Martin Mosebach

Frankfurter Nebelfürst

Von Edo Reents

Nötigt Kritiker zu höchsten Vergleichen: Martin Mosebach

Nötigt Kritiker zu höchsten Vergleichen: Martin Mosebach

07. Juni 2007 Sein Weg weckt Assoziationen an die Romanhelden vergangener, ihm selber freilich bestens vertrauter Epochen: Wenn es stimmt, dass Martin Mosebach, geboren am 31. Juli 1951 in Frankfurt am Main, die Rechtswissenschaften „schlampig, schlecht und improvisiert“ (Mosebach) betrieben hat, dann muss er ein Verwandter der quer zur Gesellschaft stehenden und schon deswegen tiefer blickenden Taugenichtse sein.

Von ihnen mag er (auch) gelernt haben, dass der Held am interessantesten ist, der den Ansprüchen der Leistungsgesellschaft nicht genügt, und sich der edlen Resignation mehr abgewinnen lässt als dem plumpen Aufbegehren. Das vollendet gewandte Auftreten, die glänzend geschliffene Sprache des Autors, der Mosebach nach dem Zweiten Staatsexamen (1979) wurde, dementieren eine solche Zuordnung nur äußerlich: Denn nicht nur, dass schon sein Vater, der Arzt war, „vollkommen in der Poesie“ lebte – die Helden seiner eigenen Romane wecken klassisch-romantische Erinnerungen aufs stärkste.

Weiblicher Charme aus einer versunkenen Welt

Golo Mann wurde auf das Talent aufmerksam, das seine Erzählungen bis dahin mehr zum Zeitvertreib geschrieben hatte. Der Roman „Das Bett“ (1983) lässt einen nach Frankfurt heimkehrenden deutsch-jüdischen Emigrantensohn sich in das Bett seines alten Kindermädchens verkriechen – Metapher einer Heimat, die auch der Autor selber in der literarischen Szene nie richtig gefunden haben will.

In diesem, aber nur in diesem Sinne ist Mosebach ein altmodischer Autor, dessen Sprachbewusstsein Kritiker zuweilen dem Missverständnis aufsitzen ließ, sie hätten es mit einem Sprach- und also Selbstverliebten zu tun – ein Vorwurf, der schon Thomas Mann gemacht wurde, mit dem (und mit Musil) Mosebach seit seinem Debüt verglichen wird. „Ruppertshain“ (1985) lässt zwei Welten aufeinander prallen: das Immobiliengeschäft und den lebensuntüchtigen weiblichen Charme aus einer versunkenen Welt.

Rang als Ausnahmeerzähler

Das Versstück „Rotkäppchen“ wurde 1992 in Frankfurt uraufgeführt; der Roman „Westend“ (1992) war das Dokument einer ambivalenten Frankfurt-Liebe, in sechs Jahren zu einem Achthundert-Seiten-Ungetüm aufgeschichtet. Weitere Prosa („Stillleben mit wildem Tier“, 1995; „Das Grab der Pulcinellen“ 1996; „Die schöne Gewohnheit zu leben. Eine italienische Reise“; 1997), dazu Lyrik („Das Kissenbuch“ und „Album Raffaello“, 1995) zeigten intime Kennerschaft verschiedenster Zeiten, Formen und Räume; „Die Türkin“ (1999) führte die Orientsehnsucht als schwer heilbare Intellektuellenkrankheit humoristisch vor.

Vollends wies das nächste Frankfurt-Epos seine elegante Meisterschaft aus: „Eine lange Nacht“ (2000), die Geschichte eines durchgefallenen, aber märchenhaft aufsteigenden Examenskandidaten, nötigte die Kritiker zu höchsten Vergleichen und Etiketten. „Der Nebelfürst“ (2001), die zur vorvergangenen Jahrhundertwende spielende, halbphantastische Hochstaplergeschichte, festigte Mosebachs Rang als Ausnahmeerzähler.

„Das Beben“ (2005) pries Michael Maar in der F.A.Z. als das Werk eines endgültig konkurrenzlos gewordenen Romanschriftstellers. Der Autor von Filmdrehbüchern, Theaterstücken, Hörspielen, Opernlibretti und Reportagen verfasste auch zahlreiche literatur-, kunst- und religionsgeschichtlich gesättigte Essays, viele davon für die F.A.Z..

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

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