wie an der eigenen Existenz ist dem Künstler, der alles beobachtet, um jede Beobachtung sogleich auf ihre Tauglichkeit für die eigene künstlerische Produktion abzuklopfen, unerreichbar. Der Herr beneidet seinen Hund. Gut vorstellbar, dass im nächsten, ungemalt gebliebenen Bild der Hund sich mit ironischem Blick zu seinem Herrn umdreht: „Mal's Möndchen!“

Robert Gernhardt, der Maler, Zeichner, Dichter und Satiriker, der heute siebzig Jahre alt geworden wäre, ist nie ein müder, weltweise abgehangener, sondern stes ein hellwacher, oft auch scharfer und bissiger Melancholiker gewesen. Dass er als Maler und Zeichner begann, ist über der stetig wachsenden Anerkennung, die Gernhardts Lyrik in seinem letzten Lebensjahrzehnt erfahren hat, fast ein wenig vergessen worden. Die überaus sehenswerte Frankfurter Ausstellung gibt mit 190 Arbeiten aus verschiedenen Lebensphasen einen guten Überblick über Gernhardts zeichnerisches Werk, seine Techniken und Stile. Sie versammelt eigenständige Arbeiten, Cartoons, Bildgeschichten und „gemalte Witze“, wie die Kollegen Greser und Lenz sagen würden, stellt auch weniger bekannte Bücher vor, in denen die Zeichnung mehr Gewicht hat als das Wort, wie im Fall des „Montaieser Bestiariums“ und des „Septemberbuchs“, und präsentiert den lllustrator Gernhardt, der sich fremde Texte zeichnerisch anverwandelt.

Tendenz zum Tafelbild

Neben den Lichtenberg-Zeichnungen sind auch Illustrationen zu einer Gedichtauswahl von Ringelnatz und zu Eckhard Henscheids „Trilogie des laufenden Schwachsinns“ zu sehen. Besonders diese schönen Kreidezeichnungen aus der Henscheidschen Welt des philosophischen Kneipengeschwätzes tendieren in ihrer Sorgfalt und Ernsthaftigkeit zum Tafelbild. Kongenial sind Gernhardts Zeichnungen zu Barbara Hoffmeisters Buch „Das Randfigurenkabinett des Dr. Thomas Mann“, einer Porträtgalerie von zwölf Sonderlingen und Nebenfiguren aus dem Mannschen Kosmos, von Lobgott Piepsam und Sesemi Weichbrodt bis zum „Teufel als Strizzi“.

Überwiegend versammelt die Ausstellung also Arbeiten, die nach 1990 entstanden sind - bis hin zu einem Totentanz, dem letzten Werk des im vergangenen Jahr viel zu früh verstorbenen Robert Gernhardt. Dass die Tierfigur im Comic sich letztlich von der Tierfabel der Antike herleitet, hat der Zeichner nie vergessen. Schnuffi, das Nilpferd, ist nicht Reineke Fuchs, wohl wahr. Aber ein Klassiker war Robert Gernhardt bereits zu Lebzeiten.

„Robert Gernhardt - Die letzten Bilder“ im Caricatura Museum für Komische Kunst, Frankfurt am Main. Bis zum 2. März 2008.



Text: F.A.Z., 13.12.2007, Nr. 290 / Seite 35
Bildmaterial: Museum für komische Kunst

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Wie geht'sUnter dem PazifikmondAus der Reihe Signatur: Montaieser BestiariumSignatur, TitelmotivSchnuffi im Land der ReimeRobert Gernhardt, 1937 - 2006 Erdkatze/KatzenerdeAus “September“Schnuffi in der Folterkammer