25. August 2004 Ralph Ellisons junger Mann hat alles unternommen, um es in New York zu etwas zu bringen. Aber weder seine Wall-Street-Aktentasche noch der heroische Entschluß, zum Frühstück Toast und Orangensaft zu bestellen, bringen ihn weiter. Er bleibt "Der unsichtbare Mann", der Schwarze, durch den jeder hindurchsieht.
An einem verschneiten Winterabend läßt er sich gehen und genehmigt sich Yams, süße Kartoffeln, wie man sie zu Haus in den Südstaaten ißt. Kurz darauf beobachtet er eine gewaltsame Räumung, bei der ein altes schwarzes Ehepaar auf die Straße befördert wird. Die Yams wirken wie ein Zaubermittel: Er findet zu einer Sprache, die nichts mehr mit dem artigen Englisch zu tun hat, das er auf dem College lernte. Indem er ein paar Stufen ersteigt, ruft er die aufgebrachten Zuschauer in einer rhetorisch brillanten, von Rede und Gegenrede befeuerten Gospelpredigt zur Gegenwehr auf.
Stoizismus im Schatten des Weltgeistes
Diese Szene ist der größte der vielen Wendepunkte, an denen Ellisons Held mit seinen Illusionen die Angst verliert und zur Freiheit erwacht. Doch die Wiederentdeckung seiner Muttersprache trägt ihn weiter, als ihm selbst geheuer ist. Er durchschaut die Interessen der weißen Gewerkschaft, die ihn zu ihrer Marionette macht, und setzt sich schließlich auch von einer anarchischen Straßengang ab, die Harlem aufmischt. Sein unbestechliches, vom Blues erzogenes Ohr verweist ihn immer wieder auf die nicht organisierten einzelnen zurück, die durch die Geschichte fallen. Deshalb taucht er schließlich wie Johannes in einer großstädtischen Höhle unter, um sein Leben aufzuschreiben. Dort erschafft er ein hinreißend lebendiges Dokument seiner Lehrjahre in der amerikanischen Apartheidgesellschaft, der grotesken Demütigungen und der Verwirrungen, in die ihn seine Naivität manövriert.
Das resultierende Buch strotzt von Originalen, die mit philosophischem Stoizismus im Schatten des Weltgeistes stehen, von funkensprühenden Grenzsituationen und irrwitzigen Dialogen, die der Slang hypnotisch skandiert. Der Trompeter und Komponist Ralph Ellison hat seinem 1951 erschienenen Roman eine kompositorische Musikalität mitgegeben, die in Leitmotiven und Reprisen übrigbleibt, wenn alle Sinnentwürfe überholt sind. Mit dieser dem kollektiven Erbe entwundenen Zauberwaffe und im Vollbesitz des "weißen" literarischen Kanons von Kafka bis Conrad verfaßt er das Evangelium der Individualität und markiert so zehn Jahre vor Martin Luther King den neuralgischen Punkt, auf den alle Hautfarben werden schwören können.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.08.2004, Nr. 198 / Seite 35
Bildmaterial: Ammann