Von Rose-Maria Gropp
05. Juli 2008 Gespräche über die Bücher, die Bodo Kirchhoff im Laufe von nun dreißig Jahren seiner Schriftstellerexistenz geschrieben hat, geraten regelmäßig ins Kontroverse. Dafür oder dagegen: Begründungen laufen stark ins Befindliche. Wobei die Gegner mit hoher Wahrscheinlichkeit so sprechen, als kennten sie den Autor - persönlich, gewissermaßen auf Du-und-Du - und könnten sich folglich ihr Urteil aus der Tiefe des seelischen Raumes erlauben.
Diejenigen aber, die einfach Bücher von Kirchhoff lesen und hochschätzen, sehen sich nicht selten zum Offenbarungseid ihres Literaturverständnisses genötigt, ohne mit vergleichbar intimem Wissen über den Verfasser dagegenhalten zu können. Irgendwie steht man dann da und ist halt unterhaltungssüchtig; doch man weiß es natürlich besser.
Teilnehmender Beobachter
In einem kleinen feinen Punkt könnte diese gescheiterte Kommunikation daran liegen, dass die Gegner im Ich-Erzähler stets den Autor Kirchhoff identifizieren; die uralte Nummer eben, die zu vermeiden wäre, aus dem Grundkurs Literatur, als die Universitäten noch Handwerkszeug unterrichteten. Allerdings macht es der Autor da seinen Kritikern auch allzu einfach, so wie er auf seiner sorgfältig gepflegten Website selbst Wirklichkeit und Fiktion aufmischt.
Um zu Kirchhoff zu stehen, ist man also gewissermaßen genötigt, ihm selbst Widerstand entgegen zu setzen, ihm Widerrede zu leisten (immer gelingt das freilich nicht) bei seinen Ich- und Autorspielen. Immerhin haben wir es mit einem Mann zu tun, der 1978 an der Universität Frankfurt mit einer Arbeit über den Psychoanalytiker Jacques Lacan, aus der teilnehmenden Beobachtung von heilpädagogischer Gruppenpraxis heraus, promoviert wurde. Das hat was, und schon diese schöne Anstrengung lässt sich getrost eine contradictio in adiecto nennen: der französische Theorie-Leitwolf des Narzissmus als Führer zu den Anderen, zur Erkenntnis der Gemeinschaft.
Schreiben als Brotberuf
So lässt sich Kirchhoff doch lesen, am besten aus angemessener Distanz, mit purem Textbegehren - und mit der Bereitschaft, in die Abgründe phantasierter Welten zu stürzen, mitgerissen von einem Parlando, gemäß dem programmatisch ironischen Titel seines großen Romanwurfs aus dem Jahr 2001. Deshalb spielt es in Eros und Asche zum Beispiel, seinem bisher letzten Roman, auch keine Rolle, dass der Freund M. darin tatsächlich gelebt hat (und dass ihm 2005 Kirchhoff einen bewegenden Nachruf gewidmet hat). Denn jeder Schriftsteller, der etwas zu sagen hat, das jeden von uns, jeden seiner Lesern nämlich, erreichen kann, arbeitet mit Karten, die sein Leben gezinkt hat; offen oder verdeckt, als solitäre Patience oder als Gesellschaftsspiel. Entsprechend ist Kirchhoff ausgespielt worden gegen einen seiner Generation wie Botho Strauß oder eingesetzt als Joker à la Gabriel García Márquez.
Für Kirchhoff ist Schreiben immer auch Brotberuf, und er hat sich stets dazu bekannt; er hält Schreibseminare ab und verfasst Drehbücher, für einen Tatort zum Beispiel. In Eros und Asche ist diese Haltung vom Ich-Erzähler kommentiert: Nicht selten heißt es - und etwas Geringschätziges schwingt darin mit -, meine Romane seien Filmvorlagen. Falsch, eher sind es Filme, die einem beim Lesen vor Augen stehen, eine Verfilmung erübrigt sich, und es kam bisher auch noch nie so weit, trotz manch gezahlter Option.
Verlangen und Seinsverfehlen
Das ist es schon: Es geht um die Evokation von Vorstellungen, bis auf die Spitze getrieben in Kirchhoffs Schundroman, der die Selbstpersiflage als verwegen verdorbenes Geniestück inszeniert. Auf dem reißerischen Umschlag des Schundromans steht 2002 ein Satz, der dem schrägen Killer-Held Willem Hold zwischen den Zähnen knirscht: Warum tut lieben mehr weh als töten?
Das ist eine der besten Fragen von der ganzen Welt. Was also Kirchhoff fort und fort verhandelt ist nicht einfach Sex & Crime, sondern das Verlangen und das Seinsverfehlen - Leben als notorischer Selbstentwurf im Schreiben. Auch dafür steht sein bislang letzter Roman: Der Erzähler konstruiert sich aus dem anderen, dem Freund, dem das Buch ja gelten soll, der den Freundschaftsroman - in weicher Anlehnung an die Freundschaftsporträts der Romantiker - nachgerade von ihm gefordert hat. Bodo Kirchhoff ermöglicht seinem Leser diese Selbsterschaffung, er öffnet solche Räume, manche sind warm, manche von schöner Verantwortungslosigkeit. Am morgigen Sonntag wird Bodo Kirchhoff sechzig Jahre alt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS, dpa
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