FAZ.NET-Spezial

Trauer um Joachim Fest

22. September 2006 Der Historiker, Schriftsteller und langjährige Mitherausgeber der F.A.Z., Joachim Fest, ist am Freitag auf einer Trauerfeier in der Frankfurter Paulskirche gewürdigt worden. Fest war am 11. September in Kronberg im Alter von 79 Jahren gestorben. Als „großen Erzähler“, der von der „schlimmsten deutschen Geschichte in Dienst genommen wurde“, bezeichnete ihn der Schriftsteller Martin Walser.

Walser sagte in seiner Trauerrede: „Die Kunst seines Erzählens führt uns Göring, Goebbels, Himmler und Konsorten vor, als ein Quartier des Verbrechens und der Gewissenlosigkeit“. Fest sei mit seinen Büchern über den Nationalsozialismus „eine Erweiterung unseres Bewußtseins vom Menschenmöglichen“ gelungen. In seinem letzten Buch, dem am Freitag erschienenen Erinnerungsbuch „Ich nicht“, habe Fest die Figur herausgestellt, der er sein Leben als Erzähler und Künstler zu verdanken habe: seinen Vater. Walser fragte: „Wie stünden wir da, wenn der Rohheit und Kälte in Deutschland nicht die Feinheit und Wärme dieses Vaters entgegenstünden“.

„Hingerissenheit für das Schöne“

Auch Frank Schirrmacher, einer der Herausgeber der F.A.Z., hob in seiner Rede hervor, wie für Fest unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Diktatur Familiengeschichte zur „Gegengeschichte der Weltgeschichte“ geworden sei. In diesen Jahren der Diktatur und sozialen Deklassierung sei Fest zum Künstler geworden. „In diesen Jahren trainierte er sich beides an - die äußere Leidenschaftslosigkeit und Temperamentskontrolle einerseits; die brennende, ganz jungenhafte Hingerissenheit für das Schöne andererseits“, sagte Schirrmacher. Oft vergessen worden sei, daß Fest ein „leidenschaftlicher Journalist“ gewesen sei, der Debatten ausgelöst habe, die weit über den Radius einer Tageszeitung hinausreichten. Er habe aus dem Feuilleton dieser Zeitung gemacht, „was es ist“.

Der langjährige Redakteur und Kunstkritiker dieser Zeitung, Eduard Beaucamp, sagte, Fest sei kein rückwärts gewandter Konservativer gewesen. Als Kunstsammler habe er den Umgang mit zeitgenössischen Künstlern gesucht. Er habe ästhetische Ideologien abgelehnt und viele Debatten über Kunst gefördert. Der Historiker Hagen Schulze bedankte sich bei Fest, weil er der Geschichtsschreibung „ihr Publikum“ wiedergegeben habe. Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth sprach von einem „großen Bürger der Stadt“, dem Bürgerlichkeit „nicht Fassade, sondern Selbstverständnis war“. Er habe „den Schleier des Dämonischen von den größten Verbrechern des vergangenen Jahrhunderts“ gezogen. Dabei habe er das historische Material „mit genuin literarischen Qualitäten“ beschrieben.



Text: F.A.Z., 23.09.2006, Nr. 222 / Seite 1

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