Zum Tod Robert Gernhardts

Gevatter Tod war nur der Gehilfe dieses Dichters

Von Hubert Spiegel

30. Juni 2006 Gevatter Tod, eine Figur, die Robert Gernhardt in seinen jüngsten Gedichten und Skizzen in besonderer Weise beschäftigt hat (s. F.A.Z.-Feuilleton vom 1. Juli), war für ihn zuletzt immer auch Gehilfe Tod, ein unwilliger Zuarbeiter beim schwierigen Geschäft, das Wort noch einmal über den Körper, die Poesie noch einmal über die Physis, die Kunst noch einmal über die Krankheit triumphieren zu lassen. So hat der gewiefte Dialektiker Gernhardt die wahren Machtverhältnisse immer wieder umzudrehen gewußt. In seiner Kunst, also auch in seinem Leben.

Dieses Leben begann 1937 in Reval, dem heutigen Tallinn, wo Gernhardt als Sohn eines Richters geboren wurde. Nach der Flucht, der Vater war gegen Kriegsende gefallen, ließ die Familie sich in Göttingen nieder. Mit siebenundzwanzig Jahren ging Gernhardt nach Frankfurt, ein staatlich geprüfter Kunsterzieher, der Malerei und auch Germanistik studiert hatte, der freier Künstler werden wollte, der malte, zeichnete und schrieb, rasch zur Satirezeitschrift „Pardon“ stieß, dort zusammen mit seinen Freunden F.K. Waechter und F. W. Bernstein die legendäre Kolumne „Welt im Spiegel“ (WimS) betrieb und Ende der siebziger Jahre zu den Gründern der „Titanic“ zählte. Dem „endgültigen Satiremagazin“ blieb Robert Gernhardt wie Bernd Eilert und Eckart Henscheid lange Jahre als prägende Gestalt verbunden.

Der Gernhardt-Effekt

Immer Maler, Zeichner und Schriftsteller zugleich, veröffentlichte Gernhardt seit den frühen achtziger Jahren mit staunenswerter Produktivität Buch um Buch, darunter so klassisch gewordene Titel wie „Ich Ich Ich“ (1982), „Reim und Zeit“ (1990) oder „Lichte Gedichte (1997). Auf Sprachakrobatik und Wortspielwut der frühe Jahre folgte die Hinwendung zum Alltagsleben, aus dessen Splittern, von der Kontaktanzeige bis zur Fahrt im ICE, zahllose Gedichte entstanden sind. Oft relativieren diese Gedichte ihre hohe, nicht selten klassische Form durch ihren banalen Inhalt, oder sie adeln ihre schlichte Form durchs hohe Thema. Der komische, oft aber auch nur scheinbar komische und in Wirklichkeit bittere Effekt vieler solcher Verse entsteht durch das Aufeinandertreffen des vermeintlich Inkommensurablen. Das ist der Gernhardt-Effekt, und die Virtuosität, mit der er gehandhabt wurde, garantiert seinem Schöpfer alles, was ein moderner Klassiker an Nachruhm und bleibender Dauer erwarten darf.

Sein Leben lang, seit der in Göttingen verbrachten Schulzeit, hat Robert Gernhardt, gezeichnet und gedichtet, skizziert und entworfen, gereimt - und auch gerichtet. Denn daß nur ein einziger Buchstabe das Gedicht vom Gericht unterscheidet, gehört zu jenen Zufällen der Sprache, die den sensiblen Sprachspieler stets fasziniert haben. Der Dichter war auch Richter, und Robert Gernhardts Werk trägt oft die Züge eines spielerischen Weltgerichts, wenn er zum Beispiel im Band „Körper in Cafes“ (1987) seine Mitmenschen im Steakhaus, auf der Frankfurter Fressgass', oder beim Tretbootfahren auf dem Main beobachtet. Die bösen Huldigungen, die er den Städten Metzingen oder Mülheim am Main darbrachte, haben sogar die Anwälte beschäftigt, denn der Dichter wurde ihretwegen verklagt.

„Das Dichten wird's schon richten“

Aber mehr noch ist Gernhardts lyrisches Werk, zumal in den späten Jahren, zum Selbstgericht geworden. In einem unablässigen Selbstverhör haderte der Künstler mit sich und seiner Arbeit, mit seinen Talenten und mit der Tradition. Seine Gedichte sind die Substrate dieses Verhörs, ihre poetischen Protokolle, und es sind einige der schönsten deutschen Gedichte zur Künstlerproblematik überhaupt darunter. So wollen wir Robert Gernhardt in Erinnerung behalten als einen, der nicht nur Maler, Zeichner, Lyriker, Satiriker, Erzähler, Theaterautor und Essayist war, sondern auch den Ankläger und den Angeklagten, den Zeugen und den Richter in seiner Person zu vereinen wußte. Daß ihm das Unmögliche möglich war, verdankte Robert Gernhardt einer wie leichthin formulierten, aber wohl tiefempfundenen Hoffnung: „Das Dichten wird's schon richten“.

Gernhardt war kein Skeptiker, der angesichts einer verbrauchten, verhunzten und verschlissenen Sprache an seinem Material verzweifelt und über der Verzweiflung verstummt wäre. Im Gegenteil, im trotzigen Beharren auf der Sagbarkeit der Welt, auf der Unverwüstlichkeit des Reims, der kalauernd, artistisch, beschwörend oder magisch aufzutreten vermag, hatte Gernhardt eine Aufgabe gefunden, der er unverbrüchliche Treue hielt: Es war die „Wacht am Reim“.

„Was das Gedicht alles kann: alles.“

In seiner Frankfurter Poetikdozentur führte Gernhardt 2001 durch das „Haus der Poesie“ und versammelte in fünf Vorlesungen Belege für die These, die der Dozent zu Beginn der Veranstaltung in den Raum gestellt hatte: „Was das Gedicht alles kann: alles.“ Gernhardt führte durch die Geschichte der Lyrik, als handelte es sich um eine Schloßbesichtigung, präsentietrte die Prunkstücke der Sammlung, „danke, danke, danke, Herr Brecht!“, leuchtete aber auch in dunkle Ecken, bat die Kollegen aufs Podium und schob sie bei Mißgefallen ungnädig wieder herunter: „Schade, Herr Neumann, danke, Herr Neumann.“ Gernhardt war ein Vortragskünstler, erprobt in unzähligen Lesungen, der die Dichterolle niemals öffentlich zelebrierte, sondern fast schon im Kleinkünstler und Kabarettisten zum Verschwinden brachte.

Die Souveränität, mit der er über den Fundus der Lyrikgeschichte gebot, war beeindruckend, aber noch beeindruckender war seine Fähigkeit, Verse anderer prüfend zu drehen und zu wenden, zu betasten und zu beklopfen, zu zitieren und zu parodieren, sie umzudichten oder aber, in der gefürchteten Gernhardtschen „Umkehrprobe“, sie als Wortgeklingel zu entlarven und vom Podest zu stoßen. Dichtkunst war ihm immer auch Handwerk, und wer die Regeln der Metrik nicht behrschte oder ihnen schlau ein Schnippchen zu schlagen wußte, durfte nicht mit Gnade rechnen. Der Dichter als Richter, das konnte heftige Kollegenschelte bedeuten.

Genießer ohne Selbstzufriedenheit

Man kann nur vermuten, wieviel ihm die relativ späte Anerkennung, die hohen Auflagen seiner zahlreichen Bücher und die Flut der späten Preise und Auszeichnungen bedeutet haben. Sie dürften wohl frühere Verletzungen und Kränkungen gemildert haben, denn die Anerkennung als Lyriker wurde ihm lange verweigert. Gernhardt wurde gern der Oberflächlichkeit geziehen und so auf die oberflächlichste, leichtfertigste Weise in die Schublade des Humoristen gestoßen. Daß ihm der Büchnerpreis verwehrt blieb, sei der Darmstädter Akademie in Ewigkeit nicht verziehen.

Aber auch diese Auszeichnung hätte ihn nicht versöhnt mit dem Ungenügen an sich selbst, das er als Produktivkraft hegte. Wer Gernhardt kannte und ihn im Kreis von Freunden oder als Gastgeber zusammen mit seiner Frau Almut erleben durfte, sah sich einem Genießer gegenüber, dem Selbstzufriedenheit fremd war, einem fröhlichen Grübler, der sich vom Leben nicht mehr überaschen, aber gerne verblüffen ließ und der die Kunst als Aufgabe verstand, die nicht zu bewältigen war und ihm deshalb auch nicht abhanden kommen konnte. Daß er dem jahrelangen Kampf gegen den Krebs nicht nur die zutiefst berührenden „K-Gedichte“ abgerungen hat, sondern in den letzten Monaten noch zwei Bände mit Gedichten und Erzählungen vollenden konnte, grenzt dabei schon ans Unglaubliche. In der Nacht zum Freitag ist Robert Gernhardt gestorben. Und dennoch, es bleibt dabei: Gevatter Tod war nur der Gehilfe dieses Dichters.



Text: F.A.Z., 01.07.2006, Nr. 150 / Seite 49
Bildmaterial: F.A.Z.-Ruechel

 
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