13. Januar 2008 Das freundliche Äußere von Wladimir Sorokin steht in Gegensatz zu seinen Büchern. Sie handeln von Terror und blutiger Gewalt. Im Tischtennisraum seines Hauses am Moskauer Stadtrand spricht der Autor über sein neues Buch und seine Hoffnung auf Demokratie in Russland.
In wenigen Tagen erscheint die deutsche Übersetzung Ihres Romans Der Tag des Opritschnik, der in Russland in einer recht nahen Zukunft spielt. Im Land wütet ein Terrororden, ein Klon der Opritschnina-Spezialgarde von Zar Iwan dem Schrecklichen. Der Bewohner des immer offener autoritären Putin-Staats meint bei der Lektüre, in einen Prognosespiegel zu schauen. Wie kam es, dass Sie plötzlich ein derart wirklichkeitsinspiriertes Buch geschrieben haben?
Warum, könnte ich beim besten Willen nicht sagen. Kunstwerke ereignen sich. Der Opritschnik erwischte mich völlig unerwartet. Ich hatte fünf Jahre Arbeit an der Ljod-Trilogie hinter mir, die einem brutalen, esoterisch weltflüchtigen Orden Auserwählter nachspürt, und war auf eine Ruhephase eingestellt. Beim Spazierengehen mit meinem Hund warf ich ihm einen Knochen zu. Doch statt ihn zu apportieren, tanzte das Tier um den blutigen Knochen herum. Das wirkte auf mich wie ein Katalysator. Übersättigte Salzlösungen kristallisieren sich manchmal plötzlich. Offenbar hatte sich in mir viel realgeschichtliches Salz abgelagert. Ich schrieb den Opritschnik in sechs Wochen nieder. Weitere acht Wochen schrieb ich ihn um. Der volkstümliche, von der mündlichen Rede inspirierte Tonfall, den die russische Philologie Skas nennt, macht den Opritschnik zu einer Art Prosagedicht. Nie habe ich ein Werk so sehr als Poesie erfahren. Der Text musste für die Straße taugen. Er war wie eine Partitur, keine Note durfte falsch klingen.
Ihre vorigen Bücher, der Himmelblaue Speck, die Ljod-Trilogie, waren vor allem metaphysische Gleichnisse. Im Opritschnik landen Sie nun auf dem Erdboden des neuen russischen Geheimdienststaats. Ließen sich die Brutalitäten der neunziger Jahre leichter sublimieren, weil es schien, das postsowjetische Russland habe das Schlimmste hinter sich - während es seit der Jahrtausendwende scheint, als stünde das Schlimmste noch bevor?
Meine Ljod-Romane und der Opritschnik wurden wirklich von zwei unterschiedlichen Autoren geschrieben. Ich war immer apolitisch. Zur Sowjetzeit schrieb ich zwar antisowjetische Texte, war aber nie Dissident. In den neunziger Jahren verstand ich mich als internationaler Autor. Ich war Weltbürger, Antikommunist, dabei aber in erster Linie Metaphysiker. Putin hat unseren politischen Kompass umgestellt. Das kommunistische Gespenst ist plötzlich wieder da. Zum ersten Mal fühlte ich mich als Staatsbürger gefordert. Der Opritschnik wurde ein Buch über das Hier und Jetzt. Eine Bekannte aus der russischen Business-Elite hat gesagt, die neunziger Jahre seien lustig und schrecklich gewesen - die ersten Jahre des einundzwanzigsten Jahrhunderts aber seien nur noch schrecklich. Solche Dinge beeinflussen das Schreiben.
Sie verwahrten sich stets gegen den didaktischen Anspruch der russischen Literatur. Inzwischen ist auch in Ihrer Heimat die Kultur kommerziell geworden. Sie selbst sind ein Star der Hochglanzpresse. Und da erfinden Sie eine Art neuen Realismus. Welche Aufgabe stellen Sie heute an die Wortkunst?
Immer die gleiche: mich in der Wirklichkeit zu verorten. Schreiben ist für mich eine Überlebenshilfe. Für mich steht keines meiner Bücher über den anderen. Jedes ist die Frucht einer bestimmten Epoche. Wenn der äußere Druck ansteigt, wie jetzt, wächst die Macht des Wortes. Viele nachdenkliche Russen sehen heute nicht mehr fern, Nachrichten holen sie sich aus dem Internet. Es werden mehr ernste Bücher gelesen. Die Auflagen unserer erfolgsverwöhnten Krimiautorinnen fallen. Russlands kulturelles Markenprodukt bleibt ja die Literatur. Deutschland wird durch Bach und Kant auf dem Kulturweltmarkt vertreten, wir durch Tolstoi und Dostojewski.
Der russische Schriftsteller hat nur seine Aura verloren. Viktor Jerofejew ist Fernseh-Talkmaster, Viktor Pelewin gibt sich als Internet-Gespenst. Sie ähneln noch am ehesten einem Klassiker.
Ja, unsere Schriftsteller haben die Ketten der didaktischen Mission abgeworfen. Leute wie Jerofejew, Pelewin, Ulizkaja sind keine Lebenslehrer mehr. Sie werfen Fragen auf. Vom Nichtschriftsteller unterscheidet sich der Schriftsteller nur durch seinen geschärften Blick. Er nimmt Phänomene wahr, die der Normalbürger übersieht, wie ein Pilzsammler.
Wobei die russischen Pilzsammler auffällig viele Antiutopien finden. In Pelewins neuestem Roman Empire V ernährt die Normalmenschheit eine übergeordnete Kaste von Vampiren. Dmitri Gluchowskis Bestseller Metro 2033 schildert, wie nach der Atomkatastrophe Moskauer in U-Bahn-Schächten überleben.
Ganz unterschiedliche Autoren wählen das Genre der Antiutopie. Wenn man die russische Wirklichkeit betrachtet, wirkt sie wenig literarisch. Doch wenn man ihre Umrisslinien Richtung Zukunft verlängert, gewinnt auch die Gegenwart Tiefenschärfe.
Ihr Tag des Opritschnik ist beim russischen Publikum schon Legende. Dissidenten, Fernsehstars, Kremlgurus und Nationalisten zitieren das Buch. Als es vor gut einem Jahr in Moskau erschien, äußerten Sie die Hoffnung, dass es wie ein Gegengift wirken und Ihr Land von dem darin skizzierten Weg abbringen könne. Die gegenwärtige Entwicklung in Russland lässt es eher prophetisch erscheinen.
Mit seiner Machtvertikale hat Putin versucht, das Sowjetsystem wiederzubeleben. Stattdessen steht das russische Imperium Iwans des Schrecklichen wieder auf. Die neue Gesellschaftspyramide sieht im Innern und nach außen nur Beziehungen von Befehl und Gehorsam vor. Zugleich wurde der russische Staat zum Geschäftsmodell. Unser Moralkodex ist feudal, folgt korporativen Interessen. Ich handle so, wie mein Vorgesetzter es mir vorschreibt. Unsere Führung redet uns ein, dass wir anders nicht überleben können. Dass Amerika uns erobern und Europa unsere Energieressourcen wegpumpen will.
Was könnten Sie Putin raten?
In Russland gehört es heute zum guten Ton, die neunziger Jahre schlechtzureden. Liberalismus ist ein Schimpfwort, ebenso Intelligenzler. Dabei hat Russland in den neunziger Jahren bewiesen, dass es demokratisch sein kann. Damals wurde die Marktwirtschaft eingeführt, damals wuchs eine Mittelklasse, der wir unsere relative Stabilität heute verdanken. Damals orientierte sich Russland am Westen. Jelzin versuchte, Demokratie zu lernen, er schämte sich dessen nicht. Jetzt sagt Putin, wir bräuchten keine Nachhilfe in Demokratie. Doch ich kann keine wichtigere Aufgabe erkennen. Ein demokratisches Russland wird nicht untergehen.
Welche Zukunft erwarten Sie für Ihr Land?
Ich hoffe, es noch zu erleben, dass meine Heimat demokratisch geführt wird.
Viele russische Intellektuelle und Politiker sagen, die Europäer hätten die russische Großmachtpolitik mitverschuldet, weil sie in den neunziger Jahren ihre Märkte nicht öffneten und lieber mithalfen, die russische Industrie zugrunde zu richten. Sind Sie auch der Ansicht?
Ich war in jener Zeit oft in Deutschland und habe gesehen, wie groß das Interesse an Russland war. Unsere Fortschritte in Richtung Freiheit wurden mit echter Freude aufgenommen. Das Ressentiment gegen Europa wurde von unseren Machthabern geschürt, die lieber Feindbilder kultivieren, als Brücken zu bauen. Unsere chauvinistische Ideologie stilisiert Russland zu einer großen Kuh, die alle Welt schlachten und auffressen will.
Als die Präsidentenjugendorganisation der Unsrigen (Naschi) sich noch die Zusammengehenden (Iduschtschie wmeste) nannte, vernichtete sie demonstrativ Ihre Bücher und nannte Sie einen Pornographen. Wie sind Ihre jüngsten Erfahrungen mit den Naschisten?
Die Unsrigen sind die Sturmabteilung des Kreml, sie sollen den Enthusiasmus der Jugend vorführen. Oft werden sie mit dem Komsomol verglichen; das ist aber nicht korrekt. Diese Nachwuchsbürokraten sind vollkommen zynisch. Wenn der Geldhahn zugedreht wird, werden sie sich augenblicklich auflösen. Als im November erstmals die Kreml-Schulkinderorganisation, die Bärchen (Mischki), demonstrierte, traten sie unter der Parole auf: Danke, Wladimir Putin, für unsere erfolgreiche Zukunft! Zum Glück komme ich neuerdings nicht mit den Naschisten in Berührung. Die Unsrigen jagen heute eher Großwild, Oppositionspolitiker wie Michail Kassjanow oder Garri Kasparow.
Im vorigen Jahr haben Sie nach sieben Jahren Pause wieder ein Drama verfasst, das vom Moskauer Theater Praktika uraufgeführt wurde. Das Stück Kapital schildert, wie eine Bankbelegschaft durch mystische Gruppenrituale die Liquidität steigert.
Der Vorgang des Geldverdienens ist bei uns stark mythologisiert. Die neunziger Jahre waren eine Zeit blutiger Abenteuer. Den heutigen Kapitalismus erlebt das volkstümliche Unterbewusstsein als Suche nach verborgenen Schätzen, das man sich zumal in der Provinz als Sack Gold, als Eimer voll Brillanten oder eine Milliarde Dollar Cash vorstellt. In meinem Stück steht der Bankdirektor, der sich für jede strategische Entscheidung eine Gesichtsnarbe verpassen lässt, physisch für die Geschäftsentscheidungen ein. Das ist wie eine sakrale Buße. Frühere Arbeiten fürs Theater hatten mich enttäuscht. Doch die Praktika-Bühne ist ein lebendiges Gewächs in der Moskauer Kultursteppe. Der Auftrag ihres Leiters, Eduard Bojakow, hat den Dramatiker in mir wiedererweckt.
Ihre Romanfiguren fügen einander, manchmal auch sich selbst ausgeklügelte Gewalttaten zu. Inwieweit spiegelt sich darin persönliche Gewalterfahrung?
Ich bin in einem totalitären Staat aufgewachsen. Die Sowjetunion wurde in den zwanziger und dreißiger Jahren durch Massenterror errichtet. Die Bolschewiken machten das Leben zum ewigen Kampf. Seit der Schule lernte man, dass man sich nie ergeben darf. Diese pathologische Weltsicht scheidet die Außenwelt in Feinde und Verbündete beziehungsweise Unsrige. Die Unterdrückung begann im Kindergarten, wo wir stets in Zweierreihen gingen. Zum Mittagsschlaf mussten wir auf der rechten Seite liegen, die Hände unter der rechten Wange gefaltet. So formte sich der kollektive Körper. In der ersten Klasse nahm mich die Lehrerin bei den Haaren, drückte mein Gesicht ins Schulheft und fragte: Was steht dort geschrieben? Ständig hatte ich das Gefühl von Erniedrigung und Schuld. Ständig gelobte ich, mich zu bessern. Das war auch das Versprechen, mit dem kollektiven Körper zu verschmelzen.
Antoine de Saint-Exupéry hat im Zweiten Weltkrieg beobachtet, dass, wer ständig leidet, im Leiden Genuss zu finden lernt. Gibt die russische Gesellschaft ein Paradebeispiel für die Kunst, sich am eigenen Unglück zu delektieren?
Die russische Kultur besitzt einen überreichen sadomasochistischen Erfahrungsschatz. Der Mensch lernt, sich bald als Hammer, bald als Amboss zu fühlen. Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ist davon geprägt. Der obrigkeitlich erniedrigte Mann sucht bei der Frau Trost, lässt aber auch seine Aggression an ihr aus. Im Gegenzug spielt die Frau Barbiepuppe, um einen Versorger zu angeln, und macht sich dann durch Bemuttern unentbehrlich. Dieser Infantilismus setzt sich in der Politik fort. Unsere Oppositionspolitiker sind wie Teenager, die gegen den Papa rebellieren, sich aber in die Hosen machen, wenn sie selbst Verantwortung übernehmen sollen. Dazu sind sie nicht in der Lage. Jelzin konnte das. Er hat sich die Macht erkämpft. Und die Macht machte ihn glücklich. Auch darin unterschied er sich von Putin, der nicht offen um sein Amt kämpfte und dem es, seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, nicht wirklich Freude bereitet.
Das Gespräch führte Kerstin Holm
Text: F.A.Z., 12.01.2008, Nr. 10 / Seite Z6
Bildmaterial: Burkhard Neie