Verlagswelt

Kritik der merkantilen Vernunft: Suhrkamps Kurs

Von Richard Kämmerlings

Perle aus dem Herbstprogramm: Juri Andruchowytschs “Zwölf Ringe“

Perle aus dem Herbstprogramm: Juri Andruchowytschs "Zwölf Ringe"

18. Januar 2006 Um zu wissen, wie die Dinge bei Suhrkamp stehen, muß man nur einen Blick auf den druckfrischen Frühjahrskatalog des Verlags werfen. Wohlgemerkt: auf den Katalog, noch nicht einmal hinein. Denn außer dem Schriftzug des Hauses finden sich dort, in alphabetischer Reihenfolge und klein untereinandergedruckt, 52 Autorennamen.

52 Titel eines Halbjahres wie immer ohne jede Gewichtung; Brecht und Beckett neben Bollon (einem Cioran-Biographen), Brigitte Kronauer neben Wojciech Kuczok (einem polnischen Debüt), Hermann Hesse neben Karin Kiwus (einer, na ja, Lyrikerin). Die Graphik stellt klar: Jeder Autor ist uns gleich wichtig, jeder lesenswert, der Star ist die Mannschaft - ein Albtraum für das Marketing und wohl auch für viele Buchhändler.

Jetzt sind es nur noch drei

Wie also stehen die Dinge bei Suhrkamp? Nähme man die teils hämischen, teils mitleidigen Reaktionen der Branche auf die Trennung des Verlags vom angesehenen Vertriebs- und Marketingchef Georg Rieppel zum Nennwert, dann stehen sie ganz schlecht - und die sinnbildhafte Autoren-Egalität der Vorschau wäre ein kleines Symptom für eine große Krise. Daß sich Rieppel mit seinen Vorstellungen - Reduktion der Titelzahl, massierte Spitzentitelwerbung (und vermutlich auch eine Generalüberholung der Vorschau!) - nicht durchsetzen konnte, wird als Ausdruck für verlegerischen Reformstau gewertet, für den Unwillen (oder die Unfähigkeit), sich mit härteren Bandagen auf einem sich rasch wandelnden Markt zu behaupten.

Nun wurde bekannt, daß Suhrkamp den Posten nicht neu besetzt, sondern seine Führung umsortiert: Verkauf und Vertrieb werden vom Marketing getrennt und deren Leitungen jeweils hausintern besetzt. Daraus folgt, daß es künftig nur drei Geschäftsführer gibt - neben Ulla Unseld-Berkewicz und Programmleiter Rainer Weiss übernimmt der kaufmännische Geschäftsführer Philip Roeder auch die Verantwortung für Rieppels Bereich. Auch das mag man als unzeitgemäße Zurückstufung des Merkantilen werten, als Bekenntnis zum business as usual - auch wenn das unter Siegfried Unseld ja keineswegs bedeutete, den Interessen des Buchhandels die kalte Schulter zu zeigen.

Vielleicht ist Weltfremdheit der Preis

Es sagt viel über die fortgeschrittene Kommerzialisierung der Branche, wenn sich Teile der Literaturkritik heute mehr um die Vermarktungskünste der Verlage sorgen als um deren zunehmenden Bestsellerwahn und den damit verbundenen Substanzverlust. Als kritischer Beobachter der Branche kann man doch heilfroh sein, wenn man einmal nicht von greller Spitzentitelwerbung mit beigelegten CDs und Gimmicks behelligt, mit aus der Luft gegriffenen Startauflagezahlen veralbert und mit der Nase auf die Relevanz irgendeines Popkultjungstars gestoßen wird. Sondern wenn man selbst ganz genau hinschauen muß, um die Perlen im Programm zu entdecken - im vergangenen Herbst bei Suhrkamp etwa den Ukrainer Andruchowytsch oder den Ungarn Attila Bartis, im Frühjahr den genannten Kuczok oder den amerikanische Berserker William T. Vollmann - was hätten andere Verlage da wieder hörnervtötend getrommelt von wegen neuer Pynchon/Franzen/Ellis! Noch findet Kritik nicht im Wirtschaftsteil statt; das Feuilleton ist nicht das Börsenblatt des Buchhandels.

Da wird Ulla Unseld-Berkewicz von manchen Kommentatoren geradezu zu einer Art Susanne Osthoff des Verlagswesens stilisiert, zu einer weltfremden Idealistin und gefährlichen „Überzeugungstäterin“, die zum Ärger der Buchhändler anstelle von ökonomisch überlebensnotwendigen Bestsellern einen „Verlag der Weltreligionen“ sozusagen als Privatgegnügen aus dem Boden stampft - als sei Gott kein brisantes Thema unserer von Kulturkämpfen zerrissenen Epoche. Natürlich wäre es tragisch, wenn Suhrkamp durch seine Beharrungskräfte finanziell in eine Schieflage geriete. Doch kennt niemand die Bilanzen, und noch hat es keinen Sparkurs oder gar Entlassungen gegeben. Weltfremdheit ist vielleicht der Preis für Literaturvertrautheit. Und in erster Linie auf literarische Qualität zu setzen ist ein unternehmerisches Risiko, ohne Zweifel. Wenn selbst Suhrkamp es nicht mehr eingehen dürfte, wer dann?

Text: F.A.Z., 19.01.2006, Nr. 16 / Seite 31
Bildmaterial: Surhkamp

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